Reformierte Landeskirche

Aargauer Landeskirche will sich nicht an der Revolution beteiligen

Christoph Weber-Berg (49), Pfarrer, Wirtschaftsethiker. Er predigt am heutigen Reformationstag um 9.30 Uhr in der Reformierten Kirche Gränichen.

Christoph Weber-Berg (49), Pfarrer, Wirtschaftsethiker. Er predigt am heutigen Reformationstag um 9.30 Uhr in der Reformierten Kirche Gränichen.

Im Aargau versteht sich die Reformierte Landeskirche dezidiert als reformiert und lehnt Pläne aus Bern ab, künftig als «Evangelische Kirche in der Schweiz» aufzutreten.

Der Rat des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) führt derzeit bei seinen Landeskirchen eine Vernehmlassung für eine neue Verfassung durch. Diese soll ab 2016 gelten. An diesen Zeitplan glaubt der Kirchenratspräsident der Reformierten Landeskirche Aargau, Christoph Weber-Berg, aber nicht mehr. Denn der Entwurf kommt in verschiedenen Kantonen schlecht an. Auch die Aargauer Reformierten tun sich sehr schwer damit. Der Kirchenrat lehnt den Vorentwurf und das zugehörige Statut schlicht ab und betrachtet den laufenden Prozess als gescheitert – so wie die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. Christoph Weber-Berg: «Wir erwarten eine neue Vernehmlassungsvorlage.»

Was läuft so gründlich schief? Die gewichtigste Differenz zwischen der Aargauer Landeskirche und dem Vorschlag aus Bern liegt in der Frage der Souveränität der kantonalen Kirchen. Als am heikelsten erachtet Weber-Berg, «die Unklarheit, inwieweit die Souveränität der Landeskirchen auf kantonaler Ebene beschränkt wird». Wenn Artikel 5 des Vorentwurfs die primäre Zuständigkeit der EKS, also im Prinzip eine Kirche «von oben» festschreibe, «dann wird damit das für die Reformierten wesentliche Subsidiaritätsprinzip der Landeskirchen gegenüber der EKS abgeschafft. Das entspricht nicht der reformierten Tradition und dem Kirchenverständnis der reformierten Kirchen der Schweiz».

Die Kirchen wären nur noch so weit für ihre Belange zuständig, als ihre Zuständigkeit nicht durch Beschlüsse oder durch die Verfassung der EKS beschränkt wird. Daraus würde nach Auffassung des Aargauer Kirchenrates eine grundlegende Beschränkung der Souveränität der Landeskirchen resultieren, die zu Anpassungen der Rechtsgrundlagen und der Verfassung der Aargauer Landeskirche führen und allenfalls den öffentlich-rechtlichen Status der Aargauer Landeskirche tangieren könnte.

Als weiteres grosses Manko identifiziert der Kirchenrat den Umstand, dass im Verfassungsvorentwurf «für eine Kirche wichtige Punkte wie Taufe und Taufanerkennung oder Abendmahlsverständnis vollständig fehlen». Solche Punkte würde man in einer kirchlichen Verfassung erwarten, sagt Weber-Berg, «und nicht nur eine vage Bezugnahme in der Präambel auf die Bibel». Und schliesslich trenne das im Entwurf vorgesehene duale System geistliche und weltliche Angelegenheiten. Dafür gebe es aus theologischer Sicht keinen Grund.

Noch etwas stört die aargauer gewaltig. Die vorgesehene dreigliedrige Leitungsstrukur mit Parlament, Rat und Präsidium sei zwar richtig, sagt Weber-Berg. Diese seien heute je etwa gleichgewichtig. Im Vorentwurf werde das Präsidium auf nationaler Ebene aber mit einem deutlich sichtbaren geistlichen Leitungsamt ausgestattet und überbetont. Über die geistliche Stellung und Funktion des Rates und der Synode äussere sich der Verfassungsvorentwurf hingegen nicht. Wenn die Synode nur noch einmal jährlich tagen soll, würde sie sehr geschwächt. Weber-Berg: «Mit der starken Hervorhebung des Präsidiums kämen wir nahe an eine bischöfliche Struktur, was in unserer Kirche eine Revolution bedeuten würde.»

Weiter geht es um den Namen der Kirche. Diese soll sich künftig «Evangelische Kirche in der Schweiz EKS» nennen. Das wäre für die meisten Mitglieder unverständlich, argumentiert Weber-Berg. Man frage ja nicht, ob jemand evangelisch oder katholisch, sondern ob er reformiert oder katholisch sei. Nochmals Weber-Berg: «»Reformiert» ist stärker verankert. Wir dürfen in der Schweiz als einem der Mutterländer der Reformation auf diese Tradition stolz sein. Evangelisch sind viele, reformiert sind nur wir.» Dieses Markenzeichen will er nicht hergeben. Wie würde er sie denn nennen? Er sähe eine «Gemeinschaft Reformierter Kirchen der Schweiz» oder schlicht eine «Reformierte Kirche Schweiz».

Natürlich sieht man im Aargau auch positive Punkte. So teilt man die Überzeugung, dass die Strukturen reformiert werden müssen. Und man will ebenfalls eine gemeinsame, gestärkte Kirche auf nationaler Ebene schaffen. Doch das soll erstens von den kirchlich-theologischen Inhalten und zweitens von unten und nicht von oben kommen, betont Kirchenratspräsident Weber-Berg. Damit das Haus «Reformierte Kirche Schweiz» ein passendes neues Dach erhält – und nicht eins, bei dem es von Beginn weg hineinregnet.

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