Bildung
Aargauer Gewerbe erklärt Kantonsschulen den Kampf

Dem Aargauer Gewerbe fehlen die Lehrlinge. Immer mehr Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt. Gerade für anspruchsvolle Lehren finden sich kaum Schulabgänger. Diese bevorzugen eher einen Mittelschulabschluss. Das soll sich nun ändern.

Elia Diehl
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«Die Mittelschulausbildung ist attraktiver als eine Lehre», sagt Herbert H. Scholl, Geschäftsführer des Aargauischen Gewerbeverbands (AGV) gegenüber Regionaljournal Aargau-Solothurn von Radio DRS. Der AGV ergreift deshalb Massnahmen um insbesondere Bezirksschüler und Bezirksschülerinnen zu einer Lehre zu bewegen.

Abwerbungen statt Lehrplätze

Nicht nur in Zukunft, sondern bereits jetzt stehe das Aargauer Gewerbe vor Problemen. «Irgendwer muss die Arbeit ja machen», so Herbert H. Scholl. Dies führe folglich zu Abwerbungen unter den Betrieben. Der Weg über die Kantonsschule sei attraktiver, einfacher und bequemer. Nebst mehr Ferien sei eine Mittelschulausbildung für einigermassen Intelligente auch weniger anstrengend als eine Lehre.

Der Gewerbeverband möchte mit Hilfe der Berufsberatungen nun Bezirksschülerinnen und Bezirksschülern eine Lehre schmackhafter machen. Der AGV wünscht sich, dass Berufsberatungen von der Gewohnheit Abstand nehmen, Bezirksschüler hauptsächlich in die Kantonsschule zu schicken. Der Wert einer Lehre solle besser vermittelt werden. Mit begleitender Berufsmatura hätten die jungen Menschen danach die Möglichkeit an einer Fachhochschule zu studieren, argumentiert der AGV.

BKS

BKS-Studie STEP I: Situation der Aargauer Schulabgänger 2011

Anschlusslösungen aller Schulstufen:

Lehre

57%
Mittelschule 22%
Brückenangebote 14%
Praktikum 3%
ohne Anschlusslösung 2%

Anschlusslösungen Bezirksschule:

Kantonsschule, FMS
 51%
Lehre  37%
Praktikum  5%
Brückenangebote  5%

Quelle:

Bildunsdepartement Kanton Aargau

Der Kanton ist neutral

Kathrin Hunziker, Leiterin der Abteilung Berufsbildung und Mittelschulen des Departements für Bildung, Kultur und Sport (BKS) entschärft die Problematik und relativiert: «Die Zahlen sind in den letzten Jahren relativ stabil». Die Maturitätsquote sei nicht wesentlich gestiegen, allerdings hätten es einzelne Berufszweige tatsächlich schwer Lehrlinge zu finden. Als wichtigen Faktor sieht man beim BKS den Mangel an starken Schülern. Die Gymnasien und Lehrbetriebe kämpften um eben gerade diese.

Handlungsbedarf von Seiten des Kantons sieht man beim BKS aber nicht. Die Aufgabe des Bildungsdepartement läge in der Sicherstellung einer korrekten und vollumfänglichen Information über die Möglichkeiten der Berufsbildung, so Kathrin Hunziker gegenüber Radio DRS.

Der Kanton steht den Bemühungen des Gewerbeverbandes nicht im Wege. Man weist aber darauf hin, dass der Kanton und die Berufsberatungen sich neutral verhalten müssten und keine Fördermassnahmen für einzelner Berufszweige ergriffen werden könnten. Da die Berufswahl aber oft schon früh von Lehrern, Eltern und Kollegen beeinflusst werde, rate man dem AGV nicht nur bei den Berufsberatungen anzusetzen.

Zusammen für das Wohl des Nachwuchses

«Wir sehen diese Probleme auch», sagt Denise Widmer, Gesamtschulleiterin der Schule Suhr und Berufs - und Laufbahnberaterin auf Nachfrage der az. Den Vorstoss des AGV sieht sie aber eher als einen hilflosen Versuch gegen den Lehrlingsmangel vorzugehen. Man arbeite in Suhr bereits sehr gut mit dem Gewerbeverband zusammen, das Beste für die Kinder zu wollen sei allen Parteien gemein. «Das Engagement des AGV empfinden wir nicht als zusätzlichen Druck», sagt Widmer.

Eine Manipulierung der Berufsberatung und der Berufswahl der Jugendlichen sei aber nicht ratsam. Bereits in den 60er-Jahren sei versucht worden die Berufswahl des Nachwuchses von der wirtschaftlichen Notwendigkeit abhängig zu machen - ohne Erfolg. Einer Zusammenarbeit in Form von informellen Veranstaltungen über die Berufsmöglichkeiten steht man in Suhr aber sehr offen gegenüber. Regelmässig werden solche Veranstaltungen angeboten.

Schulleitung präzisiert BKS-Aussage

In einem Punkt präzisiert Widmer die Aussage des BKS. Die Lehrerschaft habe keinen direkten Einfluss auf die Berufswahl der Schülerinnen, die Lehrer trügen aber die Verantwortung, die Gleichwertigkeit aller Ausbildungswege zu vermitteln. Die Wahl eines Berufes sei vor allem geprägt durch die «Peergroup» und Vorbilder. Gewisse Berufen haben demnach einfach auch ein schlechtes Image.

Die Entwicklung in der Lehrstellensituation bewege sich zwischen Mangel und Überangebot hin und her, erklärt Widmer. Vor wenigen Jahren herrschte eher ein Lehrstellenmangel, nun sei das Pendel wieder auf die andere Seite geschwungen.

Es bleibt also abzuwarten, ob das Pendel wieder zurückschwingt und ob die Massnahmen des AGV Wirkung zeigen.