Medizin

Aargauer Arzt forscht auf «Diabetes-Insel» im Indischen Ozean

Lukas Villiger (rechts) setzt in Rodrigues auf Hilfe zur Selbsthilfe im Kampf gegen Diabetes. ZVG

Lukas Villiger (rechts) setzt in Rodrigues auf Hilfe zur Selbsthilfe im Kampf gegen Diabetes. ZVG

Der Diabetes-Spezialist Lukas Villiger aus Baden-Dättwil will wissen, weshalb die Krankheit auf der Insel Rodrigues im Indischen Ozean so häufig vorkommt. Mit seinem Hilfswerk hat er bereits erste Erfolge erzielt.

Was Fragen rund um Diabetes anbelangt, ist der Diabetologe Lukas Villiger im Aargau schon fast eine Institution: Nach seinem Grossvater und Vater führt er in dritter Generation eine Spezialpraxis in Baden-Dättwil, seit Jahren berät er betroffene Menschen aus der Region.

Und das tut not: Fast 500 000 Menschen in der Schweiz sind von Diabetes betroffen, und es werden rasant mehr. Die häufigste Variante ist Diabetes Typ 2, fast 90 Prozent der Betroffenen leiden an dieser Form. Das ist der frühere «Altersdiabetes», der jedoch immer häufiger auch jüngere Personen oder gar Kinder betrifft.

Genug Arbeit also für den Diabetologen Villiger. Dennoch hat er sein Tätigkeitsfeld ausgedehnt: Seit ein paar Jahren forscht er auf der Maskareneninsel Rodrigues, einer kleinen autonomen Nachbarinsel von Mauritius im Indischen Ozean. «Unser Diabetesteam entschied 2011, ein Drittwelt-Projekt zu starten», erklärt er. «Rodrigues ergab sich, weil eine von dort stammende in der Schweiz verheiratete Patientin zu mir in die Behandlung kam.»

Die Frau war die bekannte Leichtathletin Bearda Augustin, und sie litt nicht nur selber an einer seltenen Diabetesform, sondern sie erzählte Villiger, auf ihrer kleinen Heimatinsel (gerade mal 10 auf 20 Kilometer gross) seien zahlreiche Menschen davon betroffen. Villiger horchte auf und beschloss kurzerhand, selber dorthin zu reisen.

Seine Analysen bestätigten erschreckende Zahlen: «Von den 40 000 Einwohnern von Rodrigues sind 15 Prozent aller über 20-Jährigen von Diabetes Typ 2 betroffen.» Und: «In den letzten zehn Jahren hat sich die Verbreitung von Diabetes auch auf Rodrigues verdoppelt.» Zum Vergleich: Bei uns sind ungefähr sieben Prozent der über 20-Jährigen betroffen, also gerade mal halb so viel wie auf Rodrigues.

Die Ursache für diese Häufung auf der Insel, sagt der Diabetologe, liege zu einem grossen Teil in den Genen: «Die ersten wenigen Bewohner trugen die Veranlagung wahrscheinlich bereits in sich.» Bei Inselvölkern werden Krankheitsgene stark weitervererbt, weil sie wenig Kontakt zur Aussenwelt haben. «Vorbeugend können wir bei Genen nichts verändern», sagt Villiger. Stattdessen konzentriert er sich nach der ersten Forschungsphase auf Aufklärung und Schulung. Der kreolischen Bevölkerung steht nur ein einziges Krankenhaus mit wenig Infrastruktur zur Verfügung, niedergelassene Ärzte gibt es nicht, und indische Ärzte von der Hauptinsel sind jeweils nur für kurze Zeit auf Rodrigues.

Immerhin: «Es fehlt zum Glück nicht an Insulin – dieses kann von Mauritius in genügender Menge geliefert werden», sagt Diabetologe Villiger. «Aber es fehlt an medizinischem Wissen und medizinisch geschulten Fachleuten.» Hier tritt der Schweizer Arzt mit seinem Hilfswerk «Stark gegen Diabetes» in Aktion. Dieses bildet lokales Gesundheitspersonal aus, informiert und knüpft Betreuungsnetzwerke. Und seit der Autonomie 2002 lassen sich auch zunehmend kreolische junge Ärzte ausbilden, ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft.

Eine weitere wichtige Aufgabe sieht Villiger in der Aufklärung: «Die Leute müssen den Zusammenhang von Ernährung und Bewegung zu ihrer Krankheit kennen», sagt er. Das ist besonders wichtig angesichts der Entwicklungen im Land. In den Siebzigerjahren gab es auf der Insel kaum Verkehr und asphaltierte Strassen, alle bewegten sich zu Fuss fort. Auch heute leben noch 80 Prozent der Inselbewohner als Bauern und Fischer, sie ernähren sich hauptsächlich von selbst angebautem Maniok, Süsskartoffeln, Reis, Gemüse und Fisch und sind meist zu Fuss oder mit Bussen unterwegs. Aber: «Der westliche Lebensstil mit Süssgetränken, TV und Autos hält auch auf Rodrigues Einzug», sagt Villiger. «Die Folgen werden wegen der genetischen Häufung dieser Veranlagung verheerend sein.»

Einen ersten Teilerfolg erreichte das Hilfswerk bereits: Bisher starben Menschen mit Diabetes Typ 1 (eine Autoimmunerkrankung, bei der die Insulin produzierenden Zellen vom Immunsystem des Körpers zerstört werden) bereits in jungen Jahren. Inzwischen hat das Team des Hilfswerks alle Kinder und ihre Familienangehörigen geschult. Jetzt haben sie eine gute Chance auf ein fast normales Leben.

«Wir wollen vor allem helfen, den dortigen Menschen den Umgang mit Diabetes zu erleichtern», fasst Villiger zusammen: «Und zwar mittels Hilfe zur Selbsthilfe.» Damit das Projekt erfolgreich weitergeführt werden kann, sucht Villiger noch weiter Unterstützung in Form von Spenden oder einer Mitgliedschaft.

Infos zum Hilfsprojekt Rodrigues unter www.praxisvilliger.ch

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