Der Weg zum Arztberuf ist lang und beginnt mit einer Hürde, an der schon viele scheitern: Nicht einmal jeder dritte Teilnehmer am Eignungstest darf das Medizinstudium beginnen. Der Kampf um die raren Plätze verstärkt sich Jahr für Jahr. Zu einem lukrativen Geschäft geworden sind deshalb Vorbereitungskurse und Testsimulationen, welche die Erfolgschancen der Kandidaten erhöhen sollen.

Für Schlagzeilen sorgte der Numerus clausus 2014 und 2015, damals zeigte sich nach dem Eignungstest: Bereits im Vorfeld waren bei den Trainings Originalaufgaben im Umlauf, die nachträglich nicht gewertet werden konnten. Die Spur führte beide Male nach Aarau zur Firma Medtest. Am Donnerstagnachmittag musste deren Geschäftsführer Philip von der Mühll vor dem Aarauer Bezirksgericht erscheinen. Der Vorwurf: gewerbsmässige Urheberrechtsverletzung. Die Staatsanwaltschaft forderte eine bedingte Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 280 Franken sowie eine Busse von 6000 Franken.

«Grosses öffentliches Interesse»

Die strittige Frage, die vom Gerichtspräsidenten zu klären war: Unterstehen Prüfungsaufgaben dem Urheberrecht? Ja, finden neben der Staatsanwaltschaft, die nicht vor Gericht erschien, auch die beiden Strafklägerinnen Swissuniversities, die Rektorenkonferenz der Schweizer Hochschule sowie eine deutsche Firma, die Testaufgaben produziert und verkauft. Deren Anwältin verlangte in ihrem Plädoyer eine Verurteilung des Geschäftsführers und eine Entschädigung von 80'000 bzw. 43'000 Franken für ihre beiden Auftraggeber. «Am Eignungstest besteht ein grosses öffentliches Interesse.»

Nur so könne gewährleistet werden, dass die besten Kandidaten bestehen und die Qualität der Gesundheitsversorgung gesichert ist. Die Anwältin betonte, die Herstellung solcher Testaufgaben sei «äusserst komplex und kostspielig». Diese würden in einem mehrstufigen Entwicklungsprozess entstehen, wofür ein hohes Fachwissen erforderlich sei. Es handle sich dabei um «einzigartige Werke» und «geistige Schöpfung». Deshalb stand für die Anwältin von Swissuniversities und der deutschen Firma fest: Testaufgaben sind urheberrechtlich geschützt.

Gestolene Aufgaben

Nach den Vorfällen 2014 und 2015 mit den in der Vorbereitung verwendeten Originalaufgaben, von denen einige Jahre zuvor in Deutschland gestohlen worden waren, wurde der Eignungstest auf dieses Jahr hin geändert. Swissuniversities hatte Anfang 2016 angekündigt, künftig nur neue Aufgaben einzusetzen. Davor mussten die Kandidaten jeweils einen Mix aus alten und neuen Fragen beantworten.

Doch gute Testaufgaben herzustellen, sei schwer und aufwendig, sagte ein Experte vom Zentrum für Testentwicklung und Diagnostik der Universität Freiburg, das für die Eignungstests zuständig ist, vor dem Bezirksgericht. «Die Aufgaben müssen unter Ernstfallbedingungen erprobt sein, das macht sie so teuer.» Erst wenn klar ist, dass sie nicht zu leicht und nicht zu schwer sind, werden sie eingesetzt. Die Anbieter von Vorbereitungskursen sind darauf angewiesen, den Kandidaten möglichst realitätsgetreue Testfragen vorlegen zu können. Auf die Frage des Gerichtspräsidenten, woher die von seiner Firma verwendeten Aufgaben stammten, antwortete Geschäftsführer Philip von der Mühll, ein Grossteil basiere auf den Rückmeldungen von Teilnehmern, die per Mail, Telefon, Brief oder an einem Apéro nach dem Eignungstest ihre Erfahrungen schilderten. «Von dort kommt die Inspiration.» Seine Mitarbeiter versuchten daraufhin, die Aufgaben nachzubilden, sie seien aber strikt angewiesen, nicht abzuschreiben.

Die Frage mit den Artisten-Haaren

Der Anwalt des Beschuldigten forderte einen Freispruch. Er sehe keinen Unterschied zu anderen Eignungstests auf akademischer Stufe. Bei der Anwaltsprüfung beispielsweise würden die Aufgaben zur Vorbereitung ebenfalls untereinander ausgetauscht. Fazit des Verteidigers: Die Aufgaben haben keinen urheberrechtlichen Charakter. Der Gerichtspräsident kam zum gleichen Schluss – und sprach den Beschuldigten frei.

Zwar bestehe kein Zweifel, dass ein grosser Aufwand betrieben wurde, um die Aufgaben zu entwickeln, doch das spiele keine Rolle. Unbestritten handle es sich um eine geistige Schöpfung, doch entscheidend sei der individuelle Charakter, sagte der Richter und las eine Aufgabe vor, bei der es darum geht, wie viele Haare ein Artist benötigt, um sich daran sicher aufhängen zu können. «Ich sehe da keine Individualität, die vom Urheberrecht geschützt wäre.» Es sei nicht auszuschliessen, dass jemand anders auf diese Idee hätte kommen können. Und da kein geschütztes Werk vorliege, könne der Medtest-Geschäftsführer auch keine Urheberrechtsverletzung begangen haben. Dieser zeigte sich nach dem Freispruch erleichtert, sprach allerdings erst von einem «Etappensieg». Philip von der Mühll sagt, man müsse nun abwarten, bis das Urteil rechtskräftig wird.