Im Kanton Aargau variieren die Mietpreise je nach Region sehr stark, wie Zahlen vom Vergleichsportal Comparis zeigen. Im Wynental bekommt man für 1500 Franken aktuell eine 4½-Zimmer-Wohnung mit 105 Quadratmetern Wohnfläche, während man in der Stadt Baden mit demselben Budget lediglich ein WG-Zimmer erhält. Etwas haben aber alle Regionen gemeinsam: Das Mietzinsniveau ist in den letzten Jahren überall mehr oder weniger stark angestiegen. Doch jetzt ist eine Trendwende in Sicht: Anfang Juni schrumpfte der Referenzzinssatz um ein Viertelprozent auf 1,5 Prozent, was theoretisch zu einer Mietreduktion um fast drei Prozent führt.

«Leider profitieren aber nicht alle Mieter im Aargau von der Senkung des Referenzzinssatzes», sagt der Präsident des Aargauischen Mieterverbandes Andreas Clavadetscher. Diese drei Gründe stehen im Vordergrund, weshalb viele Mieter im Aargau nichts herausholen.

Angst: Die Nachfrage für preiswerte Mietwohnungen in der Nähe der Grossstädte Zürich und Basel ist hoch. Wer in den Bezirken Baden oder Rheinfelden in einer günstigen Mietwohnung lebt, kann sich also besonders glücklich schätzen. Gleichzeitig haben diese Mieter aber auch am meisten zu verlieren. Clavadetscher: «Diejenigen, die bereits einen vergleichsweise tiefen Mietzins haben, getrauen sich oft nicht, eine Reduktion zu beantragen.» Es komme auch vor, das einzelne Vermieter nachdrücklich darauf hinweisen, dass man bereits zu sehr günstigen Konditionen lebe. «Dann belassen es viele Mieter beim Status quo, um kein Risiko einzugehen.»

Information: «Es gibt wohl auch Mieter, die von der Senkung des Referenzzinssatzes schlicht nichts mitbekommen haben», sagt Clavadetscher. Da die Vermieter nicht von sich aus aktiv werden müssen und die meisten dies auch nicht tun, erfahren die Mieter oft gar nichts oder erst viel später von ihrem Anspruch. Um diese Zahl möglichst gering zu halten, versucht der Aargauische Mieterverband die Mieter aktiv mit Flugblättern zu informieren.

Unterhaltskosten: Der dritte Grund für die Untätigkeit vieler Mieter sei ein simpler Trick. «Einzelne Vermieter gleichen den Anspruch einer Reduktion mit einer pauschalen Überwälzung von Kostensteigerungen aus», so Clavadetscher. In anderen Worten: Der Vermieter akzeptiert den Anspruch zwar, respektiert ihn aber nicht. Er verlangt willkürlich einen Pauschalbetrag für höhere Unterhaltskosten, der die Mietzinsreduktion teilweise oder gänzlich ausgleicht. Clavadetscher empfiehlt in diesen Fällen, das Vorgehen nicht zu akzeptieren und an die Schlichtungsbehörde zu gelangen. Das Bundesgericht habe bereits mehrfach bestätigt, dass der Vermieter nicht ohne Belege die Unterhaltskosten erhöhen kann. Der Aargauer Hauseigentümerverband war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

az-Leser will anderen Mut machen

Gemäss dem Bundesamt für Wohnungswesen profitiert in der Schweiz nur jeder fünfte Mieter von einer Reduktion des Referenzzinssatzes. Einer von ihnen ist ein az-Leser aus der Region Baden, der anonym bleiben will. Er lebt seit über 15 Jahren in der gleichen 4½-Zimmer-Wohnung auf 100 Quadratmetern und bezahlt dafür nur 1600 Franken, obwohl der Durchschnitt in der Region bei knapp 2100 Franken liegt. Er will anderen Mietern Mut machen: «Ich habe von meinem Anspruch Gebrauch gemacht und bezahle ab Oktober nun noch weniger.»