Wer die Stadt Zürich überblicken will, ist beim Schützenhaus Albisrieden an einem guten Ort. Da der Letzigrund, dessen Scheinwerfer von hier oben aussehen wie die Kerzen eines Geburtstagskuchens. Dort der Prime Tower. Rechts das Gleisfeld des Hauptbahnhofs. Und, gleich da unten, wenn man weiss wo: die Gebäude der Siemens Schweiz AG, des Arbeitsorts von Bernhard Guhl, Elektroingenieur, Aargauer BDP-Nationalrat – und begeisterter Läufer.

An diesem Frühlingsmittag kündigt sich Guhl als rotes T-Shirt an, das zwischen dem grünen Gras und den weissen Gänseblümchen wie von einem unspürbaren Wind zügig den Hügel hinaufgeweht wird.

Während seine Kollegen in der Kantine essen, geht Guhl trainieren. Jetzt, im Frühling, sei es «wunderbar», draussen zu sein: «Man kann den Bärlauch riechen, spüren, wie die Sonne stärker wird.»

Er sehe Büsche und Sträucher, Bäume und Blumen. «Da denk ich mir: Zum Glück gibt es noch Sachen, die der Mensch nicht so steuern kann, wie er will.» Guhl hat ein Ziel vor Augen: den Aargau-Marathon, der am 1. Mai zum 1. Mal stattfindet.

Auch Hochuli und Koradi tun es

Wer will, kann sich über seinen Trainingsfortschritt en détail informieren: Für die Veranstalter des Aargau-Marathons führt der 43-Jährige ein Online-Tagebuch. Titel: «Ein Nationalrat rennt».

10. März: «Nach vier Tagen im Bundeshaus tut es gut, in die freie Natur zu kommen.»

14. März: «Das geht in die Oberschenkel – aber ich will nicht klagen, ist es doch Sinn und Zweck der Übung.»

27. März: Über Ostern stand ein 140-Minüter-«Longjog» an.

Niederrohrdorf–Stetten–Niederwil–Mellingen–Niederrohrdorf. Er hat sein Handy dabei, dokumentiert seine Strecken. Und schreibt auch mal: «Als Elektroingenieur musste ich natürlich noch die Freiluftschaltanlage fotografieren.»

Bernhard Guhl ist damit Teil einer Bewegung, die immer grösser wird: Spitzenleute in Politik und Wirtschaft, die mehr oder weniger ambitioniert Laufsport betreiben.

Die einen schon in der Früh, wenn es noch so dunkel ist, dass sie ihren Weg nur mit einer Stirnlampe finden.

Die anderen nehmen Schuhe und Duschzeug mit ins Geschäft, gehen «schnäll über de Mittag». Wieder andere schnüren sich die Laufschuhe am Wochenende. Überall im Aargau.

Für Pascal Koradi (43), den designierten Chef der Aargauischen Kantonalbank, ist es ein «Ritual», jeden Samstag- und Sonntagmorgen joggen zu gehen. «Nur wenn ich mich körperlich betätige, fühle ich mich auch geistig wohl», sagt er.

Und über seine Kolleginnen und Kollegen im Bankwesen: «Ja, ich bin sicher kein Einzelfall.» Koradi nimmt an Wettläufen teil. «Weil ich Freude daran habe, und um zu messen, ob mein Training einigermassen vernünftige Resultate liefert.»

Auch die grüne Regierungsrätin Susanne Hochuli startet ihren Tag in schnellen Schuhen. Um 5 Uhr, mit Hündin Mira. «Dieses Unterwegssein am Morgen ist ein Ankommen im Tag, ohne das ich nicht sein mag», sagt sie.

Das Draussensein und die Bewegung seien für sie existenziell: «Es geht nicht nur um Leistung, sondern auch um Wohlbefinden. Das Gleichgewicht zwischen Körper, Geist und Seele ermöglicht mir, das Beste aus mir zu schöpfen. Und ja: auch leistungsfähig zu sein.»

Andere prominente Aargauer Läufertypen sind Migros-Chef Herbert Bolliger (62), der mit seiner Familie in Wettingen wohnt.

Zwar musste er inzwischen wegen seines Knies ins Fitnessstudio wechseln, wie er kürzlich der «Berner Zeitung» verriet – lange aber bestritt Bolliger mit seiner Frau, einer Personal-Trainerin, Marathonrennen.

Der ehemalige Aargauer Staatsschreiber und neue Avenir-Suisse-Direktor Peter Grünenfelder (48) steht jeden Tag um 4.30 Uhr auf, um vor der Arbeit eine Stunde zu joggen.

Seine Nachfolgerin Vincenza Trivigno tut es ihm gleich. Oder SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni (63) aus Schöftland: Dreimal nahm sie am New York Marathon teil.

Das habe sie geprägt, erzählte sie 2013 der «Schweiz am Sonntag»: «Wenn man denkt, es geht nicht mehr, dann geht es doch noch einen Schritt weiter».

Die Liste laufender Aargauer Spitzenkräfte liesse sich noch lange weiterführen.

Geniessen und nicht aufgeben

Egal wo, egal wann, egal wie wenig Zeit: Laufen oder Joggen oder «go seckle», wie der Aargauer sagt, ist wohl auch deshalb so beliebt, weil es so simpel ist.

Bernhard Guhl sagt: «Der Marathon ist mein Ansporn, regelmässiger Laufen zu gehen. Denn ich weiss, dass es mir guttut.»

Er sei generell ausgeglichener, lasse sich weniger auf die Palme bringen. Wie erklärt er sich die breite Beliebtheit des Laufsports? Er überlegt, sagt, die Gründe seien wohl individuell.

«Aber», bemerkt er, «es gibt schon eine Auffälligkeit: Erfolgreiche Leute beschränken sich nicht auf ihren Job. Sie sind auch nur Menschen, brauchen einen Ausgleich.»

Dann zieht Guhl gar eine Parallele zur Politik, zum Verhandlungsmarathon: «Nur wer ausdauernd ist, hat Erfolg.»

Muss sich Neo-Marathonläufer Guhl, der zwischen Niederrohrdorf, Bern und Zürich pendelt, seine Trainings akribisch einplanen? «Das ist effektiv so», sagt er.

Als er noch nicht im Parlament gewesen sei, sei er «einfach irgendwann rennen gegangen». Jetzt müsse er die Trainings fix in die Agenda einschreiben.

Bei der Streckenwahl macht es sich Guhl nicht einfach: «Ich laufe fast nie die gleiche Route.»

Der erfahrene Orientierungsläufer druckt sich einen Kartenausschnitt aus und rennt los. «Manchmal brenne ich an, weil ein Weg verwildert ist.

Aber als OL-Läufer spielt mir das nicht so eine Rolle», sagt er und schmunzelt. Wenn er am 1. Mai am Aargau-Marathon startet, hat er zwei Ziele.

Erstens: «Den Lauf geniessen und nicht aufgeben.» Zweitens: «Wenn möglich unter viereinhalb Stunden, alles andere wäre eine Zugabe.»

Bald ist die Mittagspause um und der Läufer Guhl wird wieder zum Elektroingenieur. Vorher gehts aber noch in den Wald. Einen Schritt nach dem andern.