Lockdown-Lockerungen

Aargauer Gastrobranche kurz vor der Wiedereröffnung: «Wer jetzt falsch entscheidet, kann sich ruinieren»

Bild aus guten Zeiten: Gastro-Aargau-Präsident Bruno Lustenberger in der «Krone» in Aarburg.

Bild aus guten Zeiten: Gastro-Aargau-Präsident Bruno Lustenberger in der «Krone» in Aarburg.

Die Gastrobranche steht kurz vor der Wiedereröffnung. Am Montag dürfen auch die Aargauer Bars und Beizen offiziell wieder Kunden empfangen. Die grosse Frage ist: Wie viele werden das tun?

Am Montag dürfen die Restaurants, Bars und Beizen ihre Tore öffnen – aber tun sie das? «Die Mehrheit wird öffnen», davon geht Bruno Lustenberger, Präsident des Branchenverbandes Gastro Aargau, aus. Man sei «ein bisschen euphorisch», sagt er, dass man jetzt wieder starten dürfe. Aber die Krise hat zweifelsohne Spuren hinterlassen. Lustenberger geht davon aus, dass fünf bis zehn Prozent der Betriebe gar nicht mehr aufgehen werden. Sie sind wirtschaftliche Opfer des Coronavirus.

Bis Ende Jahr dürften noch einmal deutlich mehr eingehen. Lustenberger sagt: «Entscheidend wird sein, wie gut das Geschäft von Mai bis Oktober läuft.» Und natürlich wird es ganz zentral sein, dass man den richtigen Zeitpunkt der Wiedereröffnung erwischt. Wer jetzt eröffnet, muss sich im Klaren sein, dass damit hohe Kosten verbunden sind. Für Sicherheitsmassnahmen wie Trennwände, Bodenmarkierungen, Desinfektionsmittel, Masken und so weiter. «Wer jetzt falsch entscheidet, kann sich ruinieren», sagt Lustenberger.

Rund 1000 Gastrobetriebe beantragten Kurzarbeit

Die zentralen Fragen: Hat es wieder Kunden? Oder arbeiten meine Stammgäste noch alle im Homeoffice? Und natürlich kommt es auf die Grösse an. Die Abstandsregeln reduzieren die Zahl der Gäste, die in einem Lokal Platz haben, um rund die Hälfte, eher mehr. Passen zu wenige Leute in ein Lokal, wird es schwierig, rentabel zu sein. Lustenberger geht davon aus, dass zirka 20 Prozent zuwarten werden, weil sich für sie eine Öffnung schlicht nicht rentiert.

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Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) will keinen Betrieb in den Ruin treiben, deshalb können Gastrobetriebe auch nach dem 11. Mai Kurzarbeitsentschädigung beanspruchen, wenn man aus wirtschaftlichen Gründen nur eingeschränkt öffnen kann. Stephan Nauer, Kurzarbeitsexperte beim Kanton Aargau, sagt dazu: «Ein kleines Restaurant mit vier Angestellten kann nur vier statt acht Tische für den Service verwenden. Mit diesen vier Tischen ist es unmöglich, die Kosten zu decken.»

Rund 1000 Gastrobetriebe waren in Kurzarbeit

Die vom Gastroverband und der Politik forcierte Öffnung trägt dazu bei, Geld zu sparen. Auch weil die Zahl der Betriebe in Kurzarbeit drastisch reduziert werden kann. Bis jetzt erteilte das Amt für Wirtschaft und Arbeit rund 1000 Bewilligungen für Kurzarbeitsgesuche aus dem Gastrobereich. Davon betroffen sind rund 11000 Mitarbeitende. Und das bei insgesamt 10500 bewilligten Gesuchen und 166000 Menschen in Kurzarbeit (rund 42 Prozent der Erwerbstätigen im Aargau).

Die Spitze der Coronawelle haben Nauer und seine Kollegen beim AWA hinter sich. Bis zu 900 Gesuche täglich erreichten sie im April. Jetzt sind es noch zwischen 50 und 70 Gesuche. Der Druck lastet jetzt auf den Arbeitslosenkassen, die mit Kurzarbeitsabrechnungen von Tausenden von Unternehmen überhäuft werden. Auch hier zeichnet sich Besserung ab. Nauer: «Ab Mitte Mai wird bei der Öffentlichen Arbeitslosenkasse ein automatisiertes Tool implementiert. Dann können die Unternehmer die Abrechnung online ausfüllen. Der Auszahlungsprozess wird dadurch vereinfacht und schneller.» Darüber werden sich auch all jene Wirte freuen, für die eine Wiedereröffnung noch keinen Sinn macht.

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Die Freude über das Wiedereröffnungsdatum am 11. Mai ist nicht bei allen Restaurant- oder Barbesitzern gleich gross. Wegen der strikten Corona-Massnahmen rentiert es für viele Wirte nicht, ihre Türen zu öffnen. Einzelne schliessen ihren Gastrobetrieb sogar für immer.

Feldschlösschen reinigt gratis Zapfanlagen

Es gibt aber auch gute Nachrichten für die Gastrobranche, und das von einem Unternehmen mit Sitz im Aargau. In den letzten drei Wochen haben mehr als 50 Mitarbeitende von Feldschlösschen bei Tausenden von Gastronomiebetrieben in der ganzen Schweiz kostenlos die Zapfanlagen gereinigt.

«Wir freuen uns, dass unsere Kunden ihre Gäste wieder empfangen dürfen. Die Wiedereröffnung stellt allerdings einige unserer Kunden vor grosse Herausforderungen. Wir unterstützen die Gastronomiebetriebe daher mit einem Dienstleistungspaket, das einen Wert von mehreren Millionen Schweizer Franken hat, denn wir wollen damit unseren Kunden den Neustart vereinfachen und unseren Beitrag leisten, dass die Schweizer Gastronomie wieder gut starten kann», sagt Gaby Gerber, Sprecherin der Brauerei mit Hauptsitz in Rheinfelden.

Mit dem Gratis-Service soll auch sichergestellt werden, dass die Zapfanlagen in den Lokalen nach dem fast zweimonatigen Stillstand der Gastronomiebetriebe wieder einwandfrei funktionieren. Regulär lägen die Reinigungskosten – je nach Reinigungszeit, Grösse des Betriebs und Anzahl der Zapfhähne – zwischen hundert und mehreren hundert Franken, sagt Gerber. Als weitere Hilfsmassnahme verzichtet die Brauerei auf die Mindestbestellmenge von 300 Franken für die Gastrobetriebe bis Ende August.

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