Fahrausweis-Entzug
Aargauer Senioren fühlen sich von Behörden diskriminiert

1129 Führerausweise von Rentnern wurden im Aargau 2013 entzogen. So viele wie in keinem anderen Kanton und dreimal mehr als vor fünf Jahren. Seniorenverbände kritisieren die Verschärfung und fordern mehr Verhältnismässigkeit.

Elia Diehl
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Seit 2008 stieg die Zahl der Ausweisentzügen wegen Krankheit und Geberechen bei über 70-jährigen in der Schweiz um über 80 Prozent. Dies zeigt eine neue Auswertung von «10 vor 10» (Zu gefährlich fürs Steuer: 80 Prozent mehr Ausweis-Entzüge bei Senioren).

Der Aargauer belegt mit 1129 Entzügen im letzten Jahr den einsamen Spitzenplatz in der Schweiz. Die Zahl verdreifachte sich in nur fünf Jahren. Für die einseitige Verschärfung haben die Aargauer Seniorenverbände kein Verständnis. Sie fordern von den Aargauer Behörden mehr Fairness und Verhältnismässigkeit.

Das kantonale Strassenverkehrsamt und das zuständigen Departement Volkswirtschaft und Inneres waren am Freitag wegen der Auffahrt-Brücke indes nicht für eine offizielle Stellungnahme erreichbar.

Fahrsicherheit nicht nur eine Frage des Alters

«Die Verschärfung bei Senioren ist lächerlich und stumpfsinnig», ärgert sich Rolf Bechter, Präsident der Vereinigung Aktiver Aargauer Senioren (VAAS).

Es sei akzeptabel, dass Senioren alle zwei Jahre einen Check beim Hausarzt machen müssten. Durchaus auch sinnvoll sei es im Zweifelsfall auch einen Probefahrt anzuordnen. «Das reicht aber vollkommen aus», sagt der Ü-80er.

Hans Ulrich Mathys, Präsident des Aargauer Senioren- und Rentnerverbands pflichtet bei: «Mich stört nicht die Überprüfung der Fahrtauglichkeit von Senioren, sondern die Unverhältnismässigkeit.»

Fahrausweis-Entzüge bei Rentnern im Aargau

Fahrausweis-Entzüge bei Rentnern im Aargau

Tele M1

Das Strassenverkehrsamt lege den Fokus einseitig auf die älteren Fahrzeuglenker. «Wenn schon, dann müsste die Schraube generell angezogen werden», sagt der 68-jährige alt Nationalrat, denn Fahrsicherheit sei nicht bloss eine Frage des Alters.

Der Holziker plädiert für eine gleichwertige Behandlung alter wie junger Autolenker. Seiner Ansicht nach entziehe das Strassenverkehrsamt den Senioren zu schnell und vor allem zu undifferenziert die Autobillete. «Es muss definitiv korrekter werden», pflichtet Rolf Bechter bei, auch jüngere Autofahrer müssten genauer unter die Lupe genommen werden.

Aargau - der «Löli-Kanton»

Beide Präsidenten berichten von Mitgliedern, die sich von Strassenverkehrsamt und Polizei schikaniert, diskriminiert und unfair behandelt fühlten. «Natürlich gibt es auch uneinsichtige Senioren», räumt Hans Ulrich Mathys ein. Er appelliere hier aber an die «Vernunft der Alten sowie an jene der Behörden».

Genauere Kontrollen sind für Mathys und Bechter unproblematisch, solange sie aber für alle gelten. Im Aargau prüfen pensionierte Polizisten Polizei- und Unfallrapporte die Senioren betreffen zusätzlich auf Auffälligkeiten, wie «10 vor 10» berichtet.

«Wenn im Aargau ein Senior in einen Unfall verwickelt ist», enerviert sich VAAS-Präsident Bechter, «wird – selbst wenn er unschuldig ist – immer gleich der Führerausweis infrage gestellt.» Dass die Aargauer Behörden die strengsten in der Schweiz sind, missfällt dem Widener: «Warum sind wir immer der Löli-Kanton?»