Als er den Brief öffnet, auf den er schon so lange gewartet hat, laufen Tränen über sein Gesicht. Tränen der Erleichterung. Fünfeinhalb Jahre musste er sich gedulden, bis ihm die Invalidenversicherung (IV) im Juni 2017 eine Rente zuspricht. Fünfeinhalb Jahre, in denen sich Gutachten aneinanderreihen, Berichte und Briefe Ordner um Ordner füllen.

M., inzwischen 48 Jahre alt, hat im Sommer 2016 in einem AZ-Artikel von seinem langen Kampf um eine Rente erzählt. Damals war ungewiss, ob sein Wunsch in Erfüllung gehen würde, endlich wieder zu arbeiten. Weil ihm die Konzentration nach einem halben Tag schwerfällt, ist er auf den zweiten Arbeitsmarkt angewiesen. Doch wer keine IV-Rente bekommt, erhält keinen geschützten Arbeitsplatz.

Unterdessen ist der Wunsch nach Arbeit in Erfüllung gegangen. An einem Novembernachmittag führt M. durch den ersten Stock der Stiftung Wendepunkt in Muhen. Abteilung Montage und Verpackerei, sein Arbeitsplatz. Über die Hälfte der 75 Beschäftigten beziehen eine IV-Rente, finden hier eine Stelle mit weniger Druck und mehr Betreuung. Im Auftrag von externen Firmen setzen sie kleinste Einzelteile zu Dreifachsteckdosen zusammen, montieren Thermostate, fertigen Doppelarme für die Verarbeitung von Hightech-Garnen.

Entlassen und ausgesteuert

M. tritt an eine der beiden Maschinen, zieht sich weisse Handschuhe an, reiht die benötigten Teile vor sich auf, bevor er sie verleimt und ineinanderschraubt. Die fertigen Mischergehäuse – «Innereien von Wasserhähnen», wie er es nennt – lagern in gestapelten Behältern an der Wand. Eigentlich hätte er frei wie immer nachmittags, an die Maschine stellt er sich nur für den Fotografen.

Dennoch arbeitet er konzentriert und sorgfältig. Von sich sagt er: «Mir ist wichtig, dass die Qualität stimmt.» Seine Gruppenleiterin Birgit Fehlmann beschreibt ihn als «sehr gewissenhafte Person, die sehr genau arbeitet». Und auch die Arbeitszeugnisse aus früheren Praktika und Arbeitsversuchen sind voller lobender Worte.

Angestellt hat ihn trotzdem niemand, seit er vor über sechs Jahren entlassen wurde. Schon als Kleinkind war M. bei der IV angemeldet; Komplikationen während der Geburt hatten zu einem Sauerstoffmangel geführt. Auf eine Kindheit mit jahrelangen psychomotorischen und psychiatrischen Therapien folgten Handelsschule und kaufmännische Ausbildung. Danach arbeitete er in mehreren Betrieben, unter der schützenden Hand des Patrons ging das. Doch nach einem Chefwechsel stiegen Druck, Erwartungen – und Überforderung. Vor über sechs Jahren wurde er entlassen, später ausgesteuert, er lebte von Sozialhilfe.

Solange er auf einen positiven IV-Entscheid warten musste, war er zur Untätigkeit gezwungen. Ein Jobangebot einer sozialen Institution musste er ausschlagen, obwohl er gerne dort gearbeitet hätte. Im Rückblick sagt M.: «Die Ungewissheit bis zum nächsten Entscheid war kaum auszuhalten. Ich wusste nie, was mich erwartet.» Die Besuche bei einem Mentalcoach machten die Situation erträglicher.

Über die Musikgesellschaft behielt er den Kontakt nach aussen; beim Einkaufen legte er nur so viel in den Korb, dass er am Tag darauf erneut einkaufen musste. «Nicht zurückziehen», lautet sein Rat an Betroffene. Geholfen hat ihm der Glaube an Gott und daran, dass ihm eine Rente zusteht. «Ich war immer überzeugt, dass ich im Recht bin.» Gemeinsam mit seinem Onkel Hans Roth und Anwalt Rémy Wyssmann, dessen Honorar die Rechtsschutzversicherung übernahm, kämpfte er für eine Rente.

Der Durchbruch gelang dem Trio vor dem Aargauer Versicherungsgericht, das die getroffenen Abklärungen für unvollständig und das Gutachten für ungültig erklärte. In den Akten fehlte etwa der ärztliche Bericht von der Aushebung, in dem die Militäruntauglichkeit von M. begründet wurde: «Unter vermehrtem Druck zeigt er einen überdurchschnittlichen Leistungsabfall.» In der Folge wurde ein zweites Gutachten erstellt, mit anderem Ausgang. Seine Leistungsfähigkeit sei stark vermindert, heisst es darin.

Einige Monate später gewährte ihm die IV-Stelle eine Rente. Hans Roth, sein Onkel, spricht von einer riesigen Erleichterung darüber, «dass das lange Bangen und Leiden und auch die finanzielle Abwärtsspirale ein Ende gefunden haben». Den positiven Ausgang führt er auf die Rechtsschutzversicherung und das Engagement des Anwalts zurück.

Trotz Erleichterung hat Roth nicht vergessen, wie er einst in einem Leserbrief von «Zermürbung pur» geschrieben hat. Der Fall zeige, dass eine Rente vom Gutachter abhängig sei, sagt er und unterstreicht die Aussage mit zwei Zahlen: 15 Prozent und 73 Prozent. So weit auseinander lag der Invaliditätsgrad in den beiden Gutachten.

Das Los entscheidet mit

Auch Anwalt Rémy Wyssmann betont, wie entscheidend die Gutachtenstelle sei. Welche Stelle die Begutachtung durchführt, wird in der Regel per Los entschieden. Deshalb sagt Wyssmann: «Ob jemand eine Rente erhält oder nicht, hängt vielfach von Zufälligkeiten ab.» Er kritisiert oberflächliche Begutachtungen und fordert: «Die Fälle müssen ernst genommen und genau abgeklärt werden.»

Im Fall von M. könnte in einigen Jahren eine Revision erfolgen, bei der geprüft wird, ob die Rente noch benötigt wird. Gefragt danach, wie lange er nun vor erneuten Abklärungen verschont bleiben wird, nimmt M. sein Portemonnaie hervor und zieht seinen IV-Ausweis heraus. Gültig bis 31.12.2022, steht dort. Darüber, was danach kommen könnte, mag er sich noch keine Sorge machen. Längst hat er sich ein neues Ziel gesetzt: Er würde gerne neben der Montagearbeit Kurierfahrten übernehmen.