Auslastung

Aargauer Pflegeheime: Plötzlich braucht es doch weniger Plätze als befürchtet

Die Menschen werden immer älter, bleiben aber auch länger gesund. Dadurch steigt der Bedarf an zusätzlichen Pflegeplätzen langsamer als erwartet, die Kapazitäten in den Aargauer Heimen sind derzeit nicht ausgelastet. Chris Iseli

Die Menschen werden immer älter, bleiben aber auch länger gesund. Dadurch steigt der Bedarf an zusätzlichen Pflegeplätzen langsamer als erwartet, die Kapazitäten in den Aargauer Heimen sind derzeit nicht ausgelastet. Chris Iseli

Die Belegungszahlen sinken, die Anpassung der Planungswerte nach unten war dringend angezeigt

«Ich verspreche Ihnen: Sie halten ein Dokument in Händen, das es in sich hat.» Mit diesen Worten leitete Gesundheitsdirektorin Susanne Hochuli ihr Vorwort zur Pflegeheimkonzeption ein, die der Regierungsrat Ende 2009 genehmigt hat.

Das wird schon gestimmt haben, in sich hatte es aber sicher die Fehleinschätzung bei der Entwicklung des Pflegebettenbedarfs. Hätte man sich überall an den vom Kanton vorgegebenen Richtwert für Pflegeheime gehalten, der gemäss Pflegeverordnung durchaus verbindlichen Charakter hat, wären markante Überkapazitäten geschaffen worden.

Das aktuelle Soll gemäss Pflegeheimkonzeption läge eigentlich bei fast 7000 Plätzen, belegt sind im ganzen Kanton aber weniger als 6000 Betten. Es gibt natürlich die unterschiedlichsten Institutionen mit gerade mal sieben Plätzen (Wohn- und Pflegeheim Egelsee in Bergdietikon) oder mit 244 Betten (Reusspark Niederwil).

(cze/Quelle: VAKA)

Auslastungsgrad in den Pflegeinstitutionen im Kanton Aargau

Nimmt man den Durchschnitt, müsste es heute im Aargau nach den Vorgaben der Pflegeheimkonzeption, aber sicher ein Dutzend Alters- und Pflegeheime mehr geben, als es tatsächlich sind.

Auslastung der Heime sinkt

Aber sie stünden leer. Die deutliche Lücke im Angebot an stationären Pflegeplätzen, die bei der aktuellen Bevölkerungszahl und der Anwendung der gültigen Planungsannahmen zu beklagen sein müsste, gibt es nicht.

Im Gegenteil: Die durchschnittliche Auslastung der Heime ist auf gut 94 Prozent gesunken. Das hat eine Umfrage des Verbands Aargauischer Spitäler, Kliniken und Pflegeinstitutionen (VAKA) letztes Jahr ergeben, Stichtag war der 30. September. Als die Pflegeheimkonzeption erarbeitet wurde, lag die durchschnittliche Auslastung noch bei 98 Prozent.

Man habe das Departement Gesundheit und Soziales schon vor zwei Jahren auf die Entwicklung hingewiesen, sagt VAKA-Geschäftsführer Beat Huwiler. Aber erst als man vergangenen Herbst die aktuellen Zahlen vorlegte und beim Kanton monierte, dass man für die Festlegung des Richtwerts nicht konsultiert worden sei, kam Bewegung in die Sache. Der Pflegeheim-Richtwert wurde angepasst. Der Richtwert ist der Prozentsatz der über 80-Jährigen, von denen man annimmt, dass sie einen Pflegeplatz benötigen.

Mehr Betagte, tieferer Richtwert

Die Lebenserwartung steigt, die Zahl der betagten und hoch betagten Einwohner nimmt zu. Aber diese bleiben länger fit, darum zeigt die Tendenz beim Richtwert für Pflegeheime trotz der demografischen Entwicklung nicht nach oben, sondern nach unten. Das hat man zwar schon bei der Pflegeheimkonzeption von 2009 erkannt, aber die Dynamik der Entwicklung wurde offenbar unterschätzt. Man kann auch sagen: Die Planung wurde vom Erfolg der ausgerufenen Maxime «ambulant vor stationär» überholt.

Während zur Zeit der Pflegeheimkonzeption auch die Hälfte der Heimleiter das Angebot tatsächlich noch als zu knapp einstufte, sind die Belegungszahlen heute an einzelnen Orten so tief, dass die Pflegeheime in echte Schwierigkeiten kommen. Er halte es nur für eine Frage der Zeit, bis das eine oder andere Heim in Konkurs geht, sagte kürzlich CVP-Grossrat Andre Rotzetter zur az. Er ist Geschäftsführer des Vereins für Altersbetreuung im oberen Fricktal.

Das Fricktal ist die bislang einzige Region, welcher der Kanton einen eigenen, regionalen Pflegeheim-Richtwert zugestanden hat. Im Einzugsgebiet des Planungsverbands Fricktal Regio liegt der durchschnittliche Auslastungsgrad der Alters- und Pflegeheime auch heute noch bei knapp 98 Prozent. Hätte man die Planungsvorgaben des Kantons zum Nennwert genommen, müsste es heute aber 800 statt 680 Pflegebetten geben.

Nachdem die VAKA die aktuellen Belegungszahlen vorgelegt hatte, passte der Regierungsrat nun Ende Januar den Pflegeheim-Richtwert an. Er war für den Zeitraum bis 2015 auf 23,2 Prozent, für die Zeit von 2016 bis 2020 auf 21,4 Prozent festgesetzt worden. Neu gilt nun bereits ab dem laufenden Jahr ein Richtwert von 19,7 Prozent, der ursprünglich erst für das Jahr 2025 errechnet worden war.

Man wolle damit eine Fehlentwicklung verhindern, schrieb der Regierungsrat: Mit Berufung auf den vom Kanton festgelegten Richtwert hätte der Bau von neuen Pflegeeinrichtungen durchgesetzt werden können, für die gar kein Bedarf besteht.

Immer noch zu hoch angesetzt?

Aber ist diese Gefahr nun gebannt und der Richtwert auf dem richtigen Niveau? «Er ist sicher nicht zu tief angesetzt», sagt VAKA-Geschäftsführer Beat Huwiler. Der Richtwert sei nach wie vor zu hoch, meint Andre Rotzetter. Im Fricktal hat man den Antrag gestellt, von 16,7 auf 16,2 Prozent heruntergehen zu dürfen.

Dass jede Regionalplanungsgruppe wie jene im Fricktal ihren eigenen Richtwert errechnet, werde als mittelfristiges Ziel angestrebt, schrieb die Regierung Ende Januar. Dass das angezeigt wäre, zeigen die markanten regionalen Unterschiede der aktuellen Zahlen: In der Region Lenzburg-Seetal zum Beispiel läge das Soll an Pflegebetten gemäss altem Richtwert schon heute bei fast 600. Effektiv gibt es weniger als 500, und die Auslastung liegt dennoch nur bei schon beängstigend tiefen 88 Prozent.

Für eine regionale Planung spricht sich auch der Verband VAKA aus, der prüft, ein entsprechendes Beratungsangebot für die Regionalplanungsverbände zu schaffen, die in dieser Sache bis jetzt ziemlich allein gelassen seien. Allerdings würde man sich dann auch mehr Autonomie in dem Sinn wünschen, dass die Replas ihre Richtwerte vom Kanton abweichend festlegen können.

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