Reinach
Aargauer Autist und Buchautor: «Mauern gibt es nur im Hirn»

Kai Hilpert, ein Mensch mit Autismus und Verfasser eines Gedichtbandes, spricht über innere Bilder und das Problem, dass seine Gedanken verloren gehen, wenn er sich nicht unmittelbar mitteilen kann.

Rahel Plüss
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Claudia Bischofberger ist Gruppenleiterin der Werkstatt Holz & Wort und unterstützt Kai Hilpert, sich mittels Kommunikationstafel mitzuteilen. Chris Iseli

Claudia Bischofberger ist Gruppenleiterin der Werkstatt Holz & Wort und unterstützt Kai Hilpert, sich mittels Kommunikationstafel mitzuteilen. Chris Iseli

Chris Iseli

Während der Primarschule erhielt Kai Hilpert die Diagnose Autismus. Heute, als 47-Jähriger, ist er Buchautor. Vor wenigen Wochen ist im Wolfbach-Verlag sein erster Gedichtband erschienen: «Mauern gibt es nur im Hirn».

Kai Hilpert ist anders. Er hat eine eigene Wahrnehmung und ein eigenes Denken. Auch seine Art zu kommunizieren ist eigen. Er redet nicht. Nur durch die Methode der gestützten Kommunikation (siehe Box) ist es ihm möglich sich mitzuteilen. Dafür ist er auf Hilfe angewiesen.

Kai Hilpert arbeitet seit 2005 in der Stiftung Lebenshilfe in Reinach. In der Werkstatt «Holz & Wort» gestaltet er mit seinen Texten Möbel und andere Objekte mit. Seine Arbeit fiel auf. Die Idee entstand, die Texte zusammenzufassen und zu veröffentlichen. Ein Verlag konnte gewonnen werden.

Kai Hilpert hat ein Buch geschrieben. Warum? Welches sind seine Inspirationsquellen und was denkt er über seine Leserschaft? Die Antworten sind überraschend: Ungefiltert. Klar. Zuweilen poetisch. Lakonisch. Seine Selbstsicherheit und die Schärfe seiner Worte stehen im krassen Gegensatz zu seiner umständlichen Art der Kommunikation und Hilflosigkeit im Alltag. Er «spricht» mit einer Überzeugungskraft, die wenig Spielraum für Kompromisse lässt. Mit seinem Zeigefinger peilt er die Buchstaben auf der Tafel in einer Geschwindigkeit und Vehemenz an, die Zweifel an der Methode ausräumen.

Kai Hilpert, warum schreiben Sie?

Ich schreibe, um Impulse zu geben. Ich schreibe Texte, die anregen – nur in Fragmenten oder ganze Gedichte. Ich will so meine Gedanken weitergeben.

Was sind das für Gedanken?

Die Themen drehen um das Leben, das Sein und das Sterben. Ich habe eine grosse Fülle an Bildern in mir, die ich auf diese Art auf Papier bringe.

Woher kommen diese Themen?

Es sind Themen, die in mir oder im Raume stehen. Ich kann Gedanken erhaschen. So stelle ich fest, was gerade ein Thema ist.

Was ist jetzt gerade Thema?

Ich schreibe über Stimmungen in meinem Umfeld. Im Moment, in diesem Raum wären dies die Themen «Unsicherheit» und «halb gesund».

Wie ist es, wenn man seine Worte immer erst aus dem Mund einer anderen Person hört?

Das ist für mich normal, aber es ist nicht gleich, wer mich stützt. Es gibt auch hier sympathische Stimmen und andere. Nicht immer kann ich bestimmen, wer mich stützt.

Sie können sich nicht verbal äussern: Welche Bedeutung hat das geschriebene Wort für Sie?

Es ist ein Tor zur Aussenwelt. Immer bin ich innen. Mit dem Schreiben komme ich für Augenblicke raus aus meinem Alleinsein.

Wie ist die Idee mit dem Buch entstanden?

Die Idee entstand aus dem vielen Schreiben mit mir. Ich wurde aufgefordert, Texte zu gewissen Produkten zu schreiben. Viele Leute haben auf meine Texte sehr positiv reagiert.

Wenn Sie spontan einen Einfall, einen Gedankenblitz haben, können Sie ihn ja nicht einfach kurz notieren. Wie gehen Sie damit um?

Ich werde in der Werkstatt immerfort dazu aufgefordert zu schreiben, oder ich stehe einfach vor einen Menschen als Signal, dass ich etwas sagen möchte. Auch kann ich vor eine Schreibtafel stehen. So erkennen sie, was ich will.

Das heisst, Sie müssen sich alles merken?

Nein, merken geht nicht. Es geht viel verloren. Nur in unmittelbarer Nähe (von Gedanke und Schreibtafel) funktioniert es.

Woher holen Sie sich Inspiration?

Das ist alles in mir gewachsen. Mein ganzes Denken ist philosophisch. Ich ernte bloss noch.

Der Verleger hat Ihre Texte gelesen und Sie mussten sie zum Teil überarbeiten. Das war neu für Sie, oder?

Ja. Und das war sehr schwierig für mich – schon fast gewaltig schwer. Ich kann Texte schlecht noch einmal anschauen. Es war Knochenarbeit. Ich möchte nicht gleich wieder mit einer solchen Arbeit konfrontiert sein.

Was hat es so schwierig gemacht?

Das ist nicht mein Ding. Ich sage etwas und fertig. Mein Ego, auch mein Unvermögen dranzubleiben standen mir im Weg. Ich texte, dann gehe ich weiter. Ich will mich nicht mit Korrekturen aufhalten. Ich habe keine Zeit dafür.

Hat sich der Aufwand gelohnt?

Ich finde es genial, dass ich diese Arbeit machen konnte. Ein Traum ging in Erfüllung und ich bin sehr stolz. Aber ich bin auch noch erschöpft davon.

Machen Sie sich Gedanken über Ihre Leser, wenn Sie schreiben?

Nein, so weit denke ich nicht. Lesen ist für jeden Menschen interessant, egal was er tut und denkt. Da gibt es keine Einschränkung für mich.

Haben Sie Erwartungen an die Leser? Was meinen Sie mit Schubladen?

Wenn Sie mich nach meinen Lesern fragen, denken Sie in Schubladen. Ich schreibe für interessierte Menschen, interessiert am Leben, am Sein und am Sterben.

Was bedeutet es für Sie, dass Ihre Texte und damit auch Sie selber in den Fokus der Öffentlichkeit kommen?

Das kann ich nicht abschätzen. Ich bin einfach gespannt, was da alles auf mich zukommt. Vor der Lesung im TaB habe ich grossen Respekt, aber ich spüre auch eine sehr grosse Vorfreude.

Lesung: Remi Büttler liest am 7. Mai, 19.30 Uhr, im TaB Reinach aus «Mauern gibt es nur im Hirn». Anschliessend beantwortet der Autor Fragen.