Wenn jemand sein Herz auf der Zunge trägt, so spricht er auch frisch von der Leber weg. Jetzt im Winter denke ich bei Zunge und Leber zwar viel lieber an eine «zümpftige» Metzgete, sodass mir das Wasser im Mund zusammenläuft, als an Redewendungen oder gar Flurnamen.

Der Ausspruch, «frisch von der Leber weg» zu sprechen, entstammt der antiquierten Vorstellung, dass die Leber der Sitz der menschlichen Gefühle und Empfindungen sei. Medizinische Fortschritte zerstörten zwar diese romantische Vorstellung, die Redewendung hingegen konnte sich in die Gegenwart retten.

Mir gefällt diese Vorstellung aber noch ganz gut. Und weil die Aargauerinnen und Aargauer allesamt herzliche Menschen sind, die ohne Scheu sprechen, nicht so langsam wie die Berner, nicht so forsch wie die Zürcher, eben so, wie es Aargauer machen, muss die Leber irgendwo im Aargau liegen.

Grosse Enttäuschung: Die «Leber» liegt im Bernischen Eggiwil. Eine weitere «Leeber» im Thurgauischen Hüttwilen, «Leberen» in Jonschwil im Kanton St. Gallen und «Läberen» im solothurnischen Matzendorf. Aber in Küttigen liegt immerhin die «Läberte», in der Senke zwischen der Wasserflue und dem Benkerjoch. Hans-Ueli Schindler möchte nun wissen, was es mit diesem titelstiftenden Namen auf sich hat.

Kulinarischer Hintergrund?

Hat «Läberte» einen kulinarischen Hintergrund, vielleicht zu Läberli mit Röschti? Auf der historischen Siegfriedkarte aus dem Jahr 1878 ist der Name als «Leber- thal» überliefert. Hat der Name tatsächlich etwas mit dem menschlichen Organ zu tun, das bezogen auf die Bodenbeschaffenheit auf eine Mergelschicht oder Mergelader im Gestein, nach der oft leberähnlichen Farbe verweist? Dies ist im kalkhaltigen Juragestein nicht unüblich.

Aber eine andere Spur überzeugt mehr. «Läberte» geht zurück auf den nur noch in Flurnamen erhaltenen mittelhochdeutschen Wortstamm lew-, leb- in der Bedeutung von (Grab-)Hügel.

Leweren oder Lebern ist der Dativ Plural davon. Das zwischenvokalische althochdeutsche «w» entwickelte sich um 1500 zum schweizerdeutschen «b», so dass wir heute nicht mehr «Leweren», sondern eben «Läberen» sagen. Aber Moment: Der Name schreibt sich «Läberte», mit einem t.

Diese heutige Schreibform verrät seinen Ursprung in Leberthal. In der gesprochenen Mundart wird das Wort Tal oft zu -te verkürzt ausgesprochen. Beispielsweise in Islete (Sissach BL, aus ursprünglich Isental), Hirschlete (Hirschthal AG, sowohl Flur- als auch Ortsname) oder Bueblete (Zuzgen AG, aus ursprünglich Bubental).

Leber in allen Variationen

Diese Hügelnamen mit dem Wortstamm lew-, leb- finden wir in zahlreichen Variationen in der Schweiz: Leber, Leeber, Läberen wie oben beschrieben, aber auch Leiere (Gelterkinden BL und Schüpfen BE), Läubere (Allschwil BL), Leuere (Lyss BE) oder Leuer (Illnau-Effrektikon ZH). Wir haben es hier bei allen Varianten mit ein und demselben ursprünglichen Namen zu tun, der sich in den Regionen in unterschiedliche Dialektvarianten entwickelt hat.

Die meisten beziehen sich wohl auf die topografische Struktur: Hügeliges, teils auch gewelltes Land. In einzelnen Fällen geht der Flurname aber tatsächlich auf einen Grabhügel zurück.

Somit verweisen diese Namen auf frühmittelalterliche Gräber. Im Kanton Aargau gibt es nebst der Küttiger «Läberte» auch die Namen «Leiber» und «Leiberholde» in Wittnau. Beide Namen gehen ebenfalls auf den Wortstamm lew- zurück. Sie haben sich aber im Laufe der Zeit dialektal anders entwickelt als die Läberte.

Grabhügel als Namensgeber?

Auch die Küttiger Läberte liegt an einem steil ansteigenden Talausgang, dessen südlicher bewaldeter Rand zur Wasserflue stark gewellt und unruhig ist. Der historische Name Leberthal verweist also auf das hügelige, gewellte Tal. Aber nun wird es nochmals spannend. Ganz in der Nähe der Läberte ist eine archäologische Fundstelle dokumentiert.

So ist der Bezug nicht nur zur Topografie gegeben, auch die Bedeutung «Grabhügel» als Namensgeberin muss wieder in Betracht gezogen werden. Auch wenn sich die archäologische Karte bisweilen dazu ausschweigt, kann ein Bezug zu einem Grab an dem seit der späten Römerzeit und dem Frühmittelalter begangenen Juraübergang nicht ganz ausgeschlossen werden.