Neue Regionalpolitik
Aargauer Randregionen erhalten eine Million weniger aus Fördertopf

In den letzten vier Jahren wurden im Aargau 17 Projekte in Randregionen unterstützt. Dafür wurden 2,6 Millionen Franken der sogenannten Neuen Regionalpolitik eingesetzt – die Hälfte vom Bund, die Hälfte vom Kanton. Jetzt werden die Mittel gekürzt.

Fabian Hägler
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Weinwanderung im Jurapark von Effingen nach Bözen: Mit den finanziellen Mitteln der Neuen Regionalpolitik werden auch mehrere touristische Projekte im Aargau gefördert.

Weinwanderung im Jurapark von Effingen nach Bözen: Mit den finanziellen Mitteln der Neuen Regionalpolitik werden auch mehrere touristische Projekte im Aargau gefördert.

zvg/Marion Sinniger/Jurapark

Selbstbewusst präsentiert sich der Aargau in seinem Image-Film als Hightech-Kanton, in der CS-Studie zur Standortattraktivität belegt der Kanton regelmässig Spitzenplätze. Und doch gibt es Regionen, die im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP) Fördergelder vom Bund beziehen.

Marietta Frey von der kantonalen Standortförderung erklärt diesen scheinbaren Widerspruch: «Wir konnten gegenüber dem Staatssekretariat für Wirtschaft den Nachweis erbringen, dass Regionen wie Aargauer Jura, Zurzibiet und südlicher Aargau denselben strukturellen Herausforderungen gegenüberstehen wie typische Randregionen.» So flossen in den letzten vier Jahren insgesamt 2,6 Millionen Franken in 17 Projekte (siehe Beispiele unten).

Jeweils die Hälfte der Gelder kam vom Kanton, die andere Hälfte steuerte der Bund bei. Dazu kamen 1,4 Millionen Franken an Eigenmitteln aus den Regionen. Durch diese gemeinsame Finanzierung entsteht laut Marietta Frey eine finanzielle Hebelwirkung.

Die Ziele der Neuen Regionalpolitik sind vielfältig: Standortvoraussetzungen für unternehmerische Aktivitäten sollen verbessert, Innovationen, Wertschöpfung und Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig gefördert werden. Damit sollen Arbeitsplätze in den Zielregionen geschaffen und erhalten werden.

Erfolgsquote von 80 Prozent

Doch wie nachhaltig ist diese Förderung? Laufen die Projekte nur, solange die Gelder fliessen. «Wir verstehen NRP als Anschubfinanzierung und achten sehr auf die Nachhaltigkeit der Strukturen und Geschäftsmodelle», sagt Marietta Frey.

Bei rund 80 Prozent der zwischen 2012 und 2015 realisierten Projekte sei eine Basis gelegt worden, «auf der operiert und aufgebaut werden kann». Erfolgsgarantien gebe es aber nicht, wie Frey ausführt: «Gerade der leistungsfähige Betrieb von regionalen Standortförderorganisationen hängt massgeblich von finanziellen Beiträgen der Gemeinden ab.»

Macht es denn überhaupt Sinn, die strukturschwachen Regionen im Aargau mit Subventionen zu fördern? Frey sagt: «Eine Anschubfinanzierung in Bereichen mit niedrigen Anreizen für unternehmerisches Engagement ist meines Erachtens durchaus sinnvoll.» Es gehe darum, Negativspiralen in deindustrialisierten und ländlichen Randregionen aufzuhalten. Damit würden diese Standorte für Wohnen und Arbeiten wieder attraktiver.

«Ist eine positive Entwicklung angestossen, bietet dies auch Unternehmen in Form von besseren Rahmenbedingungen neue Möglichkeiten», sagt sie. Dies sei insbesondere für Randregionen und ländliche Zentren im Aargau wichtig, weil diese Gebiete «über eine unterdurchschnittliche Zahl wertschöpfungsintensiver Unternehmen und geringe Exportleistungen verfügen», wie Frey ausführt.

Mittel um eine Million gekürzt

Doch der Spardruck macht auch vor der Standortförderung nicht Halt. In den nächsten vier Jahren stehen nur noch 1,6 Millionen Franken für die NRP-Projekte im Aargau zur Verfügung. Frey bedauert dies und nennt die Konsequenzen: «Die geringeren Mittel machen eine Fokussierung und Einschränkung bei den Vergabekriterien unerlässlich.»

So werden beispielsweise touristische Projekte nur in jenen ländlichen Regionen unterstützt, wo Tourismus ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor ist. Auch die Weiterführung bestehender Projekte für vier Jahre ist nicht zulässig. Zudem müssen sich bei Projekten zur regionalen Standortförderung grosse Teile der Region, im Klartext die Gemeinden, finanziell beteiligen.

Noch hat die Regierung nicht über die künftigen Mittel entschieden, ausserdem könnte der Grosse Rat diese in der Budgetdebatte noch kürzen.

Darauf angesprochen, hält Frey fest: «Aus meiner Sicht ist mit dem Budget von 1,6 Millionen Franken für die nächsten vier Jahre eine Untergrenze erreicht.»

Aufwand und Ertrag müssten in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen. «Bei einer weiteren Kürzung stünde dem Aufwand, der eben nicht proportional zur Projektanzahl sinkt, ein zu geringer Nutzen auf der Projektseite gegenüber.»

Frist für Projekteingabe läuft

Wie viele Projekte für die nächsten vier Jahre noch bewilligt werden können, sei schwer abzuschätzen und von der Projektgrösse abhängig. «Wir gehen von Projekten in der Grössenordnung von 50 000 bis 150 000 Franken aus», sagt Frey.

Noch liegen keine Projekteingaben für eine NRP-Finanzierung ab 2016 vor, die Frist dafür läuft bis Mitte Oktober. «Von unseren Partnern, den regionalen Standortförderern, wissen wir jedoch, dass mit Hochdruck an der Konzipierung von überzeugenden, wirkungsvollen Projekten gearbeitet wird», sagt Frey.

Einige Beispiele: in den letzten vier Jahren flossen 2,6 Millionen Franken in 17 Projekte

Lehrbetriebsverbund Aargau Süd (Projektleiter: Kurt Schmid)

Die meisten Arbeitsplätze der Region Aargau Süd sind in der metallverarbeitenden Industrie zu finden. Teilweise fehlen qualifizierte Berufsleute, gleichzeitig droht vielen Arbeitsplätzen für niedrig Qualifizierte die Verlegung ins Ausland. Der Lehrbetriebsverbund Aargau Süd zielt auf Stärkung der Ausbildungskapazitäten, Entlastung der Ausbildungsfirmen und Bündelung von Synergien. Projektleiter Kurt Schmid sagt: «Das Projekt ist aus dem Bedürfnis gewachsen, gute Lernende aus Schulen zu gewinnen, sie vor Ort und praxisnah auszubilden und die Fachkräfte im Wynental zu halten.» Die Akquisition von Lernenden mit dem Teilprojekt «Schule trifft Wirtschaft» angelaufen. Schulen, Gewerbevereine und Firmen tragen den Lehrverbund. Schmid sagt: «Ohne die NRP-Finanzierung wäre das Projekt kaum möglich gewesen.»

Gesundheitsregion Jurapark Aargau (Projektleiterin: Christine Neff)

Das Projekt «Gesundheitsregion Jurapark Aargau» hatte die Vervollständigung der bestehenden genuss- und erlebnisorientierten Gesundheitsförderprogramme sowie die Ausdehnung der überregionalen Vermarktung zum Ziel. Wichtiger Bestandteil des Projektes war, eine Organisationsstruktur im Themenfeld «Gesundheit und Landschaft» zu schaffen, die selbstständig und selbsttragend arbeitet und für den langfristigen Fortbestand der Angebote zuständig ist. So wurde im Rahmen des Projekts etwa die Produktion von Wellness- und Kräuterprodukten aufgebaut und in Partnerschaft mit Drogerien, Apotheken etc. vermarktet. Im Zentrum der Projektarbeit steht die Institutionalisierung der Zusammenarbeit mit Kliniken, Bädern und Gesundheitsförderinstitutionen sowie die weitere Vervollständigung der Angebotspalette.

Zurzi-Card (Projektleiter: Peter Andres)

Die Zurzi-Card ist ein Kundenbindungsprogramm für die ganze Region Zurzibiet. Einkäufe bei Zurzi-Card-Partnern werden in Punkte umgerechnet und Karteninhabern als Gutscheine zur Verfügung gestellt. Heute umfasst das Partnernetz rund 50 Geschäfte und Gewerbebetriebe. Projektleiter Peter Andres sagt: «Dank NRP-Unterstützung konnte die Zurzi-Card von Bad Zurzach auf die ganze Region ausgeweitet werden.» Über eine App, die das aktuelle Guthaben und teilnehmende Geschäfte zeigt, werde auch die jüngere Generation angesprochen. Andres ist sicher: «Diese Initiative wird das Gewerbe im Zurzibiet nachhaltig stärken und steht auf soliden Beinen. Das Geschäftsmodell sei auf andere Regionen übertragbar. Andres sagt: «Dazu braucht es aber Strukturen und eine Trägerschaft, die das Projekt langfristig betreut.»

Wirtschaftsregion Oberes Freiamt (Projektleiter: Josef Nogara)

Die Wirtschaftsregion Oberes Freiamt baut auf dem Vorgängerprojekt Wirtschaftsraum Muri auf. Das Projekt trägt zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts und der Identität der Region bei. Die Wirtschaftsregion Oberes Freiamt hat sich für die Schärfung und Verbreitung der regionalen Standortförderstrategie eingesetzt. Sie zielt auf eine ausgewogene, qualitative und nachhaltige regionale Entwicklung. Ein leistungsfähiges Regionalmana-gement mit spezialisierten Kommissionen bildet die Basis für Initiativen zur Stärkung des Oberen Freiamts wie die Entwicklung der Strategie zur Arbeitsplatzentwicklung in der Region.
Die bisherigen Erfolge: Vernetzung von Politik und Wirtschaft, Kontaktstelle für wirtschaftspolitische Anliegen, Unterstützung der kleinen und mittleren Unternehmen in der Region.