Jacqueline* fühlt sich missverstanden, unter Druck gesetzt, gar von der Polizei hintergangen. Wegen eines Unfalls. Ihr wird vorgeworfen, eine 66-jährige Fussgängerin im Spätsommer 2014 zu Tode gefahren zu haben. Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung.

Der 19. Juli war ein Samstag. Jacqueline wollte Blumen holen und ging unterwegs einkaufen. Mit ihrem Auto hielt sie in Reinach bei der Konditorei Fischer. «Ich weiss, dass es dort gefährlich ist, rückwärts aus dem Parkplatz zu fahren, deshalb gehe ich nur selten in dieser Filiale einkaufen», erzählt sie vor dem Bezirksgericht Kulm.

Sie kaufte zwei Sandwiches, stieg wieder ein, legte den Einkauf auf den Beifahrersitz, den Rückwärtsgang ein und setzte zurück. Wenig später teilte die Kantonspolizei mit: «Um 11.15 Uhr fuhr eine 48-jährige Schweizerin mit einem Volvo rückwärts aus einem Parkfeld an der Bahnhofstrasse in Reinach.

Die Autofahrerin dürfte die 66-jährige Fussgängerin, welche auf dem Trottoir an einem Rollator ging, übersehen haben, worauf es zur Kollision kam. Die Fussgängerin stürzte daraufhin und zog sich dabei schwere Verletzungen zu. Sie wurde mit einem Rettungshelikopter ins Spital gebracht.» Ein paar Tage danach verstarb die Rentnerin im Spital.

Nur eine Stunde nach dem Unfall wurde Jacqueline erstmals einvernommen. Heute macht sie der Polizei Vorwürfe: «Ich wurde unter Druck gesetzt, musste das Protokoll unterschreiben, obwohl ich viele Sachen darin nie so gesagt hatte.» Es tue ihr wirklich leid, was passiert sei. «Aber ich bin nicht in sie hineingefahren noch sonstwie schuld an ihrem Tod.» Sie habe nie einen Ruck gespürt, keinen Knall oder Schrei gehört, keinen Rollator gesehen.

Sie habe sofort erste Hilfe geleistet und den Notruf gewählt. Neben ihr habe noch ein zweites Auto geparkt – so nah, dass sie nicht mehr habe auf die Strasse können. Deshalb habe sie nochmals den Vorwärtsgang eingelegt, sei wieder ausgestiegen. «Ich war geschockt», schildert Jacqueline unter Tränen.

Keine Augenzeugen

Der Anwalt der Schwester der Verstorbenen fordert einen Schuldspruch im Sinne der Anklage und Schadenersatz von 23 000 Franken. Unter anderem für die Kosten des Rettungshelikopters, des Grabkreuzes, des Leidessens oder der Todesanzeige in der az soll Jacqueline aufkommen.

Für den Anwalt der Opferfamilie ist klar: Was Jacqueline vorbringt, sind «reine Schutzbehauptungen». Er zeigt detailliert widersprüchliche Angaben in verschiedenen Einvernahmeprotokollen auf. Sagt, die Lenkerin habe «pflichtwidrig ein Sandwich gegessen, statt sich auf den Verkehr zu konzentrieren». Für ihn ist «erstellt, dass es zur Kollision kam».

Jacquelines Verteidiger ist vom Gegenteil überzeugt. Er sagt: «Es gibt keinen objektiven Nachweis einer Kollision.» Tatsächlich sind es einzig Indizien, die auf einen Zusammenprall der Rentnerin mit einem Auto schliessen lassen. Augenzeugen gab es keine und das Videoband der Überwachungskamera eines benachbarten Ladens wurde nicht überprüft.

Der Verteidiger weist darauf hin, dass die Verstorbene «bereits bei normaler Fortbewegung ein erhöhtes Sturzrisiko aufwies». Sie könnte auch selber gestürzt sein, vermutet er. Oder könnte es der Fahrer des nebenan parkierten Autos gewesen sein? Er soll es laut Zeugen plötzlich eilig gehabt haben, wegzukommen – so schnell, dass sich niemand das Nummernschild merken konnte. Da der Unfallhergang überhaupt nicht klar sei, müsse Jacqueline in dubio pro reo freigesprochen werden.

Das sieht auch Gerichtspräsident Christian Märki nach kurzer Bedenkzeit so. Er spricht Jacqueline frei, die Schadenersatzforderung weist er ab. «Wir haben einen bestrittenen Sachverhalt und keine Zeugen, die den Unfall direkt gesehen haben», stellt Märki fest.

Auch Untersuchungen und Gutachten sprächen gegen eine Kollision: So konnten die Ermittler keinen Kontakt zwischen dem Auto und der Dame nachweisen. Abriebspuren am Heck stammten nicht mit dem Rollator überein. Es sei eine Vielzahl anderer Abläufe denkbar. An die Adresse der Opferfamilie sagte er: «Es ist ohne Frage ein tragisches Geschehen, aber es gibt eben nicht immer einen Verantwortlichen.»

*Name geändert