Ein schöneres Thema an diesem heissen Sommertag wäre Präsident Peter Wehrli vom Branchenverband Aargauer Wein lieber gewesen. So aber mussten sich zwei Dutzend Winzer an der Krisensitzung im Gasthaus Schützen in Aarau mit Moon Privilege befassen. Diese Bezeichnung droht zum Schreckgespenst einer ganzen Branche zu werden.

Für die Rebbauern ist der Zusammenhang zwischen dem Pflanzenschutzmittel des Chemiekonzerns Bayer und den teils verkrüppelten Trauben und Blätter offensichtlich. Bayer selber hat die Rebbauern aufgefordert, Moon Privilege nicht mehr einzusetzen. Das Verhalten des Konzerns „sieht aus meiner persönlichen Sicht wie ein Schuldeingeständnis aus“, so Peter Rey, Leiter der Fachstelle Weinbau.

Ersatz aller Schäden verlangen

Die Weinbauern haben nichts falsch gemacht, im Gegenteil: Das Pflanzenschutzmittel ist von Agroscope vom Bundesamt für Landwirtschaft offiziell bewilligt worden. Doch der Bund will sich jetzt aus der Verantwortung ziehen. Verwendet wurde es in der ganzen Schweiz, in Oesterreich, Südtirol und teils Süddeutschland.

Augenschein in den Aargauer Rebbergen: So übel ist der Pestizid-Schaden. (Tele M1, Juli 2015)

Augenschein in den Aargauer Rebbergen: So übel ist der Pestizid-Schaden.

Von überall kommen die gleichen Meldungen: Abgerundete Blätter und verklebte Blüten, Beeren und Trauben können sich nicht entwickeln. Alle Aargauer Weinbauern werden aufgerufen, die Schäden auch mit Bildern selber genau zu dokumentieren. Das könne in einem absehbaren Gerichtsfall zum wichtigen Beweismittel werden.

Der Verband will mit Hilfe namhafter Juristen und gemeinsam mit den anderen Weinbau-Kantonen eine Art Sammelklage gegen  Bayer einreichen. Die Aargauer wollen Druck machen, damit sich der Deutschschweizer Verband rasch und erfolgreich für die geschädigten Winzer einsetzt.

Bei der Klage geht es nicht nur um die Entschädigung für den Ausfall der Trauben und den fehlenden Weinverkauf. „Es ist denkbar, dass es im nächsten Jahr noch schlimmer kommt“, sagt Geschäftsführer Pascal Furer vom Aargauer Verband. Bayer hat vereinzelt bereits die Aufnahme „durch neutrale Schadenexperten“ angekündigt. Die Rebbauern wurden davor gewarnt, zu unterschreiben, wenn sie auch die – noch völlig unklaren – Folgeschäden abgedeckt haben wollen.

Grössenordnung noch unklar

Weil jeder Rebbauer selber den Schaden zuerst abklären muss, ist es für eine kantonale Übersicht viel zu früh. Anfang Juni hat Peter Rey erstmals von Problemen gehört,  15 Winzer meldeten auf ein Mail hin Mitte Juni erste Schäden. Allerdings mit enormen Unterschieden, je nach Traubensorten.

Bei Malbec und Merlot beträgt der Ausfall oft 100 Prozent, Cabernet gelten als sehr anfällig, anderseits zeigen Riesling-Kreuzungen wenig Krankheitssymptome. Unter dem Strich befürchten Weinbaubetriebe eine um 50 Prozent geringere Ernte – und damit einen Weinmangel ab nächstem Jahr. „Die Schäden sind schlimmer als jene durch die Kirschessigfliege im letzten Herbst“, lautet ein erstes Fazit von Rebbaukommissär Rey.

„Auf Empfehlung von Agroscope habe ich Moon Privilege eingesetzt, insgesamt auf 17 Hektaren.“ Das betont Andreas Meier vom Weinbauunternehmen in Würenlingen, das auch in Döttingen und Klingnau in eigenen und fremden Rebbergen das Spritzen besorgt. „Wir haben vor allem Schäden bei den Spezialitäten“, erklärt Weinbau-Präsident Peter Wehrli aus Küttigen.

Die eher triste Situation kontrastiert auffällig zum guten Wetter. Dank diesem gibt es auch Lichtblicke: In den Rebbergen ohne Moon Privilege ist die Lage hervorragend, geprägt von ungestümem Wachstum und gesunden Trauben. Zudem sind die Aargauer Hauptsorten Riesling-Sylvaner und Pinot Noir teils überhaupt nicht, teils weniger stark betroffen. Und die Hitze macht der Kirschessigfliege den Garaus, viel Sonne und über 30 Grad mag dieser böse Schädling überhaupt nicht. 

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