Die Punkte sind schön verteilt – übers ganze Kantonsgebiet – und weit darüber hinaus. Und doch: Ganz ausräumen kann es das Vorurteil über den Gap zwischen Stadt und Land nicht. Drei dicke Punkte dominieren. Aarau, Baden - und Zürich.

Zürich? Wie kommt es, dass das Aargauer Fördergremium so viele Beiträge nach Zürich, aber auch nach Basel und vereinzelt gar nach Berlin, Wien oder Luzern vergibt?

Geschäftsführer Peter Erismann erklärt: «Das hat damit zu tun, dass viele Aargauer Kulturschaffende nicht mehr im Kanton leben, aber beitragsberechtigt sind.»

Gesuche stellen könne eben nicht nur, wer seit mindestens zwei Jahre seinen gesetzlichen Wohnsitz im Aargau hat, sondern auch wer früher mal mindestens 15 Jahre am Stück hier gelebt hat – und dazu auch, wer mit seinen Werken im Aargau präsent ist.

«Das ist in der Verordnung zum Kulturgesetz und in unserem Leitbild so geregelt», sagt Erismann. Und er fügt an, man habe das auch statistisch erhoben. «18 Prozent der Beitragsempfänger wohnten 2015 nicht innerhalb der Kantonsgrenzen.»

Ungleiche Verteilung

Ist die Karte, ist die Verteilung ein Abbild dafür, dass die heutigen Künstlerinnen und Künstler mobiler, gar globale Nomaden sind? «Auch, aber nicht nur», findet Erismann.

Es sei sicher auch ein Resultat der fehlenden Ausbildungsmöglichkeiten im Aargau und der fehlenden Anreize nach einer Ausbildung wieder zurückzukommen.

Was fehlt denn? «Räume, Ateliers, aber sicher auch die Nähe zu Galerien oder Arbeitsangeboten.»

Auf der Karte fallen eigentliche kulturelle Leerstellen auf. Beispielsweise das Zurzibiet. Oder das Fricktal. Hier sind Frick, Densbüren und Oberhofen einsame, kleine Kulturpunkte.

Entlang des Rheins erhalten nur gerade Laufenburg, Rheinfelden und Kaiseraugst kulturelle Förderung.

Am Jurasüdfuss dagegen, durchs Aaretal, ziehen sich die Punkte wie eine dichte Perlenkette.

«Die Förderpunkte zeigen eben auch, wo Kultur stattfindet», sagt Erismann. Zieht das Kuratorium nun Konsequenzen aus dieser Bestandesaufnahme? Nein, sagt der Geschäftsführer.

«Die Karte zeigt doch, die Förderung und damit das kulturelle Angebot sind recht flächendeckend.»

Pulsmesser der Kultur

Der Jahresbericht ist ein Gradmesser und zeigt auch Entwicklungen. Die Mobilität der Kunstschaffenden etwa. Reisestipendien und Atelieraufenthalte werden wichtiger. Sie illustrieren, wie Kuratoriumspräsident Rolf Keller im Jahresbericht schreibt: Zeit ist eine wichtige Form der Förderung.

Ein erfreulicher Trend: Das Theater im Aargau hat sich verjüngt. Endlich ist auch eine jüngere Generation wieder hier tätig.

Das hat das Kuratorium mit gezielter Förderung mitangestossen. «Neue Namen wie ‹Lowtech magic›, GeeGeeExpress›, ‹Tr’space Hot Air› oder ‹Production› tauchen auf», schreibt der Fachgruppenvorsitzende Walter Küng. «Ich bin überzeugt, sie werden im Aargau für frischen Wind in der Theaterszene sorgen.»

Bei der Kunst dagegen muss die ehemalige Fachvorsitzende Eva Bechstein feststellen: die Förderung der Kunsträume reicht nirgends hin.

Entsteht oder entstand hier schon das nächste Generationenproblem? Das nächste Vakuum?

«Wir haben eben mit den Vertreterinnen der Kunsträume eine Diskussion geführt», sagt Erismann. «Die kleinen Ausstellungsorte haben unter anderem dargelegt, wie schwierig es ist, neben dem übermächtigen Kunsthaus bestehen zu können.»

Weil Statistiken so schön sind, hier noch ein paar weitere Auffälligkeiten aus dem Jahresbericht: Klassische Musik war mit 139 Gesuchen und 90 Beiträgen (wieder) quantitativer Spitzenreiter. 880 000 Franken des 6,2 Millionen-Kuratoriumskredits wurden dafür aufgewendet.

«Über die Verteilung an die einzelnen Sparten wollen wir in einer Klausur nächstens diskutieren», verspricht Erismann.

Den grössten Brocken bekam 2015 die Sparte Theater und Tanz (2,4 Millionen Franken), den kleinsten Anteil die regionalen Kulturveranstalter (156 000 Franken).

Sie und engagierte lokale Kulturhäuser sorgen für die vielen, aber kleinen Punkte auf der Karte, dafür, dass Kultur nicht nur in den Zentren stattfindet.