Pandemie

Aargauer Reise-Anbieter klagt: «Die Quarantänepflicht hat den Kunden die Lust verdorben»

Reisen sind trotz Corona möglich. Wer aber in ein Land mit höherem Ansteckungsrisiko reist, muss nach Rückkehr in die Schweiz zehn Tage in Quarantäne. (Symbolbild)

Reisen sind trotz Corona möglich. Wer aber in ein Land mit höherem Ansteckungsrisiko reist, muss nach Rückkehr in die Schweiz zehn Tage in Quarantäne. (Symbolbild)

Fast 10'000 Aargauerinnen und Aargauer sind seit Mitte Juli aus einem Risikogebiet eingereist und mussten danach zehn Tage in Quarantäne. Seit sich die Herbstferien dem Ende zuneigen, steigen die Zahlen wieder, allein am letzten Wochenende waren mehr als 600 Personen betroffen. Vielen ist die Reiselust inzwischen auch vergangen.

Die Bretagne in Frankreich oder Ligurien in Italien. Albanien oder Portugal. Ungarn oder die USA. Wer Ferien in diesen Regionen oder Ländern macht und in die Schweiz zurückkehrt, muss zehn Tage in Quarantäne. Er muss sich innerhalb von 48 Stunden nach Einreise beim Kantonsärztlichen Dienst melden.

In der Covid-Verordnung des Bundes werden alle Länder und Gebiete aufgelistet, wo ein erhöhtes Ansteckungsrisiko besteht und die deshalb als Risikoland beziehungsweise Risikogebiet gelten. Die Liste ändert sich laufend. Neue Länder kommen dazu, andere fallen weg.

Türkei und Griechenland statt Spanien und Portugal

Das spüren vor allem Reiseveranstalter wie Knecht Reisen. «Die Quarantänepflicht hat den Kundinnen und Kunden die Reiselust verdorben», sagt Mediensprecher Matthias Reimann. Die Quarantäneliste sorge für Verunsicherung und Verwirrung. «Sie führt dazu, dass Kundinnen und Kunden bezüglich Neubuchungen zurzeit sehr zurückhaltend sind», sagt der Sprecher.

Für die Sommerferien hätten Konsumentinnen und Konsumenten zumindest noch «ein klein wenig Klarheit und Berechenbarkeit» gehabt, sagt Reimann. Im Herbst sei dies nicht mehr der Fall gewesen. Es sei ein Fakt, dass die Menschen grundsätzlich reisen wollten – davon ist Reimann überzeugt.

Reiseveranstalter sprechen sich für Schnelltests aus

Normalerweise sind in den Herbstferien Bade- und Familienferien hoch im Kurs. «Zurzeit sind diesbezüglich beinahe nur Griechenland oder türkische Badeorte relativ sorglos und ohne Quarantänepflicht nach der Rückreise bereisbar», sagt Matthias Reimann. Städtereisen seien inzwischen deutlich weniger gefragt, da mittlerweile sehr klar sei, dass die Städte ein potenziell grösseres Ansteckungsrisiko mit sich bringen.

So oder so wirke sich die ­Situation mit den Risikogebieten im Moment eindeutig negativ auf das allgemeine Reisegeschäft aus. Wie andere Reiseveranstalter auch, macht sich Knecht Reisen deshalb für Schnelltests an Flughäfen stark, um die Quarantäne umgehen zu können. «Es ist eine absurde ­Voraussetzung, nach einer zweiwöchigen Ferienreise zehn Tage in Quarantäne gehen zu müssen», sagt Reimann. Auch der zweite grosse Aargauer Reiseveranstalter Twerenbold hatte sich für Schnelltests ausgesprochen.

Spanien und Bosnien sind besonders beliebt

Die Quarantänepflicht hat zwar viele, aber längst nicht alle Aargauerinnen und Aargauer vom Reisen abgehalten. Seit Mitte Juli waren 9862 Personen in Quarantäne, weil sie sich in einem Risikogebiet aufgehalten haben (siehe Tabelle). Rund um das Sommerferienende haben sich teilweise mehr als 100 Reiserückkehrer täglich beim Kantonsärztlichen Dienst gemeldet. Allein am 29. Juli wurden 287 Personen neu unter Quarantäne gestellt, weil sie aus einem Risikogebiet eingereist sind. Im September waren die Zahlen dann etwas tiefer. Allerdings steigen sie seit letzter Woche tendenziell wieder an. Seit dem letzten Freitag wurden 601 Reiserückkehrer neu unter Quarantäne gestellt. Über die gesamte letzte Woche gesehen, lag die Zahl der Aargauerinnen und Aargauer, die in Quarantäne mussten, zum ersten Mal seit Anfang August wieder über 1000.

Immer wieder stecken sich auch Aargauer im Ausland mit dem Coronavirus an. Seit Anfang Juli waren es 180 Personen. Besonders viele Ansteckungen im Ausland gab es Ende Juli und Anfang August. Also wieder rund um das Ende der Sommerferien. Von Mitte September bis am 1. Oktober hat sich dann laut Statistik des Kantons niemand mehr nachweislich im Ausland mit dem Virus angesteckt.

Besonders beliebt waren bei Aargauerinnen und Aargauern Reisen nach Bosnien-Herzegowina, Nordmazedonien oder Spanien, wie eine Auswertung des Gesundheitsdepartements zeigt (siehe Tabelle oben rechts). Jeweils mehr als 1000 Personen sind aus diesen Ländern in die Schweiz eingereist. Auch nach Kroatien, Rumänien, Portugal und in die USA sind über 200 Aargauerinnen und Aargauer gereist. Immerhin noch 32 Personen waren in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Vier sind von den Bahamas, je zwei aus Island und Honduras in die Schweiz eingereist.

Kanton erfährt nicht, wer mit dem Auto einreist

6157 Reisende aus dem Aargau, die sich beim Kanton gemeldet haben, waren mit dem Flugzeug unterwegs. 3038 reisten mit dem Auto, 562 mit dem Bus, 72 mit dem Zug. Allerdings hat der Kantonsärztliche Dienst keine Kontrolle darüber, wie viele Personen tatsächlich mit dem Auto, Bus oder Zug eingereist sind, weil sich bei weitem nicht alle Einreisenden melden.

Die Mitarbeitenden des kantonalen Contact-Tracing-Centers erhalten von der Kantonspolizei Zürich nur die Daten jener Personen, die mit dem Flugzeug einreisen. Und selbst von den Flugpassagieren meldeten sich lediglich 70 Prozent. Die anderen 30 Prozent kamen ihrer Meldepflicht indes nicht nach, wie sich bei einem Augenschein vergangene Woche herausstellte.

Quarantäne-Sündern droht eine happige Busse

Die zehntägige Quarantäne nach Einreise aus Risikoländern sei «ausserordentlich wichtig», um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern, schreibt der Regierungsrat in seiner Antwort auf einen Vorstoss von FDP-­Grossrat Titus Meier. Das Gesundheitsdepartement zeigt Quarantäne-Sünder deshalb konsequent an. Stand letzte Woche sind gemäss Kantonsärztin Yvonne Hummel bereits 371 Anzeigen eingereicht worden.

Ziel der Strafanzeigen sei einerseits die Sanktionierung für die Verletzung der Meldepflicht, heisst es in der Antwort des Regierungsrats. Andererseits sollen die Strafanzeigen auch abschreckend wirken und zu einer Verbesserung der Meldequote führen. Wer gegen die Quarantänepflicht verstösst, dem droht eine Busse bis zu 10'000 Franken.

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