Seit mehreren Tagen ist die Temperatur im Aargau nicht mehr über 0 Grad gestiegen, und bis am Wochenende soll dies so bleiben. Diese sogenannten Eistage lassen Weiher, Teiche und kleinere Seen gefrieren. Welche Gewässer zugefroren und freigegeben sind, publiziert die Polizei in den Kantonen Zürich und Zug in sogenannten Eisbulletins. Im Aargau gibt es keine kantonale Übersicht, für die Freigabe von Eisflächen sind die Gemeinden zuständig, wo sich das jeweilige Gewässer befindet.

Von einer Eisschicht bedeckt ist unter anderem das Fischbacher Mösli im Freiämter Reusstal. Der Weiher ist 100 Meter breit und 290 Meter lang, würde sich also zum Schlittschuhlaufen eignen. Wer sich aufs Eis wagt, tut dies in Fischbach-Göslikon allerdings auf eigene Gefahr. Auf der Website des Dorfes ist zu lesen: «Wir weisen darauf hin, dass die Eisschicht auf dem Moossee durch die Gemeinde nicht kontrolliert und vom Gemeinderat somit auch nicht freigegeben wird.» Wer die Eisfläche dennoch betrete, tue dies auf eigenes Risiko, hält der Gemeinderat fest. Und: «Damit keine Missverständnisse auftreten, werden entsprechende Hinweistafeln beim Moossee angebracht.»

Aus dem Archiv: Hallwilersee-Gfrörni 1963

Aus dem Archiv: Hallwilersee-Gfrörni 1963

1963 drehte Guido Breitenstein, Lenzburg auf N8-Stummfilm einen Film über die Seegfrörni. Er wurde von Michael Schaerer, Aarau geschnitten und vertont.

Betreten oft auf eigene Gefahr

Gleich geht auch die Gemeinde Bergdietikon vor, wenn es um den Egelsee geht. Dieser werde grundsätzlich nie freigegeben, wie Werkhofmitarbeiter Reto Vogel der Limmattaler Zeitung sagte. Das Betreten geschehe ausschliesslich auf eigene Gefahr. Dies signalisiere den Eislauf-Willigen ein Schild am Ufer des Egelsees.

Doch wie dick muss das Eis sein, damit man es gefahrlos betreten kann? Thomas Posch von der Limnologischen Station der Universität Zürich, der sich als Wissenschaftler mit Seen befasst, rät ausdrücklich zur Vorsicht, wenn es um nicht freigegebene Gewässer geht. «Es gibt zwar einen groben Richtwert von 15 Zentimetern – aber die Eisdecke ist fast in jedem See nicht überall gleich dick.» Gerade an Stellen, wo noch etwas wärmeres Wasser zufliesse, etwa ein Bach oder ein kleiner Fluss, könne die Eisdecke viel weniger dick sein. Posch betont: «Ich würde ohne langjährige Erfahrungswerte zur mittleren Eisdecke nie auf einen unbekannten See gehen. Da sollte man sich besser auf die Behörden verlassen, ob sie einen See zum Betreten freigeben oder nicht.»

Nicht auf die Behörden, sondern auf sein Gehör und seine Erfahrung verlässt sich Ursus Merz. Der heute 72-jährige Bootsbauer aus Beinwil am See beobachtet den Hallwilersee und das Eis seit Jahrzehnten. In einem Porträt im Magazin «1A!Aargau» von 2015 beschrieb er seine Methode: «Man hört, wie das Eis gefriert. Ich legte mich am Seeufer auf den Bauch und lauschte. Am Tag darauf überprüfte ich, wie dick das Eis über Nacht geworden ist.» Das Geräusch des Eises sei sehr wichtig, um es einschätzen zu können. «Das kennt jeder vom Übers-Eis-Gehen: Wenn es knackst, wird es gefährlich. Am besten fährt man auf einer sicheren Stelle mit Schlittschuhen im Kreis und weitet den Radius immer weiter aus. So kann man das Eis Meter für Meter untersuchen.» Wichtig sei auch die Reinheit des Eises. «Weist es in geringem Abstand Blasen auf, ist es nicht besonders stabil. Man kann auch prüfen, ob der Boden zu sehen ist, und messen, wie hoch das Schilf aus dem gefrorenen Wasser ragt», sagt Merz. Wenn das Eis stabil genug war, lief er darüber. «Dabei muss es federn, aber nicht zu viel, sonst bricht es», sagt der Eiskenner.

Fünfweiher nicht freigegeben

Auf präzise Messungen setzt die Stadt Lenzburg, wenn es um die Freigabe des Fünfweihers geht. Dort hat es zwar Eis, die Schicht ist aber bei weitem nicht dick genug, um ihn freizugeben, wie Christian Brenner, Leiter der städtischen Abteilung Tiefbau, sagt. «Wir messen dort die Eisstärke regelmässig an definierten Punkten, freigegeben wird der Fünfweiher erst, wenn das Eis überall mindestens 15 cm dick ist.» In diesem Winter sei die Eisschicht bisher noch nie dicker als 5 cm gewesen. Brenner geht eher nicht davon aus, dass der Weiher, wo früher auch Eishockey und Curling gespielt wurde, dieses Jahr freigegeben werden kann. «Es bräuchte wohl noch zwei, drei Wochen lang so tiefe Temperaturen wie jetzt, damit es reicht», meint er.

Dies scheint eher unwahrscheinlich: Zwar geht SRF Meteo davon aus, dass es im Flachland bis Anfang nächster Woche acht bis zehn Eistage in Folge geben wird. Auf der Alpennordseite stieg die Temperatur letztmals am Sonntag über den Gefrierpunkt. Seither herrscht Dauerfrost, Plustemperaturen werden erst kommende Woche erwartet. In den letzten Tagen liess die starke Bise den Aargau schlottern. Doch was Menschen als Kältefaktor empfinden, ist nicht optimal für die Eisbildung auf Weihern und Seen.

Das waren noch Zeiten – Bilder von der letzten Seegfrörni des Zürichsees 1963:

Thomas Posch erklärt: «Grundsätzlich ist eine sehr kalte Periode mit Wind gut.» Durch die Wellen kühle sich das Oberflächenwasser viel schneller ab und könne sich mit dem kalten Tiefenwasser vermischen. «Zur eigentlichen Eislegung sollte es aber am besten windstill sein.». Diese beginne bei den grösseren Seen meist am Rand, wo sich das Wasser bereits stärker abgekühlt hat als über den tiefsten Bereichen des Sees. Eis bilde sich auch in den Häfen, die geschützt sind gegen Wellen. Mit der schwächer werdenden Bise steigt die gefühlte Temperatur in den nächsten Tagen, die Voraussetzungen für die Eisbildung verbessern sich zugleich.