Die Familie Nickelsen wohnt am Galgehübel in Rombach. Sie möchte gerne wissen, ob der Galgehübel mit einem ehemaligen Galgen zu tun hat.

Flurnamen mit dem Element «Galgen» deuten tatsächlich auf ehemalige Richtstätten hin. Die Galgen-Namen sind heute noch sehr verbreitet; der Name «Galge» gibt es etwa in Ehrendingen, Hornussen, Berikon, Wegenstetten, Schwaderloch und Magden.

Galgen auf Anhöhen

Im Mittelalter war der Galgen ein Machtsymbol und wurde deshalb weit sichtbar auf einer Anhöhe in der Nähe einer Stadt oder Burg aufgestellt, meist auch gerne an einer Grenze. Solche Galgen haben in der Folge weitere Flurnamen motiviert, zum Beispiel den «Galgen- acher» in Bettwil, Böttstein und Mandach, der «Galgenrain» in Sins oder das «Galgemoos» in Oberkulm.

Galgen dienten nicht nur als Machtsymbol, sondern auch als tatsächlicher Strafvollstreckungsort und als Mittel der Abschreckung. Galgenhumor besassen die Richter und Henker dabei nicht, denn die Gehängten wurden so lange am Galgen belassen, bis Aasvögel das Leichenfleisch verzehrt hatten.

Gut möglich also, dass auf dem «Galgehübel» der Familie Nickelsen tatsächlich mal ein Galgen gestanden hat. Wie der Flurname schon sagt, liegt die Flur auf dem «Hübel», das dem neuhochdeutschen «Hügel» entspricht und eine Geländeerhebung meint. In den Kantonen Bern, Solothurn, Aargau und Luzern ersetzte es vielerorts die ältere schweizerdeutsche Bezeichnung «Büel», das ebenfalls kleine Erhöhung, Hügel oder Anhöhe bedeutet. In Rottenschwil konnte sich etwa diese alte Hügelbezeichnung halten, dort gibt es tatsächlich noch einen «Galgebüel».

Die Linden beim Galgen

Hinrichtungen im Amt Lenzburg fanden in der Stadt Lenzburg, in Sichtnähe des Schlosses statt. Gleich neben dem heutigen Quartier «Fünflinden» liegt in Staufen der «Galgenacker». Dort befand sich die ehemalige Richtstätte. Die Linden liegen nicht zufällig in der Nähe des Richtplatzes. Die Linde wurde bereits im Mittelalter als Versammlungs-, Tanz- und allgemein als Kommunikationsort einer Gemeinschaft rege genutzt. Auch als Gerichtsplatz diente der Platz unter einer Linde. Aus diesem Grund ist der Baum im öffentlichen Raum von Dörfern und Städten auch heute noch verbreitet.

Auch in Bözberg gibt es den Namen «Vierlinden», der ebenfalls als «bey den vier Linden» auf der Dufourkarte aus dem 19. Jahrhundert auftaucht. Ob es wohl auch hier in der Nähe einen Galgen- Namen hat? Tatsächlich, weiter östlich, zwischen Hafen und Brugg, liegt der Galgenacher. 1466 ist überliefert, dass die Stadt Brugg auf dem Pfaffenfirst ihren Galgen erbauen lassen durfte, gleich neben dem Prophetengut.

Im Kanton Aargau fand die letzte öffentliche Hinrichtung im Jahr 1854 auf dem früheren bernischen Richtplatz von Lenzburg statt. Der Kanton als Eigentümer gab danach seine Richtstätten auf. Doch die Überreste der Galgen sehen wir manchmal bis heute noch. In der «Chlos» bei Olten stehen auf aargauischem Boden zwei Galgenpfeiler im Wald, die von der ehemaligen Richtstätte des Hochgerichts Aarburg Zeugnis ablegen. 1798, beim Untergang des Ancien Régime, wurde der Galgen der bernischen Herrschaft zerstört. 1803, im Zuge der napoleonischen Neuordnung der Eidgenossenschaft, wurde das bisher bernische Amt Aarburg zum Kanton Aargau geschlagen. 1825 wird dieser Ort als «Galgenberg» bezeichnet und noch heute wird dieses Gebiet an der Grenze zu Olten «Galgen» genannt.

«Tulpenweg» statt «Galgenacher»

Zur Hinrichtung durch den Strang gehört ein Strick. Flurnamen mit dem Element «Strick» haben jedoch nichts mit den Richtstätten zu tun, sondern meinen einen Pfad oder ein lang gestrecktes Grundstück. So etwa der «Strick» in Full-Reuenthal, Endingen, Schinznach oder Gansingen. Wer im «Strick» unterwegs ist, muss also keine Galgenvögel fürchten. Die Galgenhübeler in Rombach auch nicht. Übrigens sollte die Überbauung am Galgehübel zunächst «Alpenblickweg» heissen. Der Antrag an die Gemeinde auf Umbenennung wurde jedoch rasch und kategorisch abgelehnt. Auch ohne «Alpenblickweg» erfreut sich die Familie Nickelsen am Alpenblick. Eine gute Einstellung, denn nicht alle sind mit ihrem Strassennamen zufrieden. In Staufen schien der direkte Hinweis auf die Henkersvorgeschichte eine zu grosse Zumutung für die Anwohnerinnen und Anwohner zu sein, so benannte die Gemeinde im Jahr 2015 die neu gebaute Strasse beim Galgenacher in «Tulpenweg».