Sie hatten warme Socken, Kleidung, Mützen, Decken und Schlafsäcke dabei, als sie sich am 23. Dezember mit zwei Autos auf den Weg nach Bosnien machten. Der Aargauer Stefan Dietrich und sein Team von «Help Now» verbrachten die Feiertage damit, Menschen auf der Flucht und in Not zu helfen. Stefan Dietrich hat die Hilfsorganisation vor drei Jahren mitgegründet, diese ist heute Teil von Netzwerk Asyl.

Dieses ist primär im Aargau tätig – hier leben derzeit 4181 Flüchtlinge, wie das Sozialdepartement auf Anfrage mitteilt. 1407 Personen warten noch auf ihren Asylentscheid, 2774 wurden vorläufig aufgenommen. Im letzten Jahr hat der Bund dem Aargau noch 837 Asylsuchende zugewiesen, klar weniger als 2015, auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise.

Tausende sitzen fest

Damals kamen Zehntausende über die Balkanroute nach Mitteleuropa. In der Grenzregion zwischen Bosnien und Kroatien, wo «Help Now» war, halten sich laut Dietrich heute schätzungsweise 3500 Menschen auf. Die Flüchtlinge stammen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Pakistan, aber auch aus Indien, Marokko und Algerien und seien mehrheitlich sehr jung und männlich. «Es gibt aber auch Familien mit Babys und kleinen Kindern.»

Die meisten von ihnen befinden sich seit Monaten, teilweise seit bis zu drei Jahren auf dem Balkan, sagt Dietrich. «Wir trafen Menschen, die bereits mehrere Dutzend Male versucht haben, nach Kroatien und weiter nach Slowenien zu kommen.» Das primäre Ziel sei Italien, die beliebtesten Zielländer seien Deutschland und Belgien.

Das Team von «Help Now» besuchte bei seinem Einsatz drei Flüchtlingscamps. Das erste in Bihac, wo schätzungsweise 2100 Flüchtlinge leben (davon zirka 200 Kinder), das zweite in Velika Kladusa, wo etwa 690 Personen ausharren. Beide Camps werden durch die «International Organisation for Migration» (IOM) geführt, eine UN-Organisation. Das dritte Camp befindet sich in Salakovac bei Mostar und wird vom bosnischen Staat geführt. Dieses beherberge 250 Menschen, die Hälfte davon Kinder, wie Dietrich sagt. Salakovac sei das einzige Lager, in dem humane Bedingungen herrschten.

Radiatoren gegen die Kälte

In Bihac und in Velika Kladusa fehle es hingegen an vielem: «Die Bedingungen vor Ort sind menschenunwürdig», so Dietrich. In Bihac diene eine ehemalige Fabrikhalle als Camp, darin sind Container und Zelte aufgestellt: «Grundsätzlich war es dunkel und kalt, es stank und alles war dreckig.» Ausserdem sanken die Temperaturen um Weihnachten auf bis zu minus vier Grad: «Viele Container waren unbeheizt. Wir kauften deshalb 37 Radiatoren», sagt Stefan Dietrich.

In Velika Kladusa dient eine alte Fabrikhalle als Flüchtlingslager. Derzeit leben dort etwa 690 Menschen. Privatsphäre gibt es in den Schlafsälen wenig. .

In Velika Kladusa dient eine alte Fabrikhalle als Flüchtlingslager. Derzeit leben dort etwa 690 Menschen. Privatsphäre gibt es in den Schlafsälen wenig. .

Auch in Velika Kladusa, wo ebenfalls eine Fabrikhalle als Camp dient, wirke alles sehr improvisiert: «Überall lag Abfall und es stank. Die hygienische Situation und die medizinische Versorgung waren katastrophal, Privatsphäre gab es keine», so Dietrich. In beiden Camps gebe es verschiedene Krankheitsfälle, die Krätze habe sich breitgemacht und viele litten unter starken Erkältungen. «In beiden Lagern wären viel mehr funktionstüchtige und saubere Toiletten und Duschen nötig.»

In der Schweiz hatte «Help Now» nebst Warenspenden rund 12 000 Franken gesammelt. «In Absprache mit lokalen Verantwortlichen, wie dem Roten Kreuz, haben wir vor Ort entschieden, wie wir das Geld möglichst sinnvoll einsetzen können.» Aufgrund der wirtschaftlichen Lage und des starken Frankens könne man dort viel mehr einkaufen als in der Schweiz. «Wir haben warme Socken, Jacken, Thermounterwäsche, Handschuhe, aber auch Lebensmittel, Hygieneartikel und Windeln eingekauft.»

Die lokalen Bremgarter Kirchen hätten massgeblich dabei geholfen, die Spendengelder zu sammeln: «Am Bremgarter Weihnachtsmarkt kamen während der Märt-Chile allein 5000 Franken zusammen», so Dietrich. Auch die Brocki-Stube aus Wohlen, einzelne Fachgeschäfte aus der Bremgarter Altstadt sowie Einzelpersonen aus dem Aargau spendeten Geld.

In Bihac stehen die Schlafzelte der Flüchtlinge unter Wasser.

In Bihac stehen die Schlafzelte der Flüchtlinge unter Wasser.

Nahrungsmittel für Migranten

Das Team von «Help Now» hat die Hilfsgüter sowohl direkt an Flüchtlinge als auch an Hilfsorganisationen oder private Helfer abgegeben. «Den im Freien schlafenden Migranten haben wir Päckchen mit Nahrungsmitteln übergeben», so Dietrich. Menschen, die versuchen, Mitteleuropa zu erreichen, müssten menschenwürdig versorgt und behandelt werden.

«Die Tatenlosigkeit grosser Organisationen wie IOM, UNHCR und UNO ärgert mich sehr. Kein Mensch in Europa soll so überleben müssen.» Hygiene, medizinische Versorgung, Nahrungsmittel und ein Dach über dem Kopf sollten selbstverständlich sein. Es gehe ihm auch darum, dass die Menschen auf der Flucht informiert und ihnen Perspektiven aufgezeigt werden.

Als Nächstes plant «Help Now» eine Anlaufstelle in Kljuc: «Immer wieder wurde berichtet, dass die Polizei in Bihac, wenige Kilometer von der kroatischen Grenze, Migranten auf der Strasse aufgriff und ins ca. 85 km weit entfernte Kljuc fuhr, um sie dort auf der Strasse auszusetzen.» Laut Dietrich fühle sich die Region um Bihac mit den vielen Migranten vom Staat im Stich gelassen und versuche, die Flüchtlinge nach Sarajevo zu schicken.

«Help Now» will dem lokalen Roten Kreuz in Kljuc einen eingerichteten Container zur Verfügung stellen, damit die Menschen, die dort immer wieder auf der Strasse landen, medizinisch, aber auch mit warmer Kleidung erstversorgt werden können.

Hilfsorganisationen, die sich um Flüchtlinge kümmern, werden oft kritisiert, illegalen Migranten auf ihrem Weg nach Europa zu helfen. Das gilt speziell für Helfer, die Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer aufgreifen. Stefan Dietrich sieht sein Engagement für die gestrandeten Flüchtlinge im Balkan aber nicht als politisches an: «Mir geht es rein um den humanitären Aspekt, wir dürfen die Verletzung elementarer Menschenrechte nicht unkommentiert geschehen lassen», betont er.