Abfall-Philosophie
Aargauer Atommüll auf dem Meeresgrund wird nicht mehr überwacht

Vor 40 Jahren wurden die schwach- und mittelaktiven Abfälle aus dem Zwischenlager Würenlingen verklappt und in Güterzügen nach Holland gefahren. 5341 Tonnen radioaktiv strahlende Abfälle aus der Schweiz wurden von 1969 bis 1982 im Meer versenkt.

Hans Lüthi
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Bis 1982 jährlich im Bahnhof Station Siggenthal: Startbereiter Zug mit schwach radioaktiven Abfällen. Hans Lüthi

Bis 1982 jährlich im Bahnhof Station Siggenthal: Startbereiter Zug mit schwach radioaktiven Abfällen. Hans Lüthi

Auf dem Bahnhof Station Siggenthal stand der Güterzug mit der heissen Fracht bereit, ungeschützt gegen Wind und Wetter – gegen neugierige Blicke sowieso. Die schwach- bis mittelradioaktiven Abfälle, verpackt in schwere Betonbehälter oder einbetoniert in Fässer.

Die Diskussionen um die sichere Entsorgung des strahlenden Mülls reichten von der Fixierung im Ton über Verdünnung, Versickerung bis zur heute angestrebten geologischen Endlagerung. Bei der Meeresversenkung beteiligte sich die Schweiz an einer internationalen Aktion, die von England aus koordiniert wurde. Noch 1975 gründeten die Vereinigten Staaten, England, Frankreich und Deutschland ein Projekt für die Entsorgung im Meeresuntergrund. Aber die Pläne scheiterten.

Nur 40 Prozent der Atomabfälle stammten aus den Atomkraftwerken, denn Beznau 1 nahm seinen Betrieb ja erst im Spätherbst 1969 als erstes Schweizer AKW auf. Als Sammler der Abfälle und Absender des Atommülls trat das Eidgenössische Institut für Reaktorforschung (EIR) in Würenlingen auf – Vorgänger des heutigen Paul-Scherrer-Instituts (PSI). Zu seinem 25. Geburtstag im Jahr 1980 feierte das EIR den zehnten Transport von radioaktiven Behältern nach Holland.

Dort sind die Abfälle verschifft und weit draussen im Atlantik an drei Standorten für alle Zeiten versenkt worden. Bedingung: 700 Kilometer von den Küsten Irlands, Frankreichs und Spaniens entfernt und in einer Tiefe von 4400 Metern.

Wird die Aargauer Regierung die Fässer bergen?

Die Versenkung von schwach- und mittelradioaktiven Abfällen im Meer ist auch Inhalt einer Interpellation im Aargauer Grossen Rat: AKW-Gegner Martin Christen (SP, Spreitenbach) geht davon aus, die Atomkraftwerke Beznau 1 und Beznau 2 hätten alle Abfälle geliefert. Von ihnen kamen aber nur 40 Prozent, 60 Prozent lieferte der Bund aus dem Eidgenössischen Institut für Reaktorforschung (EIR) und aus Medizin, Industrie und Forschung.

In seinen zehn Fragen will Christen u. a. wissen, ob kein hochaktives Material versenkt worden sei und in welchem Zustand sich die Fässer und Behälter heute befinden. Die Regierung befragt er, wie sie die Strategie beurteile und die Aktionen von Greenpeace dazu. Ob ohne die Umweltorganisationen nicht noch mehr Atommüll im Meer versenkt worden wäre und warum man im Aargau die Spenden nicht von den Steuern abziehen könne.

Schliesslich will Christen wissen, ob die Regierung bereit sei, «sich für die Bergung und die möglichst sichere Endlagerung dieser Atommüll-Fässer einzusetzen?». Der Aargau trage «eine Mitverantwortung an dieser skandalösen und unverantwortlichen Meeresverschmutzung». (Lü.)

«Insgesamt sind allein aus der Schweiz 5341 Tonnen in 7420 Fässern und Behältern verklappt worden», schreibt der dazu befragte Ensi-Sprecher David Suchet. Mit über 43 Prozent lieferte das EIR die meisten radioaktiven Abfälle, aus Industrie, Medizin und Forschung stammten knapp 17 Prozent.

Aus den Augen, aus dem Sinn entsprach der damaligen Abfall-Philosophie, Müll wurde überall in Geländemulden gefüllt und überdeckt, Munition in die Schweizer Seen versenkt, Sondermüll in Kölliken vermeintlich endgelagert. Wie es den Fässern und Betonklötzen heute in den Tiefen des Meeres geht, weiss niemand wirklich. Weder Ensi, noch die Nationale Genossenschaft für radioaktive Abfälle (Nagra), können die Frage schlüssig beantworten.

Auch Marianne Zünd, Sprecherin im Bundesamt für Energie, weiss es nicht. Sie verweist auf ein internationales Überwachungsprogramm, das mit Schweizer Beteiligung durchgeführt wurde. Fazit dazu gemäss Ensi: «Die Versenkungen haben zu keinen unzulässigen Strahlenbelastungen geführt.» Nur schwache individuelle und kollektive Strahlenexpositionen haben die Experten auch für die Meeresfauna registriert.

Aus diesem Grund hat die Nuclear Energy Agency der OECD die Überwachung nach dem beschlossenen Verbot für weitere Versenkungen aufgegeben. «Über 99,9 Prozent des Gewichts entfielen auf Beton- und Stahlverpackung», betonen die Fachleute. Das eingelagerte Tritium stammte primär aus der Produktion von Leuchtfarben und Ionisationsmeldern.

Die unglaubliche Sorglosigkeit jener Aufbruchzeit dokumentiert sich in einem weiteren Alternativszenario. Eine Arbeitsgruppe des Bundes für die nukleare Entsorgung hat die Meeresversenkung und die Optionen festgehalten. Die Experten stellten sich die Frage, ob man die radioaktiven Abfälle nicht am besten ins Weltall schiessen würde, «weit weg vom Lebensraum der Menschen»? Die Alternative sei nicht weiterverfolgt worden, begründet mit dieser Rechnung: Bei 435 Reaktoren in 30 Ländern fallen pro Jahr rund 12 000 Tonnen hoch radioaktive Abfälle an. Bei 1,5 Tonnen Nutzlast wären 8000 Raketenstarts nötig, um die Abfälle im Weltraum entsorgen zu können. Weil es aber immer wieder zu Fehlstarts komme, müsste man mit zwei Prozent Ausfallquote rechnen.

Fazit: Bei 160 Fehlstarts würden 240 Tonnen des hochaktiven Mülls wieder auf die Erde zurückfallen. Gott sei Dank gibt es keine perfekten Raketen, kann man da nur anfügen. Die Antarktis ist auch kein Thema mehr, nur die geologische Endlagerung biete einen unbeschränkten Schutz für Mensch und Umwelt. Vorerst fehlt der gesuchte Standort noch. Bis das Tiefenlager fertig ist, kommen alle radioaktiven Abfälle ins Zwilag Würenlingen.

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