Nepal/Rombach

Aargauer Helfer zieht ein Jahr nach den Erdbeben in Nepal eine vernichtende Bilanz

Rocco Umbescheidt (40) Aargauer des Jahres.

Rocco Umbescheidt (40) Aargauer des Jahres.

Ein Jahr nach den Erdbeben in Nepal zieht Rocco Umbescheidt, der Aargauer des Jahres 2016 und Gründer zweier Hilfswerke, Bilanz. Sorgen bereiten ihm die Bürokratie und weitere Beben im Land.

Heute vor einem Jahr wurde Nepal von einem verheerenden Erdbeben erschüttert. Jenes und ein zweites Beben Mitte Mai 2015 forderten über 8800 Todesopfer und zerstörten mehrere hunderttausend Häuser. Für Rocco Umbescheidt, der vor 18 Jahren zwei Nepal-Hilfswerke gegründet hat und für sein Engagement im vergangenen November zum «Aargauer des Jahres» gekürt wurde, begann damit ein äusserst intensives Jahr. «Ich sah Könige kommen und gehen und auch den nepalesischen Bürgerkrieg», sagt der in Rombach lebende Familienvater. «Aber einen solchen Druck wie in den letzten zwölf Monaten habe ich noch nie erlebt.» Denn auf die zwei Hauptbeben folgten Tausende Nachbeben, die bis heute fortdauern. Und die Aussichten sind düster: Experten erwarten in naher Zukunft noch stärkere Beben als jene vom letzten Frühling.

Auch die politischen Perspektiven sind nicht rosig. Im vergangenen Herbst habe im Land dank einer neuen Verfassung Aufbruchstimmung geherrscht, erinnert sich Umbescheidt. Er hoffte, «dass das Land durch die Krise zusammenwächst».

Blockierte Hilfsorganisationen

Die Hoffnung ist unterdessen einer gewissen Ernüchterung gewichen. Die Regierung versinke wieder komplett in alten Mustern, konstatiert er. So erhielten etwa nur zwölf Organisationen Baugenehmigungen, um Menschen beim Wiederaufbau mit Häusern zu unterstützen. «Die fehlenden Genehmigungen und eine zunehmende, kaum zu ertragende Über-Bürokratisierung blockieren landesweit unzählige Hilfsorganisationen», so Umbescheidt. Und darauf, dass die Regierung den Wiederaufbau selbst forciert, vertrauten immer weniger Nepalesen. «Sie bauen jetzt selber, aber eben nicht erdbebensicher.»

Seine Bilanz fällt ein Jahr nach dem ersten Beben denn auch durchwachsen aus. «Die Menschen in mehr als 880 000 vom Erdbeben betroffenen Haushalten werden einen zweiten, voraussichtlich Ende Mai startenden Monsun in Notunterkünften verbringen», so Umbescheidt. Dies sei «eine humanitäre Schande».

Govinda – Das macht der frischgebackene «Aargauer des Jahres» in Nepal

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Seit 1998 unterstützt der gemeinnützige Verein Govinda die Menschen in Nepal. Der heutige Vorsitzende Rocco Umbescheidt wurde am 21. November dafür zum «Aargauer des Jahres» gewählt. Doch was genau machen sie am anderen Ende der Welt? Ein Video gewährt Einblicke.

100 Häuser im Bau

In Bezug auf seine Hilfswerke Govinda und Shangrila ist der Blick zurück erfreulicher. «Unsere Teams in Nepal haben seit August letzten Jahres durch unermüdliche Arbeit die rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass wir bereits jetzt mit mehr als 100 Familien gemeinsam ein neues Heim bauen können», sagt er. Zudem unterstützten die Werke über 40 000 Menschen mit Sofort- und Monsunhilfe und bildeten 120 staatlich zertifizierte Maurer und Schreiner aus. Umbescheidt selber war seit dem ersten Beben sechsmal in Nepal.

Und trotz der bürokratischen Hürden: Zu sehen, wie sich die Menschen gegenseitig helfen, hat ihn «tief beeindruckt». Ende Mai fliegt er ein weiteres Mal gen Osten, denn die Zeit drängt. Momentan sei der Druck besonders gross — «es ist ein tägliches Rennen gegen den Monsun, der viele Gebiete von der Umwelt abschneiden wird». Umbescheidt wird die Arbeiten vor Ort deshalb nicht nur koordinieren, sondern auch selber «in die Grube springen und Hand anlegen».

Wegen der Wiederaufbauprojekte in den beiden Distrikten Makwanpur und Lalitpur ist die Mitarbeiterzahl der beiden Hilfswerke auf über 350 angestiegen. In «normalen Zeiten» sind es 80, und auf dieses Niveau plant Umbescheidt die Zahl auch wieder herunterzufahren. Noch sind diese «normalen Zeiten» allerdings nicht in Sicht, auch ein Jahr nach dem ersten Beben.

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