An Hochzeitsmesse
Aargauer Katholiken werben für Segnung von Homo-Paaren

Dass ein katholischer Pfarrer in Bürglen UR ein lesbisches Paar segnete, sorgte für Aufruhr. Bereits vor elf Jahren liessen zwei Aargauerinnen ihre Beziehung segnen – ohne Aufruhr. Die katholische Kirche wirbt im Aargau für die Segnung solcher Paare.

Mario Fuchs
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Die Aargauerinnen Eva Kaderli und Sara Folloni liessen als Erste überhaupt ihre Partnerschaft auf dem Zürcher Standesamt eintragen und in der Kirche segnen.

Die Aargauerinnen Eva Kaderli und Sara Folloni liessen als Erste überhaupt ihre Partnerschaft auf dem Zürcher Standesamt eintragen und in der Kirche segnen.

Keystone

Die Schlagzeile ist elf Jahre alt: «Mit dir möchte ich alt und runzlig werden», titelte der «Tages-Anzeiger» am 13. Oktober 2003. Es ist eine Montagsausgabe, und der Journalist war am Samstag in der Zürcher Predigerkirche. Eingeladen hatten zwei Aargauerinnen: Eva Kaderli, aufgewachsen in Wettingen, Hebamme, und Sara Folloni, aufgewachsen in Nussbaumen, damals Mittelschullehrerin, heute Prorektorin der Kantonsschule Wohlen. Sie sind «das erste Frauenpaar, das in der Ära des Zürcher Partnerschaftsgesetzes seine Beziehung mit einer kirchlichen Segnungsfeier krönte».

Am Freitag gehen sie aufs Standesamt, lassen ihre Partnerschaft besiegeln – am Samstag gehen sie in die Kirche, lassen sie segnen. Von einem befreundeten katholischen Pfarrer in einer reformierten Kirche. Sie stecken sich Ringe aus Holz und Silber an. Und sagen sich vor Familien und Freunden: «Mit dir möchte ich alt und runzlig werden, und ich weiss, dass wir das nur mit Gottes Hilfe können.» Am Schluss überbringt der Pfarrer der gastgebenden Predigerkirche seine Glückwünsche: «Ich hoffe, dass ihr Beispiel vielen Mut macht, den gleichen Weg zu gehen.»

Wenn Eva Kaderli heute am Telefon gefragt wird, wie es war, damals vor elf Jahren, sagt sie: «Was? Das ist schon elf Jahre her? Wahnsinn!» Sie erinnert sich gerne. Und bis ins Detail. Etwa, dass sie auf die Einladung nicht «Traugottesdienst» schreiben durften, sondern «Segnungsgottesdienst». «Für uns machte das aber keinen Unterschied. Wir sagen heute trotzdem, wir haben geheiratet.» Oder an die Gespräche mit dem befreundeten Pfarrer.

Eigentlich, sagt Eva Kaderli, hätten sie einfach ihre Partnerschaft eintragen wollen. Doch der Freund meinte: «Wenn nicht mal ihr zwei in die Kirche geht, welche Homosexuellen tun es dann?» Das motivierte – und aus der Idee wurde ein tiefes Bedürfnis. «Wir sind gläubige Christen. Also glauben wir auch, dass Gott uns so geschaffen hat, wie wir sind. Und dass er deshalb auch uns segnet.»

Elf Jahre später segnet ein katholischer Pfarrer im Urner Dorf Bürglen ein lesbisches Paar. Die Folgen: Rücktrittsforderungen, Dutzende Schlagzeilen. Aus einer Feier wird ein «Fall». Eva Kaderli sagt: «Daran sieht man, wie anders die Oberen und die Unteren in der katholischen Kirche denken.» Sie hat die Petition, die sich für den Verbleib von Pfarrer Bucheli in Bürglen ausspricht, unterstützt.

Bis gestern waren es 38 700 Unterzeichner. Heute ist sie mit ihrer Partnerin Mitglied der evangelisch-methodistischen Kirche. Dass sie öffentlich für ihre Liebe und einen gemeinsamen Lebensweg einstanden, brachte den Bruch mit der Freikirche, in der sie aufgewachsen waren. Ein Bruch, der auch Erlösung war. Jetzt können sie beides: Miteinander leben – und mit Gott.

An diesem Wochenende findet in Lenzburg die Hochzeitsexpo 2015 statt. Einer der 24 Stände fällt besonders auf: «Aargauer Landeskirchen – kirchlich heiraten, himmlisch schön». Das Ziel: Wieder mehr Paare zu motivieren, kirchlich zu heiraten. Eine Broschüre beantwortet die wichtigsten Fragen – und überrascht mit einem unerwarteten Zwischentitel: «Gleichgeschlechtliche Paare». Dort heisst es: «Die reformierte, die römisch-katholische und die christkatholische Kirche bieten gleichgeschlechtlichen Paaren die Möglichkeit einer Segnungsfeier, die aber nicht mit einer Trauung gleichzusetzen ist. Der Segen bezieht sich auf die Menschen, die in der Partnerschaft leben möchten.»

Mitgeschrieben an diesen Sätzen hat Kurt Adler, Mitarbeiter der römisch-katholischen Landeskirche Aargau. Sein Schwerpunkt: «Beziehungen gestalten». Adler arbeitet nicht als Pfarrer in einer Gemeinde, sondern ist als Religionspädagoge und Mediator im Kanton unterwegs. Er leitet Kurse und unterstützt Paare – auch gleichgeschlechtliche. Seit 30 Jahren steht er im Dienst der Kirche. Mit einer katholischen Kollegin und einem reformierten Kollegen hat er die Broschüre für den Messeauftritt komplett überarbeitet. Zum überraschenden Abschnitt sagt er: «Wir fanden alle: Das gehört einfach hinein.»

Die Frage, ob ein katholischer Pfarrer Homosexuelle segnen darf, ist für ihn gar keine: «Der Auftrag von uns Seelsorgern ist es, zu fragen, was die Menschen brauchen. Wenn uns jemand fragt, ob er den Segen haben kann, müssen wir doch hinhören und den Segen schenken.»

Klar sei, dass nicht die Beziehung, sondern die beiden Menschen gesegnet und auf ihrem Weg bestärkt werden. Aber was in Bürglen passiere, sei verletzend. Er habe es in den 30 Jahren immer wieder erlebt, dass Homosexualität in der katholischen Kirche Thema wurde. «Schade, dass es immer so hochgepeitscht wird. Das ist sehr diskriminierend.»

Den Segen nie suchen wird Florian Vock. Der ehemalige Präsident der Juso Aargau ist schwul und setzt sich aktiv für Homosexuelle ein. Er sei zwar Mitglied der reformierten Kirchgemeinde, aber «mehr aus kulturellen Gründen». Er würde sich nicht als gläubig bezeichnen, sagt Vock. So ist für ihn die kirchliche Bestätigung eines Liebesbekenntnisses kein Thema, – «eine weltliche aber auch nicht». Vock sagt: «Ich brauche von niemandem den Segen dafür, so zu leben, wie ich will.»

Kurt Adler gestaltet seit sieben Jahren am Valentinstag eine «Segnungsfeier für alle Liebenden». Rund 130 Gläubige, darunter Homosexuelle, kamen vor einer Woche in die katholische Kirche Peter und Paul nach Aarau. Im Mai organisiert Adler mit einer Kollegin sogar eine «Solidaritäts- und Segensfeier für gleichgeschlechtlich Liebende, ihre Familien, ihre Verwandten und Bekannten».

Und vor einem Monat erhielt er eine explizite Anfrage von einem lesbischen Paar, das sich segnen lassen will. «Selbstverständlich habe ich Ja gesagt», sagt Adler. Denn: «Wer ein gemeinsames Leben vor Gott sucht, dem soll man das auch ermöglichen.»

So könnte es für zwei Frauen schon bald ein fröhliches Fest geben, eines wie vor elf Jahren. Mit einer einzigen positiven Schlagzeile statt Dutzender negativer. Und ganz ohne Rücktrittsforderung.

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