In Bundesbern wurde diese Woche über Sinn und Unsinn von Geldstrafen debattiert – auch aus Opfersicht. Yvonne Meier (33) ist Opferanwältin mit eigener Kanzlei in Baden.

Es ist ihre Einstellung, keinen Täter zu vertreten. Ihr gegenüber sitzen darum immer die Opfer. Frauen beispielsweise, die zu Hause Gewalt erleben, oder Mädchen, die nur noch weinen, weil sie zwangsverlobt wurden.

Meier hört ihnen zu. Was sie hört, ist oft schlimm. In Emotionen stürzt sie sich nie. Denn Meier ist nicht die Freundin der Mädchen, sondern ihre Verteidigerin.


Yvonne Meier, ein Anwalt hält das Strafmass für seinen Mandanten tief. Was ist das Ziel einer Opferanwältin?

Yvonne Meier: Ich kann eine scharfe Opferanwältin sein und eine möglichst hohe Strafe anstreben. Ich weiss aber aus Erfahrung: Für die meisten Opfer von häuslicher Gewalt, die ich hauptsächlich vertrete, ist eine Bestrafung meist nur zweitrangig. Allenfalls sogar unerwünscht.

Was ist erstrangig?

Sicherheit und Ruhe. Und dass der Täter, in meinen Fällen oft der Ehemann, eine Therapie macht. Eine Anti-Gewalt-Therapie oder eine Suchttherapie. Das kann sogar helfen, Ehen zu retten oder zumindest eine Trennung friedlicher zu gestalten.

Bestrafen ist einfacher.

Ja, aber es nützt nichts. Mir haben Frauen erzählt, dass ihre gewalttätigen Ehemänner eine Busse bekommen haben und er die Busse dann von ihrem Haushaltsgeld abzog, da sie in seinen Augen schuld war, weil sie ihn ja anzeigte. Das ist ein extremer Irrlauf. Anders sieht es aus bei einer Frau, die von einem Unbekannten vergewaltigt wird. Ihr kann es egal sein, wie sich der Täter weiterentwickelt. Da gibt es nur eines: Bestrafen. Ehepaare bleiben aber auch nach der Trennung verbunden, insbesondere durch Kinder.

Das Parlament hat diese Woche beschlossen, dass wieder mehr Freiheits- statt Geldstrafen verhängt werden sollen. Eine gute Idee?

Der Nachteil einer Freiheitsstrafe könnte sein, dass die Unterhaltszahlungen während der Haft nicht bezahlt würden. So würden Opfer und Kinder indirekt bestraft,

Häusliche Gewalt ist in Ihrer Kanzlei ein grosses Thema.

Ja, und wenn über solche Fälle in den Medien berichtet wird, hat das immer besonders viele Opfer-Meldungen zur Folge. Wie beispielsweise nach dem Tötungsdelikt in Wettingen.

Dort erschoss ein Mann seine Ehefrau in ihrem Coiffeur-Salon.

Genau. Aufgrund solcher Vorfälle werden sehr viele Drohungen ausgesprochen. Ich weiss von Männern, die ihren Frauen nach diesem Tötungsdelikt gesagt haben: «Siehst du, der hat es richtig gemacht. Ich werde das Gleiche mit dir machen.» Eine Frau kam daraufhin zu mir und erzählte mir, dass sie nach dieser Drohung im Internet nach dem Tötungsdelikt suchte, um zu sehen, was mit ihr passieren wird. Es ist schlimm, dass auf solche Delikte immer noch weitere Straftaten folgen.

Tun wir genug für die Opfer?

Die geschädigte Person hat meist zu wenig Gehör. Im Haftfall stellt die Staatsanwaltschaft Antrag auf Untersuchungshaft. Das Zwangsmassnahmengericht entscheidet und stützt sich dabei auf die ersten Aussagen des Opfers. Ich habe in diesem Zeitpunkt keine Möglichkeit noch Beweise einzureichen. Gerade ein Gericht, das entscheidet, ob jemand gefährlich ist oder nicht, müsste aber eins zu eins einen Eindruck von einem Opfer haben, um zu sehen, wie stark eingeschüchtert es ist. So etwas erkennt niemand auf dem Papier.

Ist es nicht schlicht einfacher mit einem Täter umzugehen, als mit seinem Opfer?

In unserem Rechtsstaat werden stets die Rechte des Täters gewahrt: sein rechtliches Gehör, seine Verteidigung, dass im Verfahren alles richtig läuft und in der Haft alles in Ordnung ist. Das Gesetz will es so.

Und das Opfer?

Das Opfer hat gemäss Gesetz weniger Möglichkeiten, sich unterstützen zu lassen. Man sagt einfach, okay, wir machen eine Opferhilfe-Meldung. Diese Meldung an die Opferhilfe ist sehr gut und wichtig, dort erhält ein Opfer später auch die nötige kostenlose juristische Unterstützung. Aber manchmal weiss das Opfer nicht einmal, was das heisst. Dann sagt es vielleicht: «Ich brauche das nicht.» Dann ist der Zug abgefahren.

Wo besteht Handlungsbedarf?

Wir brauchen eine Opferpikett-Liste. Genau gleich wie bei den Tätern. Wird jemand inhaftiert, gibt es eine Liste, auf der steht, welcher Anwalt Pikett hat, und der steht dann innerhalb einer Stunde auf der Matte. Anders ist es beim Opfer. Es ist einfach da, wird befragt und heimgeschickt. Im Gegensatz zum Täter springt beim Opfer kein Anwalt.

Ein Opfer wird auch nicht einer Straftat beschuldigt. Im Gegensatz zum Täter. Warum also ein Anwalt?

Es ist doch wichtig, dass ein Opfer alle notwendigen Informationen bekommt. Dass es weiss, was passiert, wenn es über das aussagt und was geschieht, wenn es über jenes aussagt. Die Polizei hat die Pflicht zu informieren. Ist ein Opfer noch aufgewühlt, geht das allerdings beim einen Ohr rein und beim anderen wieder raus. Die Opfer bekommen ein Formular, das sie unterschreiben müssen. Wenn ich sie später frage, was sie unterschrieben haben, sagen 90 Prozent: keine Ahnung – ein gelbes und ein grünes Formular.

Was sind das für Formulare?

Das sind Antragsformulare, die extrem wichtig sind. Angenommen ein Polizist fragt nach einem Vorfall von häuslicher Gewalt: «Möchten Sie, dass ihr Mann bestraft wird? Dann antwortet die Frau: «Nein, nicht unbedingt.» Dann heisst das offiziell: Strafanzeigeverzicht, und der ist endgültig. Das Opfer konnte zu diesem Zeitpunkt aber nie mit einer Anwältin reden und weiss nicht, dass mit einem Kreuzchen der ganz Weg eines Strafverfahrens eventuell blockiert wird. Das Opfer kann dann auch keine Rechte mehr geltend machen und auch keinen Schutz. Das ist einfach heikel.