IV-Rente

Aargauer IV-Bezügerin zieht vor Bundesgericht – und erhält recht, obwohl sie wieder arbeiten könnte

Die Frau erhielt von der IV-Stelle eine befristete Rente über vier Jahre. (Symbolbild)

Die Frau erhielt von der IV-Stelle eine befristete Rente über vier Jahre. (Symbolbild)

Nach einem Unfall erhielt eine Frau im Aargau während vier Jahren eine befristete IV-Rente. Um auch darüber hinaus Gelder zu erhalten, zog die Frau bis vor Bundesgericht. Dieses gab dem Aargauer Versicherungsgericht im Bezug auf die Arbeitsfähigkeit der Frau zwar recht – hiess die Beschwerde dann aber doch gut.

Seit über 30 Jahren lebt eine heute 61-Jährige in der Schweiz. Rund 20 Jahre lang arbeitete sie als Lageristin – bis zu einem verhängnisvollen Tag im März 2013: Die Frau erlitt einen Schwächeanfall und stürzte. Dabei zog sie sich Knochenbrüche im rechten Fussgelenk und am kleinen rechten Finger zu.

Da die Heilung sich verzögerte, beantragte die Frau bei der Invalidenversicherung eine Rente. Die IV-Stelle des Kantons Aargau sprach ihr diese für vier Jahre zu. 

Mit ihrer Beschwerde, in der sie eine unbefristete Rente forderte, blitzte die Frau beim Aargauer Versicherungsgericht ab. Sie entschied sich, den Fall ans Bundesgericht weiterzuziehen. Mit Erfolg.

Zwar stimmte das Bundesgericht der Aargauer Instanz zu, dass der Frau ein eingeschränktes, jedoch genügend weites Betätigungsfeld auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehe. Behinderungsbedingt kann die Frau nicht mehr als Lageristin arbeiten. Eine «leidensangepasste» Anstellung – ohne häufiges Treppensteigen oder ohne Arbeiten in knieender oder sitzender Position – könne sie jedoch wieder aufnehmen.

Fehlende Eingliederungsmassnahmen

Allerdings rügte das Bundesgericht die Vorinstanz. Die Aargauer Richter hatten der Frau zugemutet, sich ohne Hilfe wieder selbst im Arbeitsmarkt einzugliedern. Personen, die über 55 Jahre alt sind, erhalten in der Regel vorgängig Massnahmen zur Reintegration ins Arbeitsleben. Das Aargauer Versicherungsgericht habe aber weder Abklärungen getätigt, noch Sachverhaltungsfeststellungen getroffen, hielt das Bundesgericht fest.

In ihrer Heimat hatte die Frau lediglich fünf Jahre die Primarschule besucht. Einen Beruf erlernte sie nicht. Vor ihrer Anstellung als Lageristin sammelte sie zwar bereits Berufserfahrungen im Gastgewerbe und im Detailhandel. Diese liegen allerdings bereits 25 Jahre zurück. 

Das Selbsteingliederungspotenzial erreiche «offenkundig nicht ein Ausmass, welches die IV-Organe von der Prüfung und allenfalls der Durchführung von Eingliederungsmassnahmen enthoben hätte», schreibt das Bundesgericht in seinem Urteil. Die strittige Rentenbefristung auf Ende Juli 2018 halte deshalb vor Bundesrecht nicht stand.

Der Fall geht zurück an die IV-Stelle, die neu entscheiden muss. Die Gerichtskosten von 800 Franken muss die IV-Stelle berappen. Zudem muss sie die Frau für das bundesgerichtliche Verfahren mit 2800 Franken entschädigen. 

Urteil: 9C_574/2019

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