Corona
Aargauer Gesundheitsdirektor hat keine Freude an Bersets Drohung

Der Bund überlegt, ob er Kantonen, die weniger als die Hälfte der Impfdosen verimpft haben, keinen neuen Impfstoff mehr liefern soll. Der Kanton Aargau wird diesen neuen Verteilschlüssel nicht akzeptieren.

Noemi Lea Landolt
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Die Impfzentren wären bereit. Sie sind noch nicht in Betrieb, weil nach wie vor nicht genug Impfstoff verfügbar ist.

Die Impfzentren wären bereit. Sie sind noch nicht in Betrieb, weil nach wie vor nicht genug Impfstoff verfügbar ist.

Sandra Ardizzone

Erhalten bald nur noch die schnellen Kantone neuen Impfstoff, während die langsameren leer ausgehen? Mit dieser Drohung, über welche die «NZZ am Sonntag» berichtete, verärgerte Gesundheitsminister Alain Berset die Kantone. Vor allem deshalb, weil das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Kantone noch vor zwei Wochen in einem vertraulichen Dokument ermahnt hatte, behutsam vorzugehen und jeweils auch die benötigten Impfdosen für die zweite Impfung nach ungefähr vier Wochen zu reservieren.

Andreas Obrecht: «Änderungen am Verteilschlüssel sind für eine gut organisierte Impfkampagne hinderlich.»

Andreas Obrecht: «Änderungen am Verteilschlüssel sind für eine gut organisierte Impfkampagne hinderlich.»

Britta Gut

Auf dieses Dokument verweist auch der Aargauer Impfchef Andreas ­Obrecht. Ihn überraschen die neuen Absichten des Bundes. Dies auch deshalb, weil eine Änderung des Verteilschlüssels Konsequenzen für die Impfstrategie hätte. «Für die Planung des Impfangebots – insbesondere auch der Personaleinsätze und der Logistik – benötigen alle Kantone zuverlässige und rechtzeitig bestätigte Lieferungen», sagt er. Vor diesem Hintergrund wären sowohl theoretische Überlegungen als auch praktische Änderungen am Verteilschlüssel für eine gut organisierte Impfkampagne hinderlich.

«Einberechnung der zweiten Dosis ist sinnvoll und nötig»

Dass das BAG ursprünglich gefordert habe, die zweite Impfung in die Planung einzuberechnen, sei «sinnvoll und nötig», sagt Andreas Obrecht weiter. So könne man auf etwaige Lieferverzögerungen oder Lieferausfälle reagieren. «Ein möglichst rasches Verimpfen der verfügbaren Impfdosen steigert hingegen das Risiko von Verzögerungen der Zweitimpfung.»

Wichtig ist nämlich, dass Personen zweimal mit dem gleichen Impfstoff geimpft werden. Wer das Pfizer-Biontech-Serum erhalten hat, dem bringt es auch nichts, wenn es noch genug Moderna-Impfstoff hätte. Und Pfizer teilte vor weniger Tagen mit, in der Produktionsstätte in Belgien komme es zu erheblichen Verspätungen.

Jean-Pierre Gallati setzt sich für die jetzigen Spielregeln ein

Auch der Aargauer Gesundheitsdirektor Jean-Pierre Gallati hält nicht viel von Bersets neuem Verteilschlüssel. Er habe sich beim zuständigen Departement in Bern dezidiert für die Beibehaltung der bisherigen Spielregeln eingesetzt, schreibt das Gesundheitsdepartement auf Anfrage. Gallati tat dies zuerst schriftlich und am Samstag an der ausserordentlichen Sitzung mit den kantonalen Gesundheitsdirektoren und Alain Berset auch mündlich.

Damit ist Gallati auch anderer Meinung als sein Basler Kollege Lukas Engelberger, der Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz. Engelberger hält Bersets Vorschlag für prüfenswert. Als «Planungsüberlegung», nicht als Drohung, wie er sagt.

Die erste Impfstofflieferung ist verimpft oder fix verplant

Im Aargau rechnen die Verantwortlichen nicht damit, dass der Bund seinen Worten auch Taten folgen lässt. «Wir gehen davon aus, dass der Bund seine angekündigten und zugesagten Lieferungen einhält», sagt Impfchef ­Obrecht. Er betont ausserdem, dass der Kanton Aargau rasch impfe. Von den 17744 Dosen von Pfizer/Biontech, die reichen, um 8872 Personen zweimal zu impfen, seien bis zum 14. Januar bereits 6081 Impfungen verabreicht worden. Die restlichen 2791 Dosen seien fix verplant für bereits vergebene Termine in den Impfzentren und für Einsätze der mobilen Impfteams in den Pflegeheimen.

Am Donnerstag sind 15'300 Impfdosen des Herstellers Moderna im Aargau eingetroffen. Diese würden seit gestern verimpft, sagt Obrecht. Die ersten Moderna-Impfdosen kämen den besonders gefährdeten Personen in Pflegeheimen zugute. Zehn mobile Impfteams bringen sie in die Heime. Sie fahren in der Regel zwei Heime pro Tag an.

389 neue Coronafälle seit Freitag – 112 Covid-Patienten im Spital

Über das Wochenende sind 389 Aargauerinnen und Aargauer positiv auf Covid-19 getestete worden. Das sind 172 weniger als am vergangenen ­Wochenende. Seit Freitag sind acht Personen, die an Covid-19 erkrankt waren, gestorben. Damit steigt die Zahl der Todesfälle im Aargau auf 548. In den Spitälern sind am Freitag 112 Covid-Patienten behandelt worden. 21 davon lagen auf der Intensiv- oder Überwachungsstation. Das sind 15 weniger als am Freitag vor einer Woche.