Viel erfährt man nicht. Und trotzdem lässt der aktuelle Entscheid des Bundesgerichts erahnen, wie schwierig die ersten 17 Jahre im Leben der jungen Frau gewesen sein dürften: Seit 2010, als sie acht Jahre alt war, bestehen Kindesschutzmassnahmen, später wurde sie ausserhalb der Familie platziert, in einem Jugendheim untergebracht, aus dem sie insgesamt fünf Mal floh, und zeitweise in einer psychiatrischen Klinik behandelt. Im März beschloss das Zofinger Familiengericht, die fürsorgerische Unterbringung fortzuführen und wies den Teenager in ein Jugendheim ein. Der Entscheid war der Auftakt zu einem Rechtsstreit, der bis hinauf zum Bundesgericht führen sollte.

Die Mutter der jungen Frau setzte sich gegen die Heimplatzierung juristisch zur Wehr. Anfang April führte die zuständige Kammer des Aargauer Obergerichts deshalb in den Räumlichkeiten jener Klinik, in der die Jugendliche damals untergebracht war, eine Verhandlung durch, hörte Mutter und Tochter an – und wies ihre Beschwerde ab. Rund zwei Wochen danach floh die junge Frau. Aufenthaltsort unbekannt, wie es im Urteil heisst.

Noch vor der obergerichtlichen Verhandlung hatte das Familiengericht, das im Kanton Aargau die Aufgabe der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) übernimmt, bereits einen weiteren Entscheid gefällt. Demnach sollte der Aufenthalt im Jugendheim vorerst sechs Wochen dauern und eine sozialpädagogische Abklärung ermöglichen, um das passende Betreuungssetting zu finden. Doch davon erfuhren Mutter und Tochter erst bei der Anhörung vor der obergerichtlichen Kammer. In ihrer Beschwerde ans Bundesgericht kritisierten sie daher, ihnen sei das rechtliche Gehör nicht gewährt worden.

Forderung nach Therapie in Klinik

Die Mutter bestreitet die Notwendigkeit einer Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung oder einer psychiatrischen Klinik nicht, hält jedoch das vom Familiengericht bestimmte Jugendheim für ungeeignet. Ihre Forderung: Die Tochter, die neben der Drogenproblematik auch an den Folgen traumatischer Erlebnisse leide, müsse in eine spezialisierte Klinik verlegt und ganzheitlich abgeklärt werden. Sie sei bereit, sich dort auf eine Therapie einzulassen. Das Bundesgericht setzt sich in seinem Urteil nicht mit der Frage auseinander, wo die junge Frau untergebracht werden soll. Stattdessen drehen sich die Erwägungen um das Vorgehen des Aargauer Obergerichts. Und das oberste Gericht des Landes kommt zum Schluss: Mutter und Tochter stand die nötige Zeit nicht zur Verfügung, um sich mit dem – für das weitere Verfahren wichtigen – Ergänzungsentscheid des Familiengerichts auseinanderzusetzen. Das Obergericht hat damit ihren Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt. Die Beschwerde wird gutgeheissen.

Damit erreicht die Mutter die Aufhebung des Entscheids des Obergerichts, das sich nochmals mit dem Fall befassen muss. Aus Lausanne kommen klare Anweisungen: «In diesem Sinne ist neu zu prüfen, ob die fürsorgerische Unterbringung weiterhin angezeigt ist und ob das Jugendheim im jetzigen Zeitpunkt noch in Betracht fällt.» Und: Bei Zweifeln, ob diese Institution tatsächlich geeignet sei, seien andere Unterbringungsmöglichkeiten zu prüfen.

Bundesgerichtsurteil 5A_371/2019 vom 24. Juli 2019