Eine aktive Ansiedlungspolitik betreibt der Kanton Aargau zwar nicht, aber der Hirsch wäre willkommen, wenn er sich denn hier wohlfühlt. Der Cervus elaphus geniesst quasi die volle Freizügigkeit. So sieht es der kantonale Massnahmenplan Rotwild vor, der seit einem Jahr in Kraft ist. Doch kaum sind die ersten Hirsche da, sollen sie auch schon zum Abschuss freigegeben werden. Und das ist nicht etwa eine Idee der Jäger.

Vier Hirsche gesichtet

Im Frühsommer gingen in der südwestlichen Ecke des Kantons, im sogenannten Wildraum 1 zwischen Aare, Wiggertal und der Grenze zum Kanton Luzern, drei Hirsche in die Fotofalle. Eine Hirschkuh wurde überfahren. Vier leibhaftige Hirsche also, die umgehend die Forstwirtschaft auf den Plan riefen.

Sechs Förster aus der Region verlangten von den Gemeinden und der kantonalen Jagdverwaltung, es sei unverzüglich mit der Bejagung des Rotwildes zu beginnen. Der Antrag sei noch hängig, erklärt Rolf Allemann, Bezirksvertreter Zofingen des Aargauischen Jagdschutzvereins.

An sich ist klar, dass die Förster mit ihrem Begehren auf Granit beissen müssten. Mit einzelnen gesichteten Tieren befindet man sich ohne Zweifel in der Entwicklungsphase 1 des Massnahmenplans Rotwild. Und in dieser Phase ist der Hirsch grundsätzlich geschützt. Nur wenn ein einzelnes Tier «hohe und untragbare Schäden» verursacht, darf es nach Absprache mit dem Revierförster und der Jagdverwaltung erlegt werden.

Erst in der Phase 2 (Rudelbildung erfolgt, aber noch nicht alle potenziellen Lebensräume besiedelt) ist die Bejagung der Hirsche nach einer jährlich neu festzulegenden Abschussplanung vorgesehen, um die Bestände zu kontrollieren.

Aber was heisst untragbar? Die deutlich grösseren Hirsche richten im Wald auch viel grössere Verbissschäden an als die markant kleineren Rehe. Die Forderung, sie abzuschiessen, kaum seien ein paar wenige Tiere da, habe die Jäger «erschreckt», so Rolf Allemann.

Die Jäger sind es nämlich nicht, die zur Jagd auf den Hirsch blasen. Im Gegenteil: Als Pro Natura 2009 eine Analyse zu den Chancen des Rotwilds im Aargau machte, ergab eine Umfrage unter den Obmännern der 127 Jagdreviere: Fast 90 Prozent der Jäger sind für einen freiwilligen Jagdverzicht, um dem Hirsch diese Chance zu geben, im Aargau wieder Fuss zu fassen.

Nicht mit Kanonen auf Spatzen

Bezirksvertreter Rolf Allemann und sein Stellvertreter Marco Caneri luden deshalb zu einem Forum zum Thema «Zusammenleben mit den Hirschen». «Wir sind nicht gegen das Rotwild», betonte dort Ernst Steiner, einer der Mitunterzeichner des Antrags auf Bejagung. Als Förster seien sie der Ansicht, der Hirsch gehöre zur Artenvielfalt im Wald, aber im Wildraum 1 sei man in einer speziellen Situation: «Grosse Sorge bereitet uns die Weisstanne. Wir haben schon starke Verbissschäden durch das Rehwild. Jetzt kommt noch der Hirsch. Wenn aber die Weisstanne ausfällt, haben wir ein Problem.»

Der klassische Zielkonflikt. Jäger Allemann gibt zu bedenken: Die Bevölkerung wolle die Artenvielfalt, und dafür müsse man auch einen Preis in Kauf zu nehmen bereit sein. Für ihn ist jedenfalls klar: «Wir lassen uns nicht zum Abschuss der Hirsche einspannen, um dann wieder als Buhmänner dazustehen.»

David Clavadetscher, Geschäftsführer von Jagd Schweiz, mahnte die Aargauer am Forumsanlass zur Wahrung der Verhältnismässigkeit: «Es gibt jetzt im Aargau vier oder sechs Hirsche. Man sollte nicht mit Kanonen auf Spatzen schiessen, sondern sich vielmehr über diese vier oder sechs Tiere freuen.»