Bis zum 21. November 2015 kannten nur wenige Menschen im Aargau Rocco Umbescheidt. Kaum jemand wusste, dass der Lehrer aus Rombach in Nepal zwei Hilfswerke gegründet hat und sich zusammen mit vielen Gleichgesinnten seit bald 20 Jahren mit grösstem Engagement um die notleidenden Menschen in Nepal kümmerte.

Das änderte sich schlagartig, als Rocco Umbescheidt am 21. November 2015 zum Aargauer des Jahres gewählt wurde. Plötzlich stand er im Rampenlicht. Er nutzte die Gelegenheit, um auf die Situation der Menschen in Nepal hinzuweisen. Und er erklärte, wie seine Hilfswerke Govinda und Shangrila helfen möchten. Die Erdbeben vom Frühjahr 2015 hatten rund 9000 Tote gefordert, die Häuser von 880 000 Menschen waren völlig zerstört.

Umbescheidt hatte sich für die beiden Hilfswerke klare Ziele gesteckt: Zuerst einmal ging es um rasche Soforthilfe für die Obdachlosen. Als nachhaltiges Projekt wollte Umbescheidt 100 neue, erdbebensichere Häuser bauen, die unter Mithilfe der Bevölkerung in den Regionen Makwanpur und Lalitpur entstehen sollten.

Preis zog mehr Spenden nach sich 

Rund 5000 Franken kostet ein Haus. Mit dem Preisgeld von exakt 5000 Franken, das dem Aargauer des Jahres zusteht, war damit zumindest ein Haus von den geplanten 100 bereits gesichert.

Haben die Menschen in Nepal sonst noch von Umbescheidts Wahl zum Aargauer des Jahres profitieren können?

«Ja», sagt Rocco Umbescheidt. «Und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht. Der Preis hat zu einem deutlich höheren Spendenfluss aus dem Aargau geführt. Ich schätze, dass wir damit etwa fünf Häuser finanzieren konnten.»

Zudem wurde Umbescheidt als Referent und Redner an Bundesfeiern, zu Firmen- und Vereinsanlässen eingeladen, wo er von der Not in Nepal und seinen Projekten erzählte und erzählen wird. So wird er auch an den Bundesfeiern in Küttigen und Lupfig die Ansprache zum 1. August halten. Besonders wichtig sei die Anerkennung, aber auch für die Teams in Nepal gewesen. «Sie haben am 15. November die Preisverleihung in der Nacht live mitverfolgt. Die Auszeichnung hat allen spürbar Auftrieb gegeben in einer fast hoffnungslosen Zeit.»

14 Monate nach dem zweiten grossen Erdbeben zieht Umbescheidt eine Zwischenbilanz. Bereits haben 53 Familien ein neues Haus beziehen können, innerhalb der nächsten vier Wochen sollen auch alle andern Häuser fertiggestellt und an die Bewohner übergeben werden, die immer auch Miterbauer sind.

Möglich gemacht haben das insgesamt 5000 Spenderinnen und Spender, die in der Schweiz, Österreich und Deutschland den Wiederaufbau in Nepal mit rund 1,3 Millionen Franken unterstützten.

436 Tage ununterbrochen im Einsatz

Grundsatz beim Wiederaufbau war, dass die einheimischen Handwerker und Ingenieure beim Erstellen der Gebäude mithalfen und dabei lernten, wie man mit den neuen Technologien erdbebensicher baut. In speziellen Ausbildungsgängen erwarben dabei auch 120 Maurer und Schreiner das staatlich anerkannte Zertifikat für erdbebensicheres Bauen. Die Arbeit war hart und streng. «Wir haben Helfer in Nepal im Einsatz, die nunmehr seit 436 Tagen ununterbrochen an der Arbeit sind», sagt Umbescheidt. Rund 400 000 Franken konnten eingespart werden, weil Bauprofis wie Statiker oder Architekten in der Schweiz und Deutschland auf Lohn verzichteten.

Einer davon ist der Sandro Agosti aus Gossau. Der Architekt betreut und begleitet den Bau von vier Schulen und 34 Häusern. Er tut dies unentgeltlich. Auch er ist seit mehreren Monaten ununterbrochen im Einsatz und pendelt zwischen der Schweiz und Nepal. Freiwillige Fachleute wie Agosti einer sei, prägten das Projekt, sagt Umbescheidt und machten durch ihre Kompetenz den Erfolg überhaupt erst möglich.

«Humanitäre Katastrophe» in Nepal

Die Situation in Nepal bezeichnet Umbescheidt als «humanitäre Katastrophe». Ein Grossteil der internationalen Hilfsgelder werde nicht eingesetzt oder nicht für die notleidende Bevölkerung verwendet. Lediglich ein Dutzend Hilfsorganisationen hätten Baubewilligungen von der Regierung erhalten; gebaut werde bisher nur wenig. Deshalb müssen Hunderttausende Menschen den Monsun in Zelten überstehen. «Viele Menschen haben notgedrungen bereits in Eigenregie begonnen, ihre Häuser wiederaufzubauen. Dies mit einfachsten Mitteln und ohne jeden Erdbebenschutz.» Angesichts des Umstandes, dass Seismologen wieder starke Erdbeben in der Himalajaregion erwarten, sei das eine «grausame Tatsache».

Der 41-jährige Umbescheidt, der an der höheren Fachschule für Gesundheit und Soziales in Aarau unterrichtet, fliegt in den Semesterferien wieder nach Nepal, um beim Abschluss des Projektes vor Ort zu sein; zum siebten Mal seit dem Erdbeben im Mai 2015 reist er in die Provinzen Makwanpur und Lalitpur. Auch Umbescheidt arbeitet seit über einem Jahr neben seiner Tätigkeit als Lehrer täglich für die beiden Hilfswerke, koordiniert, was möglich ist, von der Schweiz aus. Der Familienvater spürt die Mehrfachbelastung und ist froh, dass er sich in den Semesterferien nur um die 100 Häuser kümmern muss.

Doch die nächsten Projekte der beiden Hilfswerke warten bereits: eine Gemeindehalle, ein Bildungshaus und vier Schulen. Auch sie sollen unverzüglich realisiert werden. So, wie es seinem Leitspruch, entspricht, den er vom Schriftsteller Albert Camus übernommen hat: Leben heisst handeln.