Flüchtlingskrise
Aargauer Hilfswerke werden überrannt - aber nicht jede Hilfe nützt

Wegen der Flüchtlingskrise läuten die Telefone bei Aargauer Hilfswerken Sturm. Viele wollen den Menschen aus Syrien und anderen Krisengebieten helfen. Doch nicht jede Hilfe ist hilfreich.

Pascal Meier
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Ein Teddybär am Ende einer langen Reise: Solche kleinen Gesten sowie Gespräche mit Flüchtlingen seien wichtig, heisst es bei Hilfswerken.

Ein Teddybär am Ende einer langen Reise: Solche kleinen Gesten sowie Gespräche mit Flüchtlingen seien wichtig, heisst es bei Hilfswerken.

Nicolas Armer/epa/keystone

Spätestens seit in Österreich 71 Menschen erbärmlich in einem Lastwagen erstickt sind, Tausende syrische Flüchtlinge in Budapest strandeten und ein dreijähriger Bub wie Treibgut tot vor der türkischen Stadt Bodrum angeschwemmt wurde, ist die europäische Flüchtlingskrise nicht mehr nur Statistik. Die Schicksale machen betroffen – auch im Aargau. Hiesige Hilfswerke werden derzeit überrannt mit Anfragen aus der Bevölkerung, wie man helfen kann.

So können Sie konkret helfen

1. Hilfsorganisationen unterstützen
Geld hilft am besten, heisst es bei den Hilfswerken. Mehrere Organisationen sammeln für Flüchtlinge und unterstützen Projekte in den Konfliktländern, deren Nachbarstaaten sowie auf den Flüchtlingsrouten, unter anderem die Glückskette und Caritas.

2. Flüchtlingen die Hand reichen
Ebenso wichtig wie Geld ist es, auf Asylsuchende zuzugehen. Direkte Kontakte helfen beim Lernen der Sprache und bei der Integration. Der Verein Netzwerk Asyl führt die Treffpunkte «contacts», wo sich Flüchtlinge und Bevölkerung austauschen können. Wer in der eigenen Gemeinde Flüchtlingen helfen möchte, dem kann eventuell die Gemeindeverwaltung weiterhelfen. Zudem führen Kirchgemeinden Projekte durch.

3. Asylsuchende zu Hause aufnehmen
Wer Flüchtlinge bei sich aufnehmen möchte, kann dies grundsätzlich tun. Bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe gibt es ein Projekt, das der Kanton bei geeigneten Konstellationen unterstützt. Das Verfahren ist aber aufwendig. (pi)

«Normalerweise haben wir immer wieder einzelne Anfragen, im Moment stehen über 100 Leute auf der Liste, die helfen wollen», sagt Patrizia Bertschi, Präsidentin des Vereins Netzwerk Asyl, der Asylsuchende unterstützt. «Wir klären nun ab, wie wir sie einsetzen können. Die grosse Solidarität freut uns sehr.»

Zugenommen haben die Anfragen laut Bertschi, seit im Mittelmeer immer wieder Flüchtlinge ertrinken. «Die Leute hierzulande merken: Da passiert etwas Schlimmes.» Mit den jüngsten Vorfällen auf der Flüchtlings-Balkanroute habe sich dieses Umdenken weiter verstärkt. Patrizia Bertschi: «Man realisiert: Da sind viele Männer, Frauen und Kinder, die wirklich fliehen müssen.»

Wenig Einsatzmöglichkeiten

Mehr Anfragen erhält auch Caritas Aargau. «Es melden sich mehr Menschen bei uns, die Flüchtlingen direkt helfen wollen», sagt Co-Geschäftsführer Kurt Brand. Für diese Freiwilligen eine Einsatzmöglichkeit in der Nothilfe zu finden, sei jedoch nicht einfach. «Die Menschen, die jetzt aus Syrien und anderen Krisengebieten kommen, werden in den aargauischen Asylstrukturen betreut. Ihre existenziellen Grundbedürfnisse sind damit einigermassen abgedeckt.»

Wichtig sei aber, dass Freiwillige mit den Flüchtlingen Kontakt aufnehmen und sie beim Lernen der Sprache unterstützen. Brand: «Der Kanton müsste vermehrt mit Freiwilligenorganisationen und Hilfswerken zusammenarbeiten. Hier gibt es ein grosses Potenzial.» Weil die meisten der neu zugereisten Flüchtlinge wohl längerfristig in der Schweiz bleiben können, seien frühzeitige Integrationsschritte wichtig.

Auch beim zuständigen kantonalen Departement Gesundheit und Soziales (DGS) von Regierungsrätin Susanne Hochuli sieht man bei der Freiwilligenarbeit und der Zusammenarbeit mit Hilfswerken ein grosses Potenzial, das «schon genutzt wird und zum Teil noch genutzt werden könnte», wie DGS-Sprecher Balz Bruder sagt. Vor allem soziale Kontakte in deutscher Sprache seien wichtig für die Integration.

Manchmal reiche aber der gute Wille allein nicht aus. «Freiwilligenarbeit muss vermittelt werden, braucht Verbindlichkeit und Strukturen», sagt Balz Bruder. Hier müssten Aufwand und Nutzen in einem guten Verhältnis stehen. «Der Kanton ist in erster Linie für die Unterbringung und Betreuung der Asylsuchenden sowie erste integrative Schritte zuständig.» Dabei arbeite man auch mit Freiwilligenorganisationen wie Netzwerk Asyl zusammen.

Kleiderspende schwierig

Menschen, die Flüchtlingen helfen wollen, bieten Hilfswerken oft Kleider an. Doch damit haben Organisationen wie Netzwerk Asyl und Caritas sowie der Kanton organisatorische Schwierigkeiten. «Um Kleider entgegenzunehmen, aufzubereiten und zu verteilen, braucht es eine Infrastruktur und Organisation, die wir nicht haben», sagt Kurt Brand von Caritas. Das bestätigt man auch bei Netzwerk Asyl. Bei Caritas nimmt man jedoch gerne einzelne Kleider in guter Qualität im Aarauer Secondhand-Laden an, der gerne von Asylbewerbern besucht werde.

Die Hilfswerke betonen, dass in der Flüchtlingskrise mit Geld am meisten bewegt werden kann. «Wir haben auf der Balkanroute verschiedene Angebote, zum Beispiel helfen wir Flüchtlingen in Serbien», sagt Kurt Brand von Caritas. Auch Netzwerk Asyl empfiehlt Geldspenden.

Doch laut Patrizia Bertschi kann man auch ohne Geld helfen, und dies erst noch direkt vor der eigenen Haustür: «Ich empfehle, in der eigenen Gemeinde nachzufragen, wo Flüchtlinge wohnen und ob man dort helfen kann – den Kindern zum Beispiel Nachhilfe geben.» Noch wichtiger sei aber, für die Flüchtlinge einzustehen: «Den vielen negativen Kommentaren über Flüchtlinge muss widersprochen werden, denn freiwillig flieht niemand.»

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