Coronakrise

Aargauer Psychiatrie-Chefarzt Kawohl warnt: «Arbeitslosigkeit erhöht das Suizidrisiko»

Jeder fünfte Suizid hat einen Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit, sagt Psychiater Wolfram Kawohl.

Jeder fünfte Suizid hat einen Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit, sagt Psychiater Wolfram Kawohl.

Wegen der Coronakrise steigen die Arbeitslosenzahlen. Der Aargauer Psychiater Wolfram Kawohl rechnet mit mehr Suiziden. Auch sonst sind in den Psychiatrien erste Folgen der Krise spürbar.

Die Coronakrise trifft die Wirtschaft hart. Alleine im Kanton Aargau melden sich derzeit rund 100 Personen pro Tag neu in den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV). Seit dem 16. März haben sich rund 4600 Personen neu in den RAV angemeldet . Einer, der diese Entwicklung mit Sorge beobachtet, ist Wolfram Kawohl, Chefarzt und Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG).

Er hatte 2015 erforscht, ob einen Zusammenhang zwischen Arbeitslosenzahlen und der Suizidrate besteht. Dazu hatte das Forscherteam Daten von 63 Ländern aus den Jahren 2000 bis 2011 analysiert und konnte zeigen, dass weltweit jeder fünfte Suizid in einem direkten oder indirekten Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit stand.

Mehr als 10'000 zusätzliche Suizide weltweit

Die gleiche Methode wie damals haben Wolfram Kawohl und der Soziologe Carlos Nordt nun angewandt, um die Auswirkungen der Coronakrise abzuschätzen. Der wissenschaftliche Artikel wurde in der Nacht auf Dienstag in der Fachzeitschrift «The Lancet Psychiatry» publiziert. Bei ihren Ende März durchgeführten Berechnungen stützten sie sich auf Daten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).

Diese ging weltweit von einem Verlust von 5,3 Millionen Jobs (bestes Szenario) bis 24,7 Millionen Jobs (schlechtestes Szenario) aus. Im schlechtesten Szenario würde die Arbeitslosenrate von rund 4,9 auf rund 5,6 Prozent steigen. «Die Folge könnten weltweit knapp 10'000 zusätzliche Suizide pro Jahr sein», sagt Kawohl. Und es dürften mittlerweile noch mehr sein. Inzwischen rechnen nämlich alleine die USA mit 26,5 Millionen Arbeitslosen wegen Corona – das sind mehr, als die ILO für die ganze Welt angenommen hatte.

Es geht um mehr als das fehlende Einkommen

Weltweit sterben jedes Jahr rund 800'000 Menschen durch Suizid. Für den Psychiater ist jeder dieser Suizide einer zu viel. Zumal die Weltgesundheitsorganisation davon ausgehe, dass auf einen vollendeten Suizid rund 20 Suizidversuche kommen. «10'000 zusätzliche Suizide bedeuten nach dieser Rechnung weitere 200'000 Suizidversuche», rechnet er vor.

Dass Menschen den Boden unter den Füssen verlieren können und sich ernsthafte Sorgen um ihre Existenz machen, wenn sie ihren Job verlieren oder ihnen Arbeitslosigkeit droht, ist verständlich. Laut Kawohl ist das fehlende Einkommen aber nur einer von vielen Gründen, der Menschen in einer solchen Situation verzweifeln lässt. «Ein Job gibt dem Leben auch einen Sinn und dem Alltag Struktur. Ausserdem wird auch die soziale Stellung durch die berufliche Stellung stark beeinflusst. Menschen definieren sich zu einem gewissen Teil über ihren Job», sagt der Psychiater.

Um Arbeitsplätze zu schützen, ganz auf einen Lockdown zu verzichten, sei aber auch aus psychiatrischer Sicht nicht die Lösung, stellt Kawohl klar. «Es geht mir darum, dass auch diese Auswirkungen nicht vergessen werden. Was zu tun ist, und was nicht, muss die Politik entscheiden.» Er setzt darauf, das Thema immer wieder anzusprechen und darauf hinzuweisen, dass Arbeitslosigkeit das Suizidrisiko erhöht. «Dessen muss sich die Gesellschaft und dessen müssen sich insbesondere Arbeitgeber, Personalverantwortliche und RAV-Mitarbeitende bewusst sein.» Sei das Bewusstsein da, könne es Betroffenen nur schon helfen, wenn ihnen Informationen über Anlaufstellen mitgegeben werden, an die sie sich in einer Krisensituation werden können (siehe unten).

Erste Folgen zeigen sich bereits in den Psychiatrien

Welche Auswirkungen die Coronakrise auf die Suizidrate weltweit und in der Schweiz haben wird, kann niemand voraussagen. «Was wir im Moment machen, ist eine Prognose, die auf einer anderen Prognose, nämlich der von Arbeitslosenzahlen, fusst», relativiert Kawohl. Beruhigend findet er, dass es in der Schweiz die Möglichkeit gibt, Kurzarbeit anzumelden und der Bundesrat versucht, die Auswirkungen der Coronakrise mit verschiedenen Massnahmen abzufedern.

Und trotzdem spürt Kawohl während seiner täglichen Arbeit bereits eine Verunsicherung der Menschen. Einerseits gebe es jene Patientinnen, die Angst vor einer Ansteckung hätten. «Seit Mitte März haben wir bei uns im Kriseninterventionszentrum aber auch vermehrt Patienten aus der Gastrobranche behandelt, die angesichts ihrer ungewissen beruflichen Zukunft belastet sind.» Auch Einsamkeit, bedingt durch die Isolation, sei aktuell immer wieder ein Thema. «Die Vereinsamung betrifft viele Menschen, vor allem aber ältere und andere Risikogruppen. Viele von ihnen sind seit Wochen mehr oder weniger zu Hause.» Kawohl rechnet damit, dass die Psychiatrie die Folgen der Coronakrise in den kommenden Wochen, Monaten und auch darüber hinaus weiter deutlich spüren wird.

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