Resolution
Aargauer Gewerkschafter ziehen gegen die 60-Stunden-Woche in den Kampf

Die Gewerkschafter von «Arbeit Aargau» setzen sich mit einer Resolution gegen die Lockerung des Arbeitsgesetzes zur Wehr.

Manuel Bühlmann
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«Arbeit Aargau» sieht den Schutz der Arbeitnehmer in Gefahr. (Symbolbild)

«Arbeit Aargau» sieht den Schutz der Arbeitnehmer in Gefahr. (Symbolbild)

Sandra Ardizzone

Wie lange darf ein Arbeitstag dauern? Die Frage beschäftigt Arbeitgeber und Arbeitnehmer seit Jahrhunderten. Vor 170 Jahren erliessen die Glarner ein Gesetz, das damals europaweit als Pionierleistung galt: Erwachsenen war es demnach verboten, pro Tag länger als 15 Stunden zu arbeiten. Seither ist der Schutz der Arbeitnehmer stark ausgebaut, die Arbeitszeit stetig reduziert worden. Doch «Arbeit Aargau», der Dachverband der kantonalen Gewerkschaftsverbände, sieht die erkämpften Errungenschaften in Gefahr. An der Delegiertenversammlung vom Donnerstagabend im Aarauer Hotel Kettenbrücke verabschiedeten die 26 anwesenden Delegierten eine Resolution, in der die Ausweitung der Höchstarbeitszeit auf 60 Stunden pro Woche «mit aller Deutlichkeit» abgelehnt wird.

«Missbrauchspotenzial ist gross»

Sorgen bereiten den Gewerkschaftern zwei parlamentarische Initiativen, die den Arbeitnehmerschutz aufweichen möchten. FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter verlangt Ausnahmen von der Arbeitszeiterfassung für leitende Angestellte und Fachspezialisten; CVP-Ständerat Konrad Graber will den Anwendungskreis gewisser Schutzbestimmungen etwa in Bezug auf Höchstarbeitszeit, Ruhezeiten und Pausen eingrenzen.

Von «Angriffen auf das Arbeitsgesetz» sprach Mirjam Brunner, juristische Beraterin bei der Unia, in ihrem Referat. Die Liberalisierung sei gefährlich, weil sie dazu führe, dass Angestellte ihrem Arbeitgeber rund um die Uhr zur Verfügung stehen müssten. Ausserdem sei der Begriff der Fachspezialisten nicht klar definiert, weshalb die Ausnahmen vom Arbeitsgesetz auf bis zu 40 Prozent der Arbeitnehmer angewandt werden könnten, warnte Brunner. Kurz: «Das Missbrauchspotenzial ist gross.»

Dies ist eine Entwicklung, der «Arbeit Aargau» entgegenwirken will. Der Dachverband, der die Interessen von über 30 000 Mitgliedern vertritt, sorgt sich um die Gesundheit der Angestellten. «In den letzten Jahren ist die psychische Belastung am Arbeitsplatz stark gestiegen – gerade auch im Dienstleistungssektor», heisst es im Resolutionstext. Eine der Forderungen lautet deshalb: «Arbeitgeber müssen in der Praxis wieder mehr Verantwortung für den Gesundheitsschutz übernehmen.» Mit einem kämpferischen Aufruf warb Ulrich Merholz von der Gewerkschaft Unia um Unterstützung gegen eine Lockerung des Arbeitsgesetzes: «Lassen wir uns das nicht gefallen.» Die Annahme der Resolution sei nur ein Schritt im Kampf um eine gerechtere Arbeitswelt. Die Grundidee war an der Delegiertenversammlung denn auch unbestritten, für Diskussionen sorgte hingegen ein Antrag von Patrick Kummer. Der Delegierte des Kaufmännischen Verbands, der kurz zuvor neu in den Vorstand gewählt worden war, hatte einen schweren Stand: Er wollte in die Resolution aufnehmen, dass für Arbeitnehmer mit hoher Arbeitszeit- autonomie phasenweise 60-Stunden-Wochen erlaubt sein sollen.

Stellvertretend für mehrere Anwesende sagte die ebenfalls neu in den Vorstand gewählte Silvia Dell’Aquila, für eine Arbeitnehmerorganisation sei es inakzeptabel, eine derartige Lockerung der Arbeitszeit zu fordern. «Völlig unverständlich» fand sie den Antrag. Eine Meinung, die viele der Anwesenden teilten. Angesichts der aussichts- losen Lage zog Kummer den Antrag noch vor der Abstimmung zurück.

Ja zu mehr Kontrollen

Mehr Glück mit seinem Vorschlag hatte Max Chopard. Der SP-Grossrat wollte eine Passage zu kantonalen Arbeitsinspektoraten in die Resolution aufnehmen. Die 34 000 Betriebe im Aargau würden von nur gerade sieben Arbeitsinspektoren kontrolliert, sagte Chopard. «Der Kanton Aargau ist angehalten, die Kontrolltätigkeit zu erhöhen und die dazu notwendigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen», lautet deshalb die vorgeschlagene Formulierung, die die Delegierten einstimmig genehmigten. Mit dem gleichen Ergebnis stimmten sie der Resolution zu.

18 Arbeitnehmendenverbände sind seit Anfang 2017 unter dem Dach von «Arbeit Aargau» zusammengeschlossen. Das Jahr, auf das Präsidentin Irène Kälin zurückblickte, war das erste in der Geschichte des Verbands. «Ein bewegtes Jahr», nannte es die Grüne Nationalrätin und kündigte an, es gehe nun im gleichen Stil weiter. «Mit der Gegensteuer- und der Millionärssteuer-Initiative sind bereits die nächsten wichtigen Anliegen auf dem Tisch.»

Die Unterschriftensammlung für die Gegensteuerinitiative hat soeben begonnen. Die Vorlage möchte Einkommen über 100 000 Franken sowie Firmen mit mehr als einer halben Million Gewinn stärker steuerlich belasten. Die Initianten erhoffen sich davon 125 Millionen Franken an Mehreinnahmen für den Kanton. Rund 15 Prozent der Aargauerinnen und Aargauer wären davon betroffen. «Arbeit Aargau»-Geschäftsführerin Viviane Hösli stellte die Initiative vor und bezeichnete sie als zahm. «Nichts daran ist extrem. Den Staatshaushalt wieder ins Lot zu bringen ist ganz einfach vernünftig.» Für Hösli steht fest: «Die Aargauer Bevölkerung hat genug vom Abbau.» Und die Zeit dränge, die nächsten Sparpakete stünden bereits bevor. Der Kanton müsse die Finanzlöcher stopfen.

Keine Löcher zu stopfen hat hingegen «Arbeit Aargau», wenn es um die Kampagnenkasse geht. Künftig steht der Arbeitnehmerorganisation mehr Geld zur Verfügung: Der Mitgliederbeitrag pro Kopf und Jahr wird erhöht – von Fr. 5.50 auf 6 Franken.

An diesen acht Orten wird im Aargau der 1. Mai gefeiert

Der Aargau ist der Kanton der Regionen. Das zeigt sich Jahr für Jahr am 1. Mai. An acht Orten verteilt auf den ganzen Kanton finden am Dienstag Demonstrationen und Feiern zum Tag der Arbeit statt. Die Gewerkschaften rufen die Bevölkerung dazu auf, für die Lohngleichheit einzustehen. Es sei beschämend, dass Frauen weniger verdienten als ihre männlichen Kollegen und über 40 Prozent dieses Lohnunterschiedes nicht erklärbar sei, schreibt der Gewerkschaftsbund in einer Mitteilung. In Aarau sprechen neben der neuen Generalsekretärin der SP Schweiz, Rebekka Wyler, die neue Zentralsekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes im Bereich Sozialversicherungen, Gabriela Medici und die ebenfalls neue Co-Präsidentin der Juso Aargau, Mia Jenni. Auf dem Bahnhofplatz in Baden treten SP-Nationalrätin Mattea Meyer sowie Thomas Bauer, Präsident der Personalvertretung von GE, auf. An der traditionellen Vorabendfeier in Beinwil am See hält SP-Nationalrätin Yvonne Feri die Rede. In Brugg spricht Paola Gallo, Geschäftsleiterin Surprise, in Lenzburg referiert die SP-Grossrätin Claudia Rohrer und in Muri tritt mit Gabriela Suter, Colette Basler und Dieter Egli ein SP-Trio aus dem Grossen Rat auf. Corinne Schärer (Unia) ist als Rednerin in Rheinfelden eingeladen. Und in Zofingen treten Regierungsrat Urs Hofmann (SP) sowie Nationalrätin Irène Kälin (Grüne) ans Rednerpult. (AZ)

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