Berufsschulen

Aargauer Lernende zahlen mehr als 300'000 Franken Bussen fürs Schwänzen

Keine leeren Schulzimmer dank Bussen. (Symbolbild)

Die meisten Berufsschulen im Kanton Aargau büssen Lernende, die unentschuldigt fehlen – und sehen keinen Grund, das zu ändern.

Der Aargau kennt ein Gesetz, wonach Berufsschulen ihre Schülerinnen und Schüler für unentschuldigte Absenzen büssen können. Die Bussen können bis zu 20 Franken pro geschwänzter Lektion betragen. 

Der AZ liegt nun die Summe der Bussen für das Schuljahr 2018/19 vor. Insgesamt haben die Lernenden für unentschuldigtes Fehlen über 300'000 Franken Bussen bezahlt. 

Die Berufsschule Aarau hat am meisten Schüler und mit 70'000 Franken auch die höchste Bussensumme. Die kleinste Aargauer Berufsschule, das Berufsbildungszentrum Freiamt, nimmt am wenigsten Bussen ein, nämlich rund 15'000 Franken.

Auf den einzelnen Lernenden hinuntergebrochen sind das im Schnitt 17,42 Franken pro Jahr. Diese Zahl muss man jedoch sehr stark relativieren. In der Realität bezahlt der allergrösste Teil der Lernenden nicht einen Franken.

Von Gesetz wegen sind für die Schulen Alternativen zur Busse möglich. In der Verordnung über die Berufs- und Weiterbildung ist von «einer erzieherisch sinnvollen Tätigkeit» die Rede, die während der Freizeit der Lernenden absolviert werden muss. Denkbar wären Arbeitseinsätze im Hausdienst (Reinigung), im Schulgarten oder an Sporttagen.

Hier setzt die Kritik Florian Vocks an. Der Aargauer Grossrat hatte sich schon 2016 mit einer Motion gegen Bussen in Berufsschulen eingesetzt, blitzte damit aber im Kantonsparlament klar ab. Seine Meinung hat sich seither nicht geändert – im Gegenteil. «Aus dem Jugendstrafrecht ist bekannt, dass Bussen die wirkungslosesten Strafen sind.»

Alternativen scheitern an den Ressourcen

Vock fordert andere Sanktionen: «Wenn jemand zu spät kommt oder fehlt, muss er halt nachsitzen. Das tut mehr weh.» Für die Schulen sei das natürlich aufwendiger, und es sei klar, dass das die Lehrpersonen nicht anbieten könnten, da diese schon genug ausgelastet seien. Dafür brauche es «eine Umorganisation seitens der Verantwortlichen der Berufsschulen». Vock ergänzt: «Wenn aber ein Schüler fehlt, weil er gesundheitliche, berufliche oder private Probleme hat, braucht es Unterstützung, aber sicher keine Bestrafung. Die Belastung für Berufsschüler wird immer grösser.»

Nun kommt die Frage der Machbarkeit ins Spiel. Alex Simmen vom Bildungszentrum Brugg bezeichnet die Bussenregelung als die «einzige realistische Möglichkeit» im Disziplinarbereich. Sie sei wirksam und benötige – anders als Nachsitzen – keinen «unmöglichen personellen Mehraufwand». Ausserdem seien «die Lernenden bereits mit fünf Tagen in einem Beruf und in der Schule eingebunden».

Noch wirksamer wäre, wenn die Verantwortung bei den Lehrbetrieben läge, so Simmen weiter. «Die Absenz müsste den Lernenden konsequenterweise direkt von den Ferien abgezogen werden. Die Schulzeit ist Arbeitszeit und in der Arbeitswelt kann man auch nicht einfach fehlen. Das ist rechtlich aber vermutlich nicht haltbar.»

Ähnlich wie Simmen sehen es die meisten seiner Aargauer Kollegen. Fast alle Berufsschulen im Kanton, die Bussen verlangen, haben sich auf 10 Franken Busse pro unentschuldigte Absenz geeinigt. Die Berufsschule Lenzburg greift auf die Höchststrafe von 20 Franken pro Lektion zurück. Und dies trotz der Beobachtung von Rektor Tobias Widmer, dass für gewisse Lernende der Wert des Geldes gesunken ist und ihnen eine Busse gleichgültiger ist als auch schon.

Auch Hans Marthaler, Rektor des Berufsbildungszentrums Fricktal, nennt die Bussen eine geeignete Massnahme und eine gute Möglichkeit, disziplinarisch durchzugreifen. Wie die Mehrheit seiner Kollegen sieht er somit keinen Grund, das aktuelle System abzuschaffen und Bussen zu verbieten. 

Die Rückmeldungen der Lernenden sind generell positiv. Das zeige sich an den Klassenchefkonferenzen, wie die Rektoren der Berufsschulen Aarau und Lenzburg anführen.

Dort herrscht die Meinung, dass man als Lernende in der Verantwortung gegenüber den Lehrbetrieben stehe, so der Aarauer Berufsschulleiter Paul Knoblauch. Da sei eine Strafe fürs Schwänzen angebracht. Offen bleibt, ob andere Strafen ebenfalls Anklang fänden, wenn diese etabliert wären.

Viele Auszubildende kommen ganz ohne aus

Und sowieso: Eine grosse Anzahl der Lernenden kommt ohne Busse durch die Lehre. «Über 50 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler zahlt während ihrer drei- oder vierjährigen Schulzeit keinen einzigen Rappen in den Bussenfonds ein», so Marthaler. Im Vergleich zu seinen vorherigen Arbeitsstationen in Bern und Luzern, wo keine Bussen erhoben werden dürfen, sei er sehr dankbar für diese Möglichkeit.

Dass die Bussenregelung diejenigen Lernenden bevorzugt, welche über ein grösseres Budget verfügen, verneint Roger Meier, Rektor der Schule Berufs- und Weiterbildung Zofingen (BWZ),  nicht. Er stellt fest, dass sich die Lernenden im Bausektor – wo die Löhne frappant höher seien als beispielsweise bei den Schuhmachern – mehr Absenzen leisten.

Unfair findet er das jedoch nicht, denn: «Es steht jedem frei, sich für eine Lehre beim Bau zu entscheiden.» Er kommt zum Schluss: «Wir sind froh, dass wir diese Regelung haben. Es gibt immer Uneinsichtige, aber bei einem grossen Teil funktioniert sie.»

Manche müssen doppelt zahlen

Er ergänzt: «Wir haben festgestellt, dass einige Lehrbetriebe zusätzlich eine Busse erheben und der oder die Lernende dann doppelt zahlen muss.» Das sei nicht im Sinn der Schule, aber scheinbar erachten es die Ausbildner als sinnvoll.

Eine ganz andere Linie verfolgt die Berufsfachschule Gesundheit und Soziales in Brugg. Dort sieht man gänzlich von Bussen ab. Rektor Felix Scheidegger führt aus: «Natürlich gibt es immer schwarze Schafe, aber auch wenn wir von Bussen absehen, haben wir keine signifikanten Ausreisser bei den Absenzen.»

Die Nutzniesser der Bussgelder sind die Lernenden selbst

Ob dafür oder dagegen, das mit Bussen eingenommene Geld wird zweckgebunden verwendet und kommt – wie gesetzlich vorgeschrieben – allen Lernenden zugute. So werden aus dem Topf oder dem Fonds beispwielsweise günstige Skitage (Zofingen), Theaterbesuche oder Sportwochen (Lenzburg), Exkursionen oder auch mal Abschlussreisen (Rheinfelden) finanziert.

Ausserdem werden in einigen Fällen die Besten des Jahrgangs prämiert. «Die Empfänger dieser Preise staunen nicht schlecht über die Höhe des Betrages und freuen sich über die Anerkennung. Und natürlich stellen wir auch immer klar, woher das Geld kommt», erläutert der Zofinger Rektor Meier.

Die Berufsschulen vergeben nicht nur Bussen, sondern stehen auch in engem Austausch mit den Lehrbetrieben. Fehlt eine Lernende in der Schule, bleibt das dem Arbeitgeber in keinem Fall verborgen.

Häufen sich die Absenzen, wird das Gespräch gesucht und die Situation angeschaut. Nach dem Motto «Hiiluege, nöd lah schlieffe», wie es der Rektor der Aarauer Berufsschule, Paul Knoblauch, ausdrückt, wird der Kontakt «lieber früher, als später» aufgenommen.

Meistgesehen

Artboard 1