Pflege

Aargauer bereitet Ostdeutsche Pflegerinnen auf Schweiz-Einsatz vor

Bilder: Annika Bütschi

Cindy Mothes (links), die jüngste Kursteilnehmerin, übt, einer betagten Person (hier gespielt von Carola Franke) das Essen und das Getränk einzugeben.

Bilder: Annika Bütschi

In einem Einführungskurs werden in Ostdeutschland rekrutierte Frauen von dem Unternehmen Hauspflegeservice auf die Schweiz vorbereitet. Dabei lernen sie nicht nur pfegerische Grundsätze, sonder auch eidgenössische Umgangsformen kennen.

Die schwere Holztür steht offen, im Treppenhaus kriecht einem sogleich die Kälte unter die Kleider. Eine Steintreppe führt in den ersten Stock des alten Bauernhauses. Es ist still. Die Steintreppen gehen in mit Teppich belegte Holzstufen über. Die letzte Treppe führt in den Dachstock, sie ist steil und eng. Wir öffnen die Tür zum einzigen isolierten Raum unter dem Dach. Stickige warme Luft mit leichtem Schweissgeruch durchsetzt kommt uns entgegen. Zweifellos, hier wurde in der letzten Woche viel gearbeitet, gegrübelt und diskutiert. An den Wänden hängen Blätter zu Themen wie Hilflosigkeit, Wut und Begegnung mit anders orientierten Menschen.

Vor uns sitzen zwölf Frauen und ein Mann auf Stühlen, Sesseln und am Boden. Sie schauen einen Dokumentarfilm zum Thema Demenz – «Glück im Vergessen?» Wir – die Reporterin und die Fotografin – müssen uns vorstellen. In unserem Dialekt, schweizerdeutsch. Konzentriert werden meine Worte aufgenommen, später erfahre ich: Ich wurde mehr oder weniger verstanden. Sprechen die Schweizer aber schnell, wird es für die Frauen aus Ostdeutschland – meist Sachsen – schwierig.

Die zwölf Frauen und der Mann nehmen an einem Einführungskurs des Hauspflegeservices teil, weil sie in Zukunft in der Schweiz jeweils dreiwöchige Einsätze in Haushalten betagter Menschen leisten wollen. Damit ermöglichen sie ihren Kunden ein Leben zu Hause in den eigenen vier Wänden. Der Kurs in den Bündner Bergen, in Surrein, soll sie auf ihre Einsätze vorbereiten und ist gleichzeitig auch eine Art Bewerbung. Denn erst nach dem Kurs erhalten die Teilnehmenden eine Zu- oder auch eine Absage. Der Aargauer Mario Warnke aus Suhr leitet zusammen mit Gudrun Fuchss den Einführungskurs. «Ich bin überzeugt, dass diese Art und Weise der Pflege zu Hause ein gangbarer Weg in die Zukunft ist», sagt der Pflegefachmann.

Heute ist der letzte Tag für die Bewerberinnen. Sie haben Themen wie Sterben und Tod, Begleitung von Demenzkranken, Hygiene, aber auch Gesprächsführung und Verhaltensnormen besprochen. Die Teilnehmerinnen üben Essen einzugeben und den Einstieg in die Dusche. Zudem werden sie auf die Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland vorbereitet. «Die Ostdeutschen sind sehr direkt, wir bereiten sie darauf vor, dass es in der Schweiz anders läuft», sagt Gudrun Fuchss. Sie kommt aus der Region Sachsen, hat vier Jahre selbst in der Betreuung gearbeitet und rekrutiert in Deutschland Personen für den Hauspflegeservice. In dieser Woche war sie zuständig für den Teil in der Küche. Denn nicht nur pflegerische Themen sind wichtig, sondern auch richtige und gesunde Ernährung – und die Schweizer Küche. Jeden Mittag werden die Teilnehmer in 3er-Teams aufgeteilt. Jedes Team bekommt ein Ämtli. Warme Küche, kalte Küche, Service und Abwasch – oder Pause.

Im alten Bauernhaus gibt es zwei Küchen. In der neuen Küche steht ein Induktionsherd. «Es ist wichtig, dass die Betreuerinnen im Kurs lernen, mit den Gegebenheiten vor Ort umzugehen», sagt Mario Warnke. Petra Bochmann und Gisela Haubold bereiten hier einen Vanillepudding zu. Eigentlich hätte Petra Bochmann beim Salatrüsten helfen müssen, doch das scharfe Messer fand den Weg in ihren Finger. Deshalb bereitet die dritte Frau im Team, Gertraud Bauer, den Salat selbst zu. Sie rüstet Chinakohl, Radicchio, Fenchel und Gurken, rührt die Salatsauce an. Sie ist 50 Jahre alt, Krankenschwester und arbeitet in einer Klinik in Deutschland. «Ich halte den Stress in der Klinik nicht mehr aus», sagt sie. Deshalb will sie sich in Zukunft nur noch um einen Menschen oder ein Ehepaar kümmern, dafür intensiv. Ihre zwei Kinder sind erwachsen. «Ich musste mich einfach nochmals verändern», lautet ihre Motivation. Ähnlich tönt es bei Petra Bochmann, 60 Jahre alt: «Ich bin glücklich, dass wir in unserem Alter noch gebraucht werden.»

Im Esszimmer treffen wir auf Evi Knoll und Hanna Brückner. In der Ecke wärmt der Kachelofen den kleinen Raum. Die beiden Frauen decken den Tisch. «Ich hätte in Rente gehen können, aber ich habe mich fürs Arbeitsleben entschieden», sagt Hanna Brückner. Sie ist
63 Jahre alt, die älteste Kursteilnehmerin. Ihre Kollegin Evi Knoll sagt weiter: «Ich wollte mich verändern. In Deutschland werden Frauen ab 50 Jahren einfach abgestempelt, wenn man etwas Neues machen will. Deshalb habe ich mich an den Hauspflegeservice gewendet, hier kann ich neue Erfahrungen sammeln.»

In der zweiten Küche wird derweil das «Zmittag» am Elektroherd zubereitet. Die drei Teilnehmerinnen haben Polenta zu kochen und diese dann mit Tomatensauce und Käse zu überbacken. Nur, in Deutschland kennt man Polenta nicht, die drei Frauen stehen vor einem Rätsel. Sie braten Zwiebeln an, lassen Wasser kochen. Da tönt es: «Ich kann das nicht, ich habe Angst.» Doch die drei Frauen unterstützen einander. Irgendwie kommt die Polenta zustande, ist zwar ein wenig flüssig und die Schinkenwürfeli sind in ihr anstatt in der Tomatensauce gelandet. Und genau die Sauce ist es, die die Frauen vor ein weiteres Rätsel stellt: Den Pürierstab kennen sie nicht. Die Betreuerin Gudrun Fuchss führt sie in die Benutzung des neuen Gerätes ein. Mit im Team ist die 22-jährige Ergotherapeutin Cindy Mothes. Liebevoll wird sie von den anderen Küken genannt. «Ich habe in Deutschland keine Arbeit gefunden», sagt sie. Deshalb versuche sie es jetzt im Hauspflegeservice. Für sie ist es ein Abenteuer, sie will in der Schweiz Erfahrungen sammeln und ein neues Land kennen lernen.

Das Essen schmeckt vorzüglich, obwohl das Team ein wenig improvisiert hat. Dass der Schinken am falschen Ort gelandet ist, merkt niemand. Es wird diskutiert über die vergangene Woche, denn schon heute Nachmittag müssen sie sich von jemandem verabschieden. Susanne Pröger wird für ihren ersten Einsatz mit dem Zug nach Wetzikon fahren. Dort wird sie ein älteres Ehepaar betreuen. Zuvor hat sie in einem deutschen Pflegeheim als Krankenschwester gearbeitet, doch «der Stress war zu gross, ich hatte keine Zeit für die Patienten, die Ruhe hat gefehlt».

Nach der Mittagspause schreibt jeder jedem auf ein weisses Papier ein persönliches Feedback – ein positives. Bald müssen die Teilnehmerinnen ans Nach- Hause-Gehen denken und auf den Entscheid warten, ob sie in Zukunft im Hauspflegeservice in der Schweiz arbeiten können oder nicht. Gudrun Fuchss erklärt das weitere Programm: der Besuch in einer Schnapsdestillerie und das Zubereiten von Vermicelles mit Meringues. Vermicelles? Fragende Blicke. Schulterzucken. Ein Raunen geht durch die Gruppe.

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