Tarmed
Aargauer Ärzte lehnen Tarif-Vorschläge aus Bern ab: «Rein finanz- und nicht gesundheitspolitisch»

Ärzteverband kritisiert Anpassungen am Ärztetarif als nicht sachgerecht und bringt einen eigenen Vorschlag.

Noemi Lea Landolt
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Der Aargauische Ärzteverband fordert: Der Bundesrat solle den Tarifeingriff zurücknehmen und stattdessen mit den Ärzten an einen Tisch sitzen.

Der Aargauische Ärzteverband fordert: Der Bundesrat solle den Tarifeingriff zurücknehmen und stattdessen mit den Ärzten an einen Tisch sitzen.

KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER

Jeder denkt vom anderen, er verfolge nur die eigenen Interessen. Und jeder denkt von sich selber, dass das nicht wahr ist. Am Ende ist es unmöglich, eine mehrheitsfähige Lösung zu finden.

So geschehen bei der Revision des Ärztetarifs Tarmed. Zwar wissen alle Beteiligten, von den Ärzten über die Krankenkassen bis zu den Spitälern, dass der Tarif für medizinische Leistungen dringend angepasst werden muss.

Er ist nicht mehr zeitgemäss und wird dem technischen Fortschritt zu wenig gerecht. Aber anstatt sich zu finden, haben sich die Tarifpartner zerstritten. Das führte dazu, dass sich der Bundesrat der Sache angenommen hatte.

Ende März präsentierte Gesundheitsminister Alain Berset die Anpassungen, welche die Transparenz erhöhen, Fehlanreize reduzieren und den Tarmed sachgerechter machen sollen. Die Vernehmlassung endete gestern. Das sind die wichtigsten Änderungen:

  • Leistungen sollen nicht mehr nach der unterschiedlichen Dauer der Weiterbildung der Ärzte bewertet werden, weil heute die Ausbildungsdauer für alle Facharzttitel fünf bis sechs Jahre betrage. Bisher hatten Spezialisten mehr erhalten als Grundversorger wie Hausärzte.
  • Bei Computertomographie (CT)- oder Magnetresonanztomographie (MRI)-Untersuchungen will der Bundesrat die Zeit für die Leistung ganz streichen, weil der Arzt bei diesen Untersuchungen in der Regel nicht anwesend sei. Auch bei anderen Leistungen wird der Zeitfaktor gesenkt, weil sich die Behandlungszeiten deutlich verkürzt hätten – unter anderem wegen des technischen Fortschrittes.
  • Leistungen in Abwesenheit des Patienten, wie zum Beispiel das Aktenstudium oder Erkundigungen bei Dritten, will der Bundesrat transparenter machen und limitieren. Für jede mögliche Leistung soll eine separate Tarifposition eingeführt werden.

Der Bund will mit diesen Massnahmen rund 700 Millionen Franken pro Jahr sparen – zugunsten der Prämienzahler.

Die Vorschläge aus Bundesbern stossen beim Aargauischen Ärzteverband auf wenig Gegenliebe. «Dass die Dauer der Weiterbildung keine Rolle mehr spielen soll, ist für uns kein gangbarer Weg», sagt Jürg Lareida, Präsident des Aargauischen Ärzteverbandes.

Dasselbe gelte für die Berufserfahrung. «Mit seinem Vorschlag verlangt der Bundesrat von den Ärzten, dass sie bereit sind, keine Chance auf eine Zunahme des Einkommens zu haben, obwohl die Ärzteeinkommen schon seit Jahrzehnten eingefroren sind.»

Auch bei der Streichung der Leistungen bei den MRI- und CT-Untersuchungen, denke der Bundesrat zu kurzfristig: «Hier wird nur die Kostensenkung angeschaut und nicht die Kostensteigerung im Personalbereich.» Der Ärzteverband argumentiert, dass eine medizinische Praxisassistentin heute 35 Prozent mehr verdiene als 1994. «Die steigenden Löhne müssen miteingerechnet werden, wenn man über die Streichung oder Senkung des Zeitfaktors bei einer Leistung diskutiert», sagt Lareida.

Am Schluss leiden Patienten

Unter dem Vorschlag, die Leistungen in Abwesenheit des Patienten zu limitieren, würden vor allem Grundversorger und Psychiater leiden. Gespräche mit Angehörigen oder Besprechungen mit der Spitex würden unmöglich oder müssten gratis geleistet werden: «Das ist inakzeptabel», sagt Lareida.

Gemäss Ärzteverband muss davon ausgegangen werden, dass die Behandlung deshalb «drastisch verschlechtert, wenn nicht sogar verunmöglicht wird».

Zusammenfassend kritisiert der Aargauische Ärzteverband den Eingriff des Bundesrates als «undifferenziert und nicht sachgerecht». Die effektiven Kosten würden nicht berücksichtigt. «Das Thema wird rein finanzpolitisch und nicht gesundheitspolitisch angeschaut», sagt Lareida. Der Bundesrat solle den Tarifeingriff zurücknehmen und stattdessen mit den Ärzten an einen Tisch sitzen.

Die Ärzteverbindung FMH hat nach dem Streit mit den Tarifpartnern letztes Jahr entschieden, einen eigenen Vorschlag zu erarbeiten. Bis Ende Jahr soll er vorliegen und 2019 umgesetzt werden. Auf Gegenliebe wird der Vorschlag bei den Krankenkassen nicht stossen: «Aber vielleicht entsteht eine neue Diskussionsgrundlage», sagt Lareida.

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