Betrugsvorwurf
Aargauer Erfinder im Visier der Justiz: Wie sauber liefen seine Wassergeschäfte?

Einst war Mark Lehmann aus Wohlen ein gefeierter Unternehmer, der eine günstige und umweltfreundliche Lösung zur Entsalzung von Meerwasser erfunden hatte. Nun steht seine Firma wegen Betrugsvorwürfen im Visier der Justiz – doch Lehmann wehrt sich.

Fabian Hägler
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Vor gut zehn Jahren, am 30. September 2006, stellte Mark Lehmann, Energie-Ingenieur und technischer Leiter bei der Aargauer Firma Watersolutions, an einem Energie-Apéro in Baden ein spezielles Verfahren zur Wasseraufbereitung vor. Um einen Kubikmeter sauberes Wasser zu gewinnen, brauche es anderthalb Auto-Tankfüllungen fossilen Brennstoff. Doch es gebe Alternativen, sagte der Ingenieur und stellte eine Methode vor, die sonst wertlose Abwärme nutzt.

Diese sogenannte Niedertemperatur-Mehrfachkondensationstechnik könne rund 50-grädige Abwärme oder auch Solarwärme nutzen, um in mehreren Stufen verschmutztes Wasser zu verdampfen und wieder als sauberes Wasser zu kondensieren, sagte Lehmann damals.

Kurz zuvor, am 7. August 2006, hatte Lehmann seine Firma gegründet. Zweck der Watersolutions AG laut Handelsregister: «Weiterentwicklung und Vermarktung des Wasseraufbereitungsverfahrens System IPS (ein Patent, das Lehmann 2002 eintragen liess) sowie Entwicklung, Produktion, Vertrieb und Montageüberwachung von Investitionsgütern im Bereich der Wasser- und Flüssigkeitsaufbereitung und/oder Meerwasserentsalzung.»

Markt mit grossem Potential

Ein vielversprechender Wachstumsmarkt, nach Zahlen der UNO haben etwa eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, rund vier Millionen Menschen sterben pro Jahr durch Wassermangel. Da das grösste Bevölkerungswachstum in den Regionen mit Wassermangel wie Afrika und Asien erfolgt, dürfte sich die Situation in Zukunft weiter verschärfen. Daher beschäftigen sich Forscher seit vielen Jahren mit der Entsalzung von Meerwasser. Die Ozeane stellen etwa 97 Prozent des auf der Erde verfügbaren Wasservorrats, das Potenzial für Entsalzungsanlagen ist damit riesig.

Heute ist die Watersolutions AG aber kein florierendes Unternehmen, sondern eine Firma, die im Fokus der Aargauer Justiz steht. Die az weiss, dass am 6. April dieses Jahres am Sitz der Firma in Buchs eine Hausdurchsuchung durchgeführt wurde. Die kantonale Staatsanwaltschaft bestätigt dies auf Anfrage, gibt aber keine Details bekannt. «Es ist eine Anzeige eingegangen», sagt Fiona Strebel, Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Aufgrund dieser Anzeige kam es später zur Durchsuchung. Wonach die Polizei bei der Watersolutions AG gesucht und was sie allenfalls gefunden hat, ist also unklar.

Strafanzeige wegen Betrugs

Mark Lehmann sagt auf Anfrage der az, er könne sich durchaus vorstellen, wer die Anzeige gegen ihn eingereicht habe. «Während des laufenden Untersuchungsverfahrens kann ich dazu aber nicht Stellung nehmen.» Über die Hausdurchsuchung bei seiner Firma sei er vorgängig nicht informiert worden. «Was die Polizei suchte, ist mir nicht bekannt.» Er bestätigt aber, dass die Polizei verschiedene Unterlagen mitgenommen habe.

Fiona Strebel von der Staatsanwaltschaft teilt mit, dass bei Watersolutions keine Personen verhaftet worden seien. Wer die Anzeige eingereicht hat, gibt die Sprecherin nicht bekannt, zu deren Inhalt sagt sie: «Angezeigt wurden unter anderem Betrug, unwahre Angaben über kaufmännisches Gewerbe sowie Erschleichen einer Falschbeurkundung.»

Sie erklärt, die Staatsanwaltschaft führe derzeit ein Verfahren gegen mehrere Personen aus dem Umfeld der Firma Watersolutions. «Namen geben wir keine bekannt, es gilt die Unschuldsvermutung», betont die Sprecherin. Ermittelt werde neben den angezeigten Delikten auch wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung.

Mark Lehmann sagt, er sei in seiner Funktion als technischer Leiter und Verwaltungsratsmitglied der Firma in die Strafuntersuchung einbezogen worden. Er hält fest, laut Staatsanwaltschaft beziehe sich die Untersuchung ausschliesslich auf den Zeitraum 2013 und davor. «Meines Erachtens wurden all die ‹Aktionen› aufgrund der Falschmeldung einer angeblich grossen Zahlung ausgelöst.» Er gehe davon aus, dass das Verfahren nach Ermittlung der Faktenlage eingestellt werde. Lehmann hält fest: «Aus meiner Sicht liegen keinerlei Straftatbestände vor.»

Pilotanlage in El Gouna

Was hat es mit der ominösen Zahlung auf sich, die Lehmann als Falschmeldung bezeichnet? Recherchen der az zeigen, dass sich die Watersolutions AG in den ersten Jahren nach der Gründung sehr positiv entwickelte. Lehmann erkannte das grosse Potenzial der Meerwasserentsalzung und liess seine Methode im Jahr 2008 patentieren.

Nach dem Bau mehrerer Versuchs- und Testanlagen installierte die Watersolutions AG im Jahr 2010 eine erste grössere Pilotanlage im ägyptischen El Gouna, dem ökologischen Vorzeige-
Resort des auch in der Schweiz bekannten Investors Samih Sawiris. Diese hatte eine Tagesleistung von 500 Kubikmetern oder 500 000 Litern Trinkwasser und wurde laut einem Fachartikel mit Abwärme aus Dieselmotoren betrieben.

Die Pilotanlage in El Gouna, die Wasser aus dem Roten Meer entsalzte, schien ein verheissungsvoller Start für Watersolutions zu sein. In den folgenden Jahren erhielt die Firma mehrere internationale Auszeichnungen, unter anderem einen Preis am Welt-Wasser-Gipfel 2013 in Sevilla und den H2O-Award für ihre Anlage in Ägypten, die als bestes Wasserprojekt gelobt wurde.

Mark Lehmann freute sich über die Preise und sagte im Frühling 2013, diverse Unternehmen aus aller Welt hätten sehr positiv auf die Einführung der Watersolutions-Technologie reagiert. Seine Firma sei stolz, einen Teil zu Lösungen beizutragen, um den Energieverbrauch bei der Wasserentsalzung weiter zu senken. Vorschusslorbeeren gab es also viele für die Firma – doch seither wurde es ruhig um Watersolutions. Keine grossen Aufträge für Entsalzungsanlagen, keine weiteren Erfolgsmeldungen, keine Preise bei internationalen Konferenzen.

Patent an andere Firma verkauft

War die Freude über den vermeintlichen Durchbruch verfrüht? Oder wo liegen die Gründe, dass Watersolutions seit gut drei Jahren nicht mehr aktiv ist? Eine mögliche Antwort findet sich in einem Artikel des Fachmagazins «Desalination & Water Reuse» vom Februar 2015. Das Magazin schreibt, die 2013 gegründete Firma TPTec habe Watersolutions das Patent für die Entsalzungsmethode abgekauft.

Illustriert ist der Artikel mit dem Foto der Pilotanlage von Watersolutions aus El Gouna. TPTec, eine Abkürzung für Thermal Purification Technologies Ltd, hat ihren Hauptsitz auf der englischen Kanalinsel Guernsey, ist in der Schweiz aber an der gleichen Adresse registriert wie Watersolutions, nämlich am Steinachermattweg 3 in Buchs. Und bei beiden Firmen ist Mark Lehmann laut Handelsregister in führender Position involviert: bei Watersolutions als Mitglied des Verwaltungsrats, bei TPTec als Chief Technology Officer.

Offenbar keine Investoren

Lehmann sagt auf Anfrage der az: «Die Watersolutions AG hatte 2013 die finanziellen Mittel leider nicht mehr, um die Gebühren zur Aufrechterhaltung des Patents weiter zu tragen oder einen Mitarbeiterstab zur Sicherung des Know-hows und zur Weiterentwicklung des Patents zu halten.»

Watersolutions konnte laut Lehmann die laufenden Kosten nicht mehr decken und fand keine Geldgeber, die in die Firma investiert hätten. Daher habe sich der Verwaltungsrat der Watersolutions AG – dem auch Lehmann selber angehört – schliesslich dazu entschieden, die Patentrechte zu verkaufen. Man habe sich «lange und intensiv um eine wirtschaftliche Verwertung des Patents bemüht», dies sei aber erfolglos geblieben.

15 Millionen Dollar – oder nicht?

Was Lehmann mit Watersolutions während mehrerer Jahre nicht gelang, schaffte er offenbar mit seiner neuen Firma in kurzer Zeit. Auf der Website von TPTec heisst es, man sei im September 2014 mit der Firma Metito aus Dubai eine strategische Partnerschaft eingegangen. In diesem Rahmen habe Metito eine bedeutende Investition in TPTec getätigt. Lehmann widerspricht energisch: «Diese Information ist nicht korrekt, richtig ist einzig, dass eine Partnerschaft mit der Firma Metito eingegangen wurde.»

Zwar sei in einer Zeitschrift der Betrag von 15 Millionen Dollar erwähnt worden, «das ist allerdings frei erfunden und eine Falschmeldung.» Weil gegenüber Metito die Pflicht zur Geheimhaltung bestehe, könne er dazu nicht weiter Stellung nehmen. Er betont aber, «dass der bis heute von Metito aufgewendete Betrag ein geringer Bruchteil davon ist».

Geheim ist die Investitionssumme aber keineswegs, und die Zahl stimmt auch: Metito selber gab im November 2014 auf ihrer Website bekannt, dass sie bis zu 15 Millionen Dollar in TPTec investieren wolle. Diese Firma halte das Patent für Entsalzungs- und Wasserreinigungsmethode der nächsten Generation, teilte Metito mit.

Wie wertvoll ist das Patent?

Betrachtet man die Vorgänge und die personellen Verflechtungen rund um Watersolutions und TPTec, stellt sich die Frage, warum das offenbar sehr wertvolle Patent für die Entsalzungsanlage von der einen an die andere Firma verkauft wurde – und wer davon profitierte. Ein offensichtlicher Grund, warum nicht die ursprüngliche Patentinhaberin, also die Watersolutions AG, mit der Metito eine Partnerschaft einging, um Entsalzungsanlagen zu bauen, ist nicht ersichtlich. Hat allenfalls Mark Lehmann das Patent von Watersolutions zu TPTec transferiert, dafür von Metito 15 Millionen Dollar erhalten und frühere Teilhaber ausgebootet? Lehmann widerspricht energisch: «Der Verkauf des Patents war eine notwendige Massnahme zum Schutz der Gläubiger der Watersolutions AG.»

Aufgrund der drohenden Zahlungsunfähigkeit habe die Watersolutions AG das Patent an eine Drittfirma verkauft. Mit dem Patent allein lasse sich aber wenig machen, es deckt laut Lehmann nur einen geringen Bruchteil des notwendigen Wissens ab. «Viel zentraler ist das Know-how der Mitarbeiter, ohne dies kann das Patent nicht umgesetzt werden.» Die Kommerzialisierung des Wasseraufbereitungsverfahrens gelinge nur, wenn Patent und Know-how-Träger in derselben Firma seien.

Gutachten zum Patentverkauf

«TPTec liess deshalb vor dem Kauf die Rechtslage von einer renommierten Anwaltskanzlei für Patentbelange prüfen, bevor sie das Patent ungefähr ein Jahr später von der Drittfirma übernahm», sagt Lehmann. Das entsprechende Gutachten habe klar bestätigt, dass sowohl der frühere Verkauf des Patentes durch Watersolutions als auch der spätere Kauf des Patentes durch TPTec «erlaubt sind und keinerlei Rechtsverletzung darstellen».

Lehmann hält weiter fest, vor der Meldung über die angebliche 15-Millionen-Investition von Metito in TPTec habe sich niemand für den Niedergang der Watersolutions AG, die Entlassung aller Mitarbeiter und die Entwertung des Patents interessiert. Er betont: «Die Zahlungen von Metito umfassten ausschliesslich eine befristete Übernahme der laufenden Kosten für Gehälter, Mieten und Gebühren.» Damals und bis heute seien keine Zahlungen für das Patent geleistet worden. Zudem habe Metito, abgesehen von Gehältern für geleistete Arbeit, auch nichts an Aktionäre vergütet oder bezahlt.

Noch keine Anlagen gebaut?

Unabhängig von diesem Patentstreit stellt sich die Frage, wie erfolgreich die Zusammenarbeit von TPTec und Metito ist. 2014 teilten die beiden Unternehmen mit, man wolle gemeinsam Entsalzungsanlagen in verschiedenen Märkten in Asien und Afrika installieren. Mark Lehmann wird in der Mitteilung mit dem Satz zitiert, TPTec freue sich auf die Zusammenarbeit, um gemeinsam «das Potenzial dieser innovativen Technologie voll auszuschöpfen».

Heute klingt es bei Lehmann deutlich weniger euphorisch und eher distanziert: «Metito hat meiner Kenntnis nach die Absicht, Wasseraufbereitungsanlagen zu bauen, hat bis heute aber keine gebaut.» TPTec sei dabei allenfalls beratend tätig. Metito stellte eine Antwort auf eine Anfrage der az zur Höhe der Investition in TPTec und zur Anzahl der gebauten Anlagen in Aussicht, bisher traf diese aber nicht ein.

Ausgang des Verfahrens offen

Mit seiner alten Firma scheint Lehmann derweil abgeschlossen zu haben: Auf dem Businessportal Linkedin präsentiert er sich als aktueller Technologie-Chef von TPTec, hinter der Funktion als Energie-Ingenieur bei Watersolutions steht hingegen «2003 bis 2013». Ob dieses Kapitel für Lehman tatsächlich beendet ist, ist unklar. Möglicherweise wird erst die Justiz die undurchsichtige Geschichte um die Klärung des trüben Wassers auflösen können. Wie das Verfahren ausgeht, ist laut Sprecherin Fiona Strebel aber auch über sieben Monate nach der Hausdurchsuchung offen: «Ob es zu Einstellungen, Strafbefehlen oder Anklagen kommen wird, können wir derzeit nicht sagen.»