Im Frühling entschlossen sich Gastro Aargau und die Berufsfachschule Baden BBB zu einem gemeinsamen Versuch: Lernende aus Gastroberufen sollten den Sommer über im Ausland arbeiten, um neue Erfahrungen zu sammeln. Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein steigern, sich vernetzen, neue Konzepte kennen lernen, mit Sprachkenntnissen und Ideen nach Hause kommen. Und nicht zuletzt: in der Heimat davon berichten und so die Attraktivität einer Koch- oder Servicelehre in den Aargau hinaustragen.

Innert nur fünf Wochen hatte Alt-BBB-Rektor Ruedi Siegrist zusammen mit Fachlehrer Werner Schuhmacher und Gastro-Präsident Bruno Lustenberger das Pilotprojekt aufgegleist. Unterstützt wurden sie von der auf Kulturaustausch spezialisierten Organisation AFS. Jetzt ist der Sommer langsam vorbei, und die sechs Lernenden, die zwei Monate ihren Arbeits- und Lehrplatz nach Hongkong, in die Dolomiten oder nach Luxemburg verlegt hatten, sind zurück – und zeigen sich begeistert.

So etwa Lisa Rey, die im Hotel Linde in Fislisbach das Kochhandwerk lernt. Sechs Wochen verbrachte sie im Disney-Land-Resort in Hongkong, kochte hauptsächlich in den Restaurants der dazugehörenden Hotels. «Das meiste war à la carte, wirklich hochstehende Küche», erzählt Lisa Rey. Natürlich, der Kulturschock sei für sie am Anfang «ziemlich gross» gewesen. «Das Erste was mir auffiel: Es hat einfach derart viele Menschen, das ist unglaublich.» Auf den in der Gastroszene bekannten Märkten kreuche und fleuche alles, «so etwas hatte ich noch nie gesehen».

Ein Messer für alles

Die 19-Jährige lernte neue Anrichtetechniken und staunte, wie man auch mit weniger Material gleich gut kochen kann: «Die Asiaten haben einfach ein Messer für alles. Ganz anders als wir, die einen riesigen Messerkoffer herumschleppen», berichtet sie lachend. Disney-Land-Küchenchef Ruedi Müller – der einst selber die Berufsschule Baden besucht hatte – betreute Lisa Rey und zwei weitere BBB-Lernende, die in Hongkong zum ersten Mal internationale Küchenluft schnupperten, gleich persönlich. «Er lebt seit über 20 Jahren in Hongkong, von seinen Erfahrungen profitieren zu dürfen, war sehr wertvoll.» Rey findet das Projekt «super».

Zwar habe man zwischendurch schon gemerkt, dass es sich noch im Pilotstatus befinde: «Aber man muss ja mal den ersten Schritt machen. Es würde mich freuen, wenn mit unseren Erfahrungen das Projekt weiterentwickelt werden könnte. Es hat extrem Poten-
zial.» Lisa ist jetzt angefixt: Sie will auf jeden Fall wieder im Ausland arbeiten.

Von der Kaserne ins Spa-Resort

Claude Bürgel kocht in der Kaserne Bremgarten für Rekruten und Kader der Genieschule. Seinen Sommer verbrachte der 18-Jährige aber in den Dolomiten, genauer: im «Adler Balance Spa & Health Resort» im Val Gardena. Schon als das Projekt angekündigt worden sei, habe er gedacht: «Das wäre richtig cool!» Es erschien ihm aber als ein «unmögliches Ziel», einen der begehrten Stage-Plätze zu ergattern. Umso überraschter sei er gewesen, als ihm der Chef sagte, er dürfe gehen.

Für Claude Bürgel war die Reise ins Südtirol doppelt speziell: Aufgewachsen in einer Grossfamilie mit sechs Geschwistern, lagen Ferien im Ausland finanziell nicht drin. «So hatte ich grossen Respekt davor, zum ersten Mal alleine weg von zu Hause zu sein. Aber ich sagte mir von Anfang an: Egal, was passiert, ich ziehe es durch.»

«Das Highlight war, dass ich mit dem Chef zusammenarbeiten konnte»: Claude Bürgel berichtet über seine Erfahrungen im Südtirol (ab Minute 7.20)

«Das Highlight war, dass ich mit dem Chef zusammenarbeiten konnte»: Claude Bürgel berichtet über seine Erfahrungen im Südtirol (ab Minute 7.20)

  

Wegen der italienischen Sprache habe er einen Moment gebraucht, um die Zusammenhänge zu verstehen. Doch was er in den folgenden Wochen erlebte, gab ihm einen «regelrechten Push», wie er sagt: «Der Küchenchef lebt fürs Kochen. Das kannte ich so nicht. Meine Leidenschaft wuchs mit jedem Tag mehr. Auch die Liebe zum Detail.»

Weil ihn die neuen Eindrücke derart motivierten, hat er sich für zwei Lehrlingswettbewerbe angemeldet. «Der Sprung ins kalte Wasser hat mir gutgetan», bilanziert Claude Bürgel. Als Vertiefungsarbeit besucht er jetzt Schulen im Aargau, um davon zu erzählen.

Claude Bürgels Leidenschaft wuchs in den Dolomiten jeden Tag mehr.

Claude Bürgels Leidenschaft wuchs in den Dolomiten jeden Tag mehr.

Auch Céline Häberli, Lernende Restaurationsfachfrau im Hotel-Restaurant zum Sternen in Würenlingen, würde sofort wieder gehen. In Luxemburg im Restaurant Bräiläffel wurde sie aufgenommen wie in einer kleinen Familie. Der Umgang sei etwas gelassener als in einer Schweizer Küche – dafür nähmen es in der Schweiz die Gäste gelassener. Sie habe im Stage einen grossen Teil ihrer Unsicherheit ablegen können, gehe jetzt viel offener auf die Gäste zu.

Beeindruckt hat sie, dass für sie das ganze Team mitkam, um einen Weinkeller zu besichtigen: Sie hatte sich gewünscht, mehr über die lokalen Weine zu erfahren, der Chef machte gleich einen Betriebsausflug daraus. «Ich würde es jederzeit wieder machen und lege das jedem ans Herz.» Sie haben nicht nur viel gelernt, sondern auch sich selber besser kennen gelernt.

Céline Häberli wurde in Luxemburg im Service selbstsicherer.

Céline Häberli wurde in Luxemburg im Service selbstsicherer.

Initianten prüfen Ausweitung

Ob all der positiven Rückmeldungen ist für die Initianten klar: Der Versuch ist geglückt, ja soll 2018 wiederholt werden. «Wir müssen jetzt noch die Rückmeldungen der Lehrbetriebe und Eltern abholen, erfahren, wo es spezifische Schwierigkeiten gab, was wir besser machen können», sagt Ruedi Siegrist.

Er ist aber überzeugt: «Das ist eine super Sache, die wir beibehalten müssen.» Gastro-Präsident Lustenberger sagt, der Organisationsaufwand sei heuer «enorm» gewesen und windet der Berufsfachschule dafür ein Kränzchen. Doch der Aufwand lohne sich: «Jeder Betrieb, der jemanden schickt, hat etwas davon, auch wenn man das im ersten Moment nicht immer sieht.»

Die Lernenden brächten neue Inhalte und Ideen nach Hause. «Davon lebt unsere Branche letztlich.» Lustenberger könnte sich sogar vorstellen, solche Fremdaufenthalte flächendeckend in den Lehrplan aufzunehmen. Er will die Idee im 2018, wenn die Aktualisierung der Lernziele in der eidgenössischen Kommission ansteht, einbringen.