Die Nachricht hat das Fricktal schockiert: Die Stahlbaufirma Jakem aus Münchwilen meldete am Dienstag den Beschluss, ihren Betrieb einzustellen. Die 80 Mitarbeitenden sollen gestaffelt in drei bis fünf Monaten entlassen werden (die az berichtete).

Ist die Jakem ein Einzelfall – als Grund für die Betriebsschliessung nannte die Firma unter anderem Überkapazitäten in der Stahlbranche – oder Vorbote einer Entlassungswelle als Folge der Mindestkurs-Aufhebung durch die Nationalbank von Mitte Januar?

Die Aargauische Industrie- und Handelskammer (AIHK) hat den Unternehmen diesbezüglich den Puls gefühlt und insbesondere aus der Maschinenbau-Branche besorgniserregende Rückmeldungen erhalten. Diese beschäftigt im Aargau rund 7000 Personen – Tendenz bereits im letzten Jahr rückläufig, während der zweite Sektor 2014 insgesamt noch Arbeitsplätze geschaffen hat. Für das laufende Jahr rechnet nun der gesamte Aargauer Industriesektor mit einem Rückgang der Beschäftigtenzahl von 0,2 Prozent.

Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses bekommt die Maschinenindustrie am stärksten zu spüren.

Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses bekommt die Maschinenindustrie am stärksten zu spüren.

Gefährdet: 400 Arbeitsplätze

Der tatsächliche Wert liege aber vermutlich sogar noch tiefer, sagt der Autor der AIHK-Wirtschaftsumfrage, Raphael Schönbächler. Der Grund: 60 Prozent der insgesamt 644 Antworten erhielt er vor dem 15. Januar, als die Welt für die Exportunternehmen bei einem Euro-Wechselkurs von 1.20 noch freundlicher aussah.

Jene Industrieunternehmen, die später antworteten, rechnen im Schnitt mit einem Rückgang der Beschäftigtenzahl von 0,4 Prozent, was bei derzeit rund 96 500 Industriearbeitsplätzen im Kanton Aargau einem Verlust von 400 Arbeitsplätzen entsprechen würde. Das Gesundheits- und Sozialwesen sowie der Handel werden gemäss Umfrage derweil positive Impulse für den Arbeitsmarkt liefern.

Optimistische Dienstleister

Um den Effekt der Frankenaufwertung abschätzen zu können, hat Schönbächler die Antworten, die vor dem SNB-Entscheid abgegeben wurden, mit den danach gegebenen Antworten verglichen. Wie die Grafik (oben) zeigt, variieren die Resultate je nach Branche massiv. Klar ist: Während sich der Ausblick im Industriesektor eingetrübt hat, erwartet der Dienstleistungssektor (Sektor 3) keinen merklichen Effekt der Frankenaufwertung und ist insgesamt vorsichtig optimistisch für das Geschäftsjahr 2015.

Dies liegt sicher daran, dass die Dienstleister weniger exportorientiert sind, wobei es natürlich Ausnahmen gibt. Eine davon: Das Speditionsunternehmen Bertschi AG, das über 95 Prozent der Dienstleistungen wie etwa chemische Transporte im Ausland anbietet. «Es war von Vorteil, dass wir die Erfahrung der Euroabwertung bereits 2011 gemacht haben», sagte der Patron Hans-Jörg Bertschi am gestrigen AIHK-Anlass. Die neuerliche Wechselkursbewegung verstärke am Standort Aargau den Trend hin zu höher qualifizierten Arbeitskräften. «Bei den weniger qualifizierten Arbeitsplätzen haben wir einen temporären Einstellungsstopp verfügt.» Und die zweite Lehre aus dem Jahr 2011: «Wir haben unsere Aktivität damals stärker globalisiert, um weniger vom Euroraum abhängig zu sein.» Nun will Bertschi diesen Weg noch konsequenter gehen.

Wachstum in der Eurozone

Wobei: Aus der Eurozone kommen nicht nur schlechte Nachrichten. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) erwartet für diese im laufenden Jahr ein Wachstum von einem Prozent, nach zwei Rückgängen in den Jahren 2012 und 2013. «Der Abwärtsdruck in der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM) könnte dadurch etwas gelindert werden», folgert die AIHK.

Das Gesamtbild aber ändert sich nicht: «Bleibt der Franken hoch bewertet, wird der erste Effekt beim Aussenhandel bei sinkenden Exportpreisen und -einnahmen liegen.» Dies erklärt auch, warum beispielsweise die Metallurgie-Branche die Lage nach dem 15. Januar nicht signifikant negativer einschätzt als davor. Die Metallurgie sei stärker binnenorientiert und hoffe als Zuliefererbranche auf einen soliden Binnenindustriegang, so die AIHK. Gleiches gilt für die Elektronik-Branche, die unter anderem auf Infrastrukturaufträge der öffentlichen Hand bauen kann.

Der Exportanteil am Umsatz der an der Umfrage teilnehmenden Aargauer Maschinenbaufirmen liegt derweil bei 73 Prozent. Erschwerend kommt hinzu, dass sie schwergewichtig in den Euroraum exportieren. «Andere Branchen wie etwa die Pharma können einerseits vermehrt auf eine gute US-Konjunktur hoffen und andererseits auf ihre weniger preissensitiven Produkte», meint dazu die AIHK.

Grosse Betriebe optimistischer

Unterschiedliche Erwartungen an das laufende Geschäftsjahr gibt es nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der einzelnen Branchen. So zeigen sich grössere Unternehmen in der Umfrage generell etwas optimistischer als kleinere Firmen. Die AIHK erklärt sich diese Tatsache damit, «dass grössere Betriebe wohl über mehr Möglichkeiten verfügen, durch Massnahmen wie Kostensenkungen oder Auslagerungen den Wechselkurseffekt auszugleichen.» Dass nicht nur Grossbetriebe den Weg ins Ausland gehen, zeigt das Beispiel der Wernli AG.