Interview

Aargauer Psychologe zur Coronakrise: «Wir lassen unsere Liebsten in grosser Angst sterben»

Thomas Estermann:  "Die Corona-Krise zwingt den Menschen, sich ein paar Gedanken zu machen."

Thomas Estermann: "Die Corona-Krise zwingt den Menschen, sich ein paar Gedanken zu machen."

Die Corona-Krise hat unser Leben auf den Kopf gestellt. Der Aargauer Psychologe Thomas Estermann erklärt, wie stark die einschneidenden Massnahmen unser Verhalten und unsere Vorstellungen verändert haben.

Statt uns herzlich mit einem Handschlag oder einer Umarmung zu begrüssen, müssen wir in Coronazeiten jetzt Abstand halten - wenn es nach dem Bundesrat geht, auch noch eine ganze Weile. Was macht das mit uns?

Thomas Estermann: Die ganze Körperlichkeit geht verloren. Es ist ja nicht nur das Händeschütteln, es sind Tausende Berührungen, die wegfallen. In den ersten Tagen fanden wir das noch unterhaltsam, inzwischen haben wir uns schon fast daran gewöhnt. Und das verändert die Beziehungen. Jetzt könnte der beste Freund oder die Freundin Virusträger sein, ich könnte krank werden. Das heisst, wir können uns auf unser normales Gefühl nicht mehr verlassen. Denn plötzlich gibt es da eine Bedrohung, die es vorher nicht gab: Der Mensch ist dem Menschen gefährlich geworden.

Waisenkinder, das hat man in den 40er-Jahren festgestellt, die kaum Körperkontakt haben, entwickeln sich schlechter, haben kaum Empathie, ja wachsen sogar langsamer. Was heisst das für uns in dieser Corona-Zeit, wenn diese tausenden Berührungen, von denen Sie gesprochen haben, jetzt wegfallen?

Mangelnde Körperlichkeit führt zu ganz vielen negativen Reaktionen. Kinder, die nicht berührt werden, die keinen Körperkontakt haben, werden krank und bei Erwachsenen löst es Stress aus. Das kann depressiv oder auch agressiv machen.

Weg von der Gemeinschaft, hin zur Vereinzelung: Ein Bansky-Bild in Coronazeiten.

Weg von der Gemeinschaft, hin zur Vereinzelung: Ein Bansky-Bild in Coronazeiten.

Auch frischgebackene Väter dürfen ihr Baby nach der Geburt im Spital nicht mehr besuchen.

Ja, das ist wirklich schlimm, das macht auch etwas mit den Vätern. Auch sie reagieren ja sehr stark emotional auf das Baby, weil auch bei ihnen sich die Hormone nach der Geburt verändern. Wir zahlen deshalb einen sehr, sehr hohen Preis in dieser Krise. In vielen Kinderheimen dürfen die Kinder sogar ihre Eltern nicht mehr sehen. Und sehr schlimm ist die Situation auch für alte Menschen. Niemand fasst sie mehr an oder wenn, nur noch total vermummt.

Je älter wir werden, umso grösser ist unser Bedürfnis nach Berührung.

Je älter wir werden, umso grösser ist unser Bedürfnis nach Berührung.

Corona-Patienten, die im Sterben liegen, dürfen, bis auf Ausnahmen, nicht von ihren Angehörigen besucht werden. Sie sterben also alleine. Bekanntlich eine der grössten Ängste die wir Menschen haben, alleine sterben zu müssen.

Ja und ich kann das nicht gutheissen. Wir lassen unsere Liebsten in grosser Angst sterben. Wir begleiten sie nicht in diesen letzten Stunden ihres Lebens. Ich bin der Meinung, dieses Problem hätte man anders lösen müssen. Mit Schutzkleidung oder eben auch das Risiko in Kauf nehmen, dass sich jemand ansteckt. Für die meisten ist das ja nicht gefährlich. Denn auch für die Angehörigen ist diese Erfahrung traumatisch. Wir wissen, dass es ein sehr schwerer Einschnitt im Leben eines Menschen ist, wenn er sich nicht verabschieden kann in so einem Moment.

Werden diese Erfahrungen unser Lebensgefühl nachträglich und dauerhaft beeinflussen?

Ja, wir werden uns grundsätzlich unsicherer und bedrohter fühlen. Wir hatten seit 100 Jahren keine Pandemie mehr. Die Spanische Grippe haben wir nicht mehr erlebt. Das relative Sicherheitsgefühl, das viele Menschen hier in der Schweiz hatten, ist durch Corona tief geschädigt. Die Fragilität des Lebens kommt einem durch so eine Krise ins Bewusstsein. Und das wird bleiben – leider.

Eine tiefgreifende Veränderung unseres Selbst.

Eine tiefgreifende Veränderung unseres Selbst.

Viele sind ja auch in ihrer Existenz bedroht. Mussten ihr Restaurant oder ihre Boutique schliessen. Werden die Menschen in Zukunft also vorsichtiger agieren, weniger Risiken eingehen?

Ja, ich befürchte schon, dass die Risikobereitschaft sinken wird. Jemand, der vielleicht darüber nachgedacht hat, zu kündigen, sich selbstständig zu machen, wird sich das jetzt sehr gut überlegen, ob er kündigt oder nicht. Es wird so sein, dass wir in Zukunft sehr viel mehr Mut zur Veränderung brauchen.

Krise als Chance. Ein Credo, das immer wieder gerne zitiert wird. Werden wir also auch gestärkt aus dieser Situation hervorgehen?

Gesamtgesellschaftlich gesehen gibt es natürlich eine Chance. Die Frage ist nur, gehöre ich zu denen, die sie nutzen können? Und da ist es meiner Ansicht nach so: Den Menschen, denen es gut geht, wird es danach vielleicht besser gehen. Denjenigen aber, denen es schlecht geht, schlechter. Die Kontraste werden sich also wahrscheinlich verschärfen.

Aber können wir nicht doch auch etwas Positives aus dieser Krise mitnehmen?

Doch und ich bin froh, dass Sie danach fragen. Endlich sind wir durch diesen erzwungenen Zwischenhalt raus aus der Hektik, aus dieser fast schon bewusstlosen Rummrennerei. Supermärkte, die nicht mehr überfüllt sind, leere Plätze, Ruhe. Ich hoffe, dass dieses ganze Verlangsamen die Sehnsucht geweckt hat, mehr davon zu bekommen. Zu merken, dass man auch mit weniger leben kann. Dass man mehr Geld auf dem Konto hat, weil man es nicht ausgeben konnte, raus aus dem Konsumzwang. Das täte der Natur und den Menschen gut.

Das Normale ist zum Sehnsuchtsort geworden.

Das Normale ist zum Sehnsuchtsort geworden.

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