Der Zofinger Treuhänder Thomas Lehner präsidiert seit 2006 den Verwaltungsrat der Raiffeisenbank Region Zofingen und ist seit vier Jahren Chef des Aargauer Raiffeisen-Verbandes. Im Interview mit dem «Zofinger Tagblatt,» das die Schweiz am Wochenende auszugsweise publiziert, nimmt er Stellung zum Fall von Pierin Vincenz, der inzwischen seit 53 Tagen in U-Haft sitzt.

Herr Lehner, die Raiffeisenbank Region Zofingen führte kürzlich ihre GV durch – erstmals nicht mehr in einem grossen Zelt, sondern in der Mehrzweckhalle. Das gab nicht nur gute Feedbacks.

Thomas Lehner: Wir gehörten zu jenen der 255 Raiffeisenbanken, die eine traditionelle GV abhielten: mit einer Bankettbestuhlung, einem Nachtessen, einem geschäftlichen und einem Unterhaltungsteil. Wir durften jeweils zwischen 1600 und 1700 Genossenschafterinnen und Genossenschafter begrüssen. Aber: Unsere Bank steht punkto Bilanzsumme ungefähr auf dem 60. Rang aller Raiffeisenbanken, betreffend Kosten belegten wir aber Rang 2.

Zu teuer?

Ja, wir konnten es nicht mehr verantworten, für einen Anlass, der fünf, sechs Stunden dauert, eine solch aufwendige Infrastruktur zu stellen. Die neue Form der GV ist trotzdem attraktiv; statt des Unterhaltungsteils gab es einen interessanten Talk mit Läckerli-Huus-Chefin Miriam Baumann-Blocher. Der anschliessende Steh-Apéro kam bei den Genossenschafterinnen und Genossenschafter ausgezeichnet an.

Wie zufrieden sind Sie mit dem laufenden Geschäftsjahr?

Es läuft gut, ich höre von den Banken, dass sie im Budget liegen, das gilt auch für unsere Bank in Zofingen. Wir sind solide auf Kurs.

Auf nationaler Ebene scheinen bei Raiffeisen ja einige Dinge falsch gelaufen zu sein. Ihr ehemaliger Vorsitzender Pierin Vincenz sitzt seit Wochen in Untersuchungshaft, weil er sich unrechtmässig bereichert haben soll. Wie belastend ist diese Situation für Sie und für Ihre Bank?

Was vorgefallen ist, hat alle, die mit Herzblut für die Raiffeisen-Idee unterwegs sind, schwer getroffen. Auf der anderen Seite stelle ich etwas Erfreuliches fest: Unsere Genossenschafterinnen und Genossenschafter differenzieren sehr klar. Sie beurteilen einerseits ihre Bank hier vor Ort ist und andererseits die Zentralbank, die jetzt im Fokus ist – ob zu Recht oder nicht, sei einmal dahingestellt. Ich masse mir nicht an, hier ein Urteil zu fällen, da ich – wie alle anderen auch – schlicht nicht genügend Informationen für eine sachliche Beurteilung habe. Wichtig scheint mir aber, dass auch eine öffentliche Person, wie sie Pierin Vincenz ist, ein faires Verfahren und nicht eine vernichtende Vorverurteilung verdient hätte.

Pierin Vincenz galt als Vorzeige-Banker. Nun ist er tief gefallen.

Pierin Vincenz galt als Vorzeige-Banker. Nun ist er tief gefallen.

Sie kennen Vincenz persönlich?

Ja, und die Situation tut mir leid für ihn, ohne ihn in Schutz nehmen zu wollen. Wenn Unrecht geschehen ist, wird er dafür geradestehen müssen. Aber wie er medial vernichtet wurde: Das fand ich nicht korrekt.

Wie arg sind Sie aus allen Wolken gefallen, als Sie von der U-Haft erfahren haben?

Es war klar, dass die Einstellung des Finma-Verfahrens gegen Vincenz nicht bedeutet, dass auch strafrechtlich nichts passiert. Massgebend war dann der Verwaltungsrat der Aduno, der aufgrund der Erkenntnisse aus dem Finma-Verfahren Strafanzeige eingereicht hat. Mit dieser Entwicklung konnte niemand von uns rechnen.

Der erste Haftantrag lautete auf 90 Tage, das ist lange.

Ja, das habe ich auch gelesen. Das ist wirklich lange.

Vinzenz wurde Ihrer Meinung nach vorverurteilt?

Aus meiner Sicht ja, ganz klar.

Ist intern genug aufgegleist worden, um die Sache aufzuarbeiten, und ist es genug schnell geschehen?

Wir, das heisst die Regionalverbände, sind seit letztem November sehr intensiv im Gespräch mit dem Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz. Als Präsident des Aargauer Verbandes – der zweitgrösste Regionalverband – darf ich in der Koordinationsgruppe der Regionalverbände mitarbeiten. Nach dem Rücktritt von Verwaltungsratspräsident Rüegg-Stürm hat Raiffeisen Schweiz nach meiner Meinung gut gehandelt, indem der unbelastete Pascal Gantenbein das Ruder interimistisch übernommen hat. Er hat die Aufarbeitung, auch mit einer internen Untersuchung, entschlossen in die Hände genommen. Was die Öffentlichkeit zu wenig weiss: Die Regionalverbände hinterfragen über ihre Delegierten vieles. So haben sie in der aktuell schwierigen Situation erreicht, dass eine ausserordentliche Delegiertenversammlung voraussichtlich im November über die Gesamterneuerung des Verwaltungsrats befinden wird. Die Basisvertreter nehmen die Verantwortung also durchaus wahr und schauen, dass das Schiff wieder in ruhigere Gewässer geführt wird.

War es aus Ihrer Sicht richtig, dass die Ehefrau von Pierin Vincenz, Nadja Ceregato, eine Top-Position in der Rechtsabteilung bei Raiffeisen Schweiz einnehmen konnte?

Da habe eine persönliche Meinung: Ich finde, dass solche Konstellationen, die nicht ideal sind, vermieden werden sollten. Das wurde durchaus auch in Raiffeisenkreisen thematisiert. Aus Compliance-Gründen wäre es rückblickend betrachtet sicher besser gewesen, auf die Dienste von Frau Ceregato in dieser Funktion zu verzichten. Im Nachhinein ist man immer gescheiter. Ich bin überzeugt, dass die Verantwortlichen aus dieser Situation die richtigen Lehren gezogen haben.

Haben Sie gegenüber Vincenz diese Bedenken mal geäussert?

Bezüglich dieser konkreten Sache nicht, aber wir haben den einen oder anderen Fight miteinander ausgetragen. Vincenz hatte die Gabe, Leute mitzureissen und zu überzeugen. Mit dieser Gabe trug er wesentlich zur Entwicklung der Raiffeisengruppe in den vergangenen zwanzig Jahren bei, die auch in der öffentlichen Wahrnehmung sehr stark mit seiner Persönlichkeit verknüpft ist. Deshalb ist die Fallhöhe nun besonders hoch.

«Ich bin erschüttert über die Ereignisse!»

«Ich bin erschüttert über die Ereignisse!»

An der Medienkonferenz äussert sich Raiffeisen-CEO Patrik Gisel sich zur Vincenz-Affäre.