Unter der Lupe

Aargauer Gemeinden fehlen Milizpolitiker: Eine Studie zeigt die Rolle der Firmen auf

Diskutierten über Milizarbeit von Berufstätigen: Reto Steiner, Uni Bern Urs Hofmeier, Geschäftsführer Schweizer Salinen AG; Urs Hofmann, Regierungsrat; Daniel Knecht, Präsident Aargauische Industrie- und Handelskammer; Renate Gautschy, Präsidentin Gemeindeammänner-Vereinigung; Kurt Schmid, Präsident Aargauischer Gewerbeverband; Stefan Indemühle, Geschäftsführer Indermühle AG.

Mehr Lohn für Gemeinderäte soll die Milizarbeit attraktiver machen. Nach dieser Forderung vor einigen Wochen nahm eine Studie nun die Rolle der Arbeitgeber unter die Lupe.

Das Milizsystem steht unter Druck: Schweizweit hat rund die Hälfte aller Gemeinden Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Mitgliedern für ihre Exekutiven. Da stellen sich viele Fragen: Wie akzeptiert ist eigentlich die Tätigkeit von Milizpolitikern in der Wirtschaft? Fördern Firmen solche Engagements, oder sind sie im beruflichen Umfeld gar hinderlich? Sind Pensenreduktionen möglich, damit ein Exekutivamt in der Gemeinde drinliegt?

Das Departement Volkswirtschaft und Inneres (DVI) und die Gemeindeammänner-Vereinigung Kanton Aargau liessen dies untersuchen und gaben dem Schweizerischen Institut für öffentliches Management unter Leitung von Professor Reto Steiner den Auftrag für eine Studie. 565 Aargauer Firmen haben an der Befragung teilgenommen. Mehr als die Hälfte der untersuchten Unternehmen beschäftigt einen oder mehrere Mitarbeiter, die neben dem Beruf noch ein öffentliches Amt ausüben.

Aufgeschlüsselt nach Branchen ergibt sich folgendes Bild: In den Bereichen Verkehr und Nachrichtenübermittlung sowie Leder, Holz, Papier und grafische Erzeugnisse beschäftigen über 70 Prozent der Firmen Mitarbeitende, die nebenher ein öffentliches Amt bekleiden.

Bei Banken und Versicherungen sind es 68 Prozent und in der öffentlichen Verwaltung sowie in den Bereichen Unterricht, Gesundheit, Sport und Kultur 60 Prozent. Mit Abstand am wenigsten Mitarbeiter mit Milizamt stellt das Gastgewerbe (28 Prozent). Das ist unter anderem damit zu erklären, dass dort Arbeitszeit und abendliche Gemeinderatssitzungen am stärksten kollidieren.

Die meisten sind Kader

Wer in einem Gemeinderat sitzt, trägt meistens auch in der Firma viel Verantwortung. 69 Prozent der Miliztätigen haben in ihrer Firma nämlich eine Kaderstelle inne, weitere 6 Prozent sind beruflich Selbstständige. Diese Personen haben einerseits bereits durch den Beruf eine hohe Belastung, anderseits sind sie in der Arbeitszeiteinteilung in der Regel flexibel, was die Vereinbarkeit von Beruf und Milizamt erleichtert.

Fast die Hälfte der Firmen sehen sich in einer aktiven Rolle bei der Förderung des Milizsystems. Über 80 Prozent unterstützen die Miliztätigkeit ihrer Mitarbeitenden. Doch wie? Mit 60 Prozent am meisten verbreitet sind flexible Arbeitszeiten, gefolgt von individuellen Vereinbarungen (38 Prozent), Teilzeitarbeit (37 Prozent). 34 Prozent der Firmen geben an, Mitarbeitende zur Kandidatur für ein öffentliches Amt zu ermutigen.

Einen (teilweisen) Erlass der Arbeitszeiten kennt jede fünfte Firma, und jede zehnte regelt öffentliche Engagements gar mit Bestimmungen im Betriebsreglement.

Doch was versprechen sich Firmen, wenn Mitarbeitende in Milizämtern tätig sind, wo sehen sie Nachteile? Aufschluss gibt die Grafik unten. Netzwerk dank Politik sehen die Arbeitgeber als grössten Vorteil für ihre Firma. Dass ein Unternehmen wegen eines Milizamts seines Mitarbeiters mehr Aufträge erhält, glauben dagegen weniger als 10 Prozent. Als grössten Nachteil (64 Prozent) sehen die Firmen die häufigen Abwesenheiten im Betrieb.

Angst vor Vetternwirtschaft

Haben Firmen mit öffentlichen Ämtern von Mitarbeitenden schon negative Erfahrungen gemacht? Studienleiter Steiner konnte mehrere herauskristallisieren: Zum Beispiel negative Auswirkungen auf das Image der Unternehmung und die Kundenbeziehungen, Abwesenheiten und Terminkollisionen, Interessenskonflikte zwischen der politischen Gesinnung der Person im Milizamt und den Interessen der Unternehmung, aber auch weniger öffentliche Aufträge, da der Vorwurf der «Vetternwirtschaft» befürchtet werde.

Tieferes Salär für jeden sechsten

Rund 30 Prozent der Unternehmungen schliessen mit Mitarbeitenden in öffentlichen Ämtern individuelle Vereinbarungen ab. Darin werden die Abwesenheiten und die Reduktion bzw. auch Kompensation der Arbeitszeit geregelt. Bei 17 Prozent der befragten Firmen müssen die Mitarbeiter mit Milizamt eine Gehaltsreduktion in Kauf nehmen.

Und das empfehlen die Firmen den Gemeinden zur Erhaltung des Milizsystems:

  • Milizämter adäquat entlöhnen. Ob Pauschalen oder Stundenabrechnungen geeigneter seien, wird kontrovers diskutiert
  • Teilzeitpensen einführen sowie (finanzielle) Anreize für Unternehmen mit Mitarbeitenden im Milizamt
  • aktiv um Mitarbeiter werben und die Vorteile der Milizarbeit aufzeigen
  • Termine zu Randzeiten festlegen
  • Einführungskurse für Gemeindeämter (siehe Box rechts)
  • generell verstärkte Anerkennung und Wertschätzung der Milizarbeit. Das wirke sich positiv auf das Image des Gemeinderatsamtes aus und damit der zunehmenden Schwierigkeit entgegen, Personen für diese Ämter zu finden.

Die Studie: Befragt wurden die Mitglieder der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK) sowie des Aargauischen Gewerbeverbandes (AGV). 565 Unternehmen beteiligten sich, also 9,8 Prozent der Angefragten. Der Begriff der Miliztätigkeit bezieht sich auf das Engagement in öffentlich-rechtlichen Körperschaften (Einwohner- und Kirchgemeinden, Schulpflegen, Kommissionen). Nicht einbezogen wurden das Engagement in Vereinen, Militär, Zivilschutz, sozialen Institutionen, private Freiwilligenarbeit.

Meistgesehen

Artboard 1