Neue Prüfungsregeln

Aargauer Fahrlehrer: «Halbkönnen ist ein grosses Risiko für andere Verkehrsteilnehmer»

Roger Wintschs Fahrschüler absolvieren zu 95% die Prüfung mit einem Schaltgetriebe. (Symbolbild)

Roger Wintschs Fahrschüler absolvieren zu 95% die Prüfung mit einem Schaltgetriebe. (Symbolbild)

Der oberste Aargauer Fahrlehrer Roger Wintsch kritisiert, dass es für Handschaltung bald keine Prüfung mehr braucht. Das könne zur Gefahr werden.

Der Bundesrat will erlauben, dass Lenker mit Automat-Prüfung auch handgeschaltete Autos fahren dürfen. Roger Wintsch, Präsident des Aargauer Fahrlehrer-Verbands, ist seit 21 Jahren Fahrlehrer und steht der geplante Revision skeptisch gegenüber: Das erste Ziel, das erreicht werden müsse, sei das Senken von Unfallzahlen und das Vermeiden von Opfern. «Aus meiner Sicht bringt diese Massnahme keinerlei Vorteile im Bereich der Verkehrssicherheit.»
Der 43-Jährige ist Inhaber einer eigenen Fahrschule und spricht aus Erfahrung: «Zum heutigen Zeitpunkt absolvieren 95 Prozent aller Schüler die Prüfung mit einem Schaltgetriebe».

Das könne sich mit der neuen Massnahme des Bundes ändern. «Um Geld zu sparen, würden wahrscheinlich 75 Prozent der Fahrschüler die Ausbildung mit einem automatischen Getriebe absolvieren und sich die Fähigkeit des Schaltens dann privat aneignen.» Der Fahrlehrer befürchtet, dass dies zu «gefährlichem Halbkönnen» führe. «Beispielsweise wenn ein Lenker in der Kurve die Kupplung drückt und das Fahrzeug deswegen auf die Gegenfahrbahn gerät.» Dies sei ein grosses Risiko für andere Verkehrsteilnehmer. An der Massnahme wurde kritisiert, dass vor allem die jungen Lenker mit einer Umstellung Schwierigkeiten hätten. «Ich finde es schade, wenn man Vorurteile gegenüber Neulenkern hat», sagt Wintsch.

Das plötzliche Wechseln von Automat zu Schaltgetriebe sei auch für Fahrer mit mehr Erfahrung schwierig: «Fahrzeuglenker, die seit dreissig Jahren einen Wagen mit automatischem Getriebe fahren, verfügen zwar über mehr Erfahrung im Strassenverkehr. Jedoch sind sie in ihren Automatismen so festgefahren, dass ihnen
eine allfällige Umstellung auf Handhandschaltung ebenfalls schwerer fallen
würde.»

Menschen als Versuchskaninchen

Als Grund für die geplante Revision gab das Bundesamt für Strassen die Zunahme von Elektroautos an. «Bereits heute existiere ein Dutzend verschiedener Getriebearten», sagte Sprecher Thomas Rohrbach gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Mit der heutigen Regelung müsste man konsequenterweise zu jeder Getriebeart eine Prüfung machen, so Rohrbach. Dem entgegnet Wintsch: «Wenn irgendwann nur noch Fahrzeuge mit Automatikbetriebe verfügbar sind, stimme ich der neuen Massnahme zu. Die jetzt bestehende Regelung passt jedoch für alle.» Warum in der Gegenwart eine Zukunftsvision mit «Menschen als Versuchskaninchen» ausprobiert werden solle, erschliesse sich ihm nicht. «Warum ohne Not und ohne Mehrwert für die Sicherheit etwas ändern, das funktioniert?», sagt er.

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