Forschungsmission
Aargauer machen ihre Grenzerfahrung unter dem Dach der Welt

9 Aargauer rüsten sich für die grösste medizinische Himalaya-Expedition: Im Dienste der Wissenschaft besteigen sie den knapp 7200 Meter hohen Berg Himlung Himal. Ausserdem spielt das Kantonsspital Aarau bei der Forschung eine wichtige Rolle.

Tommy Dätwyler
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Labor auf dem «Dach der Welt»: Forscher im Himalaya.Tommy Dätwyler

Labor auf dem «Dach der Welt»: Forscher im Himalaya.Tommy Dätwyler

Im Herbst startet an der Grenze zwischen Nepal und Tibet ein noch nie da gewesenes Forschungsprojekt: 25 Forscher, 10 Bergführer, 16 Sherpas und 44 Testpersonen aus der ganzen Schweiz wollen im Dienst der Wissenschaft den knapp 7200 Meter hohen Himlung Himal besteigen.

Bei diesem ungewöhnlichen Forschungsprojekt sind neun Aargauer Bergsteiger dabei, und das Kantonsspital Aarau spielt bei der Forschung eine wichtige Rolle.

Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Atemnot. Das sind die Symptome der gefährlichen Höhenkrankheit, die immer mehr Bergsteiger und Trekking-Wanderer bereits in Höhen ab 2500 Meter in Not bringt.

Sicher ist: Wer zu schnell in grosse Höhen aufsteigt, macht sich krank. Noch immer unklar ist, was genau die Höhenkrankheit und ihre verschiedenen Symptome auslöst. Was passiert unter akutem Sauerstoffmangel im Hirn, wie reagiert das Herz auf die ungewohnte Belastung in der dünnen Luft und welche Abläufe gefährden die Lungenfunktion?

«Diesen und weitere auch für die Alltagsmedizin wichtige Fragestellungen wollen wir am Himlung Himal auf den Grund gehen», erklärt Expeditionsleiter Urs Hefti, der selber Arzt ist. Rätsel stacheln ihn und das Forscherteam mit Spezialisten des Berner Inselspitals, des Kantonsspitals Aarau und der Universitätsklinik Leipzig an. Es ist die vierte Forschungsexpedition des Vereins «Swiss-Exped» – und die grösste.

Aargauer Probanden

Den neun Aargauer Bergsteigern (darunter drei Frauen) sind Grenzerfahrungen garantiert. Acht davon stellen sich als Probanden in den Dienst der Wissenschaft und lassen sich auf ihrer anstrengenden Tour regelmässig untersuchen.

Da ist der Sauerstoffmangel, der die Leistungsfähigkeit unter 50 Prozent sinken lässt und den Schlaf stört. Da sind Sturm, Schnee und Eis, Temperaturen bis minus 25 Grad, ungewohntes Essen.

Und da sind die medizinischen Untersuchungen, die auf jeder Etappe überdurchschnittliche Motivation, Durchhaltewillen und «Biss» voraussetzen. «Euphorie und Enttäuschung werden sich die Waage halten», prophezeit Expeditionsleiter Urs Hefti aus Erfahrung. Er weiss: Alle werden es nicht auf den Gipfel schaffen. «Wenn es die Hälfte packt, dann bravo!»

Für alle Teilnehmer haben die Vorbereitungen bereits begonnen. Sie wurden im letzten Herbst aus über 100 Interessenten nach medizinischen Kriterien für die grosse Expedition ausgesucht. Die besten Chancen hat, wer körperlich «parat» und auch mental stark ist.

Das Labor unter freiem Himmel

Ebenfalls mental bereit, körperlich stark und darüber hinaus mit dem richtigen Material ausgerüstet sein müssen die Forscher: Was für die Forschung fehlt oder in Bruch geht, kann nicht nachgeliefert oder bestellt werden.

«Die Planung ist – neben der aufwendigen und harten Untersuchungsarbeit – das A und O», bangt die aus Rupperswil stammende Lungenärztin Jacqueline Pichler (Inselspital Bern) von früheren Expeditionen. Sie weiss, dass sie und ihre Arzt-Kollegen nicht nur mit den für Bergsteiger normalen Problemen zu kämpfen haben werden.

Zusätzlich und besonders ins Gewicht fallen bei ihnen die regelmässigen Arbeitstage mit 16 und mehr Arbeitsstunden. Sie werden im Eis des Himlung Himal Tausende von Blutproben und Datensätze sammeln, die später auch im Zentrum für Labormedizin des Kantonsspitals Aarau untersucht und ausgewertet werden.

Die Resultate sollen, gemäss dem ärztlichen Direktor des KSA, Andreas Huber, vielen Herz- und Lungenkranken zugutekommen. Das KSA konzentriert sich bei seinen Untersuchungen auf die Untersuchung der Blutgerinnung bei Sauerstoffmangel und die Veränderung der Blutgefässe.

Ein Forschungsgebiet, für das sich das KSA mit früheren Forschungserfolgen einen Namen geschaffen hat. «Es ist spannend und eine besondere Herausforderung, am Berg unter widrigsten Umständen hochstehende medizinische Forschung zu betreiben», meint Huber dazu.

Trainingswochenende

Der Countdown läuft: Im September reisen die 70 Schweizer nach Asien. Noch Zeit genug, sich entsprechend vorzubereiten. Im Juni wird sich die ganze Expedition ein Wochenende auf dem Steingletscher treffen. Im Inselspital sind aufwendige Voruntersuchungen und medizinische Tests geplant, und die Ausrüstung will gut überdacht und vollständig sein.

Aus dem Aargau werden folgende Personen an den «Start» der medizinischen Ausdauerprüfung gehen: Roswitha und Urs Bolliger, German Escalante (Lenzburg), Brigitte Kröni (Oberrohrdorf), Gianin Müller (Gontenschwil), Markus Thomma (Oberwil-Lieli), Andreas Vizeli (Kaiseraugst), Brigitte Vogel (Lenzburg) und Tommy Dätwyler (Gränichen, Mitglied Expeditionsleitung).

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