Draussen auf dem Hof stört einzig der krähende Hahn die ländliche Ruhe, drinnen am Küchentisch des elterlichen Bauernhofs erzählt Mirjam Markwalder von den vergangenen neun Monaten, die sie 2700 Kilometer Luftlinie entfernt von ihrer Heimat Würenlos verbrachte.

Im Libanon stand die 39-Jährige für die Non-Profit-Organisation Médecins Sans Frontières (MSF) als medizinische Teamleiterin im Einsatz und versorgte mit ihren 60 Mitarbeitern syrische Flüchtlinge.

Schätzungsweise 1,5 bis 2 Millionen Menschen sind vor dem Krieg ins Nachbarland geflüchtet, wo sie nun unter zum Teil prekären Bedingungen leben. Der kleine Staat am Mittelmeer hat so viele Flüchtlinge pro Einwohner aufgenommen wie kein anderes Land der Welt – rund ein Viertel der Bevölkerung machen sie aus.

Die Folgen seien überall zu sehen, sagt Markwalder und zeigt aus dem Fenster. «Auf kleinen freien Flächen wie dort drüben bauen sie sich selbst eine improvisierte Unterkunft aus Blachen oder Holz.» Im Winter sei es ohne Ofen extrem kalt, im Sommer drückend heiss. Besonders angespannt sei die Lage für nicht registrierte Flüchtlinge, die weder arbeiten dürfen noch Anspruch auf eine Unterkunft haben. «Diese Menschen können sich nur knapp ihr Essen kaufen.» Markwalder und ihr Team sorgen dafür, dass sie zumindest medizinische Behandlung und Medikamente erhalten. 10 000 Konsultationen sind es in den vier Kliniken, die MSF im Libanon betreibt, Monat für Monat – kostenlos.

Kommen chronisch Kranke wie Asthmatiker oder Diabetiker nicht an ihre Medikamente, kann dies schnell lebensgefährlich werden. Entsprechend wichtig ist die Hauptaufgabe der ausgebildeten Pflegefachfrau: Die Medikamente dürfen nicht ausgehen, die Vorräte müssen bis zu neun Monate reichen. Daneben: tägliche Sitzungen, Visiten in den Kliniken, Verantwortung für 60 Mitarbeitende.

Ein Stück Normalität

Hin und wieder sucht die Würenloserin das passende Wort in Deutsch – im Einsatz wird Französisch oder Englisch gesprochen. Erst seit wenigen Wochen ist sie wieder zurück in der Schweiz. «Nach der Rückkehr von einem Einsatz brauche ich jeweils Zeit, um wieder herunterzufahren.» In den Bergen beim Wandern und Klettern gelingt ihr dies am besten. Oder auf dem Bauernhof ihrer Eltern, wo sie während der Zeit zwischen den Einsätzen wohnt und mithilft. Für das Fotoshooting setzt sie sich auf den Lamborghini-Traktor, posiert vor dem Oldtimer. Plötzlich rennt sie los, scheucht zwei Hühner aus der Scheune, die dort Katzenfutter fressen wollen. In der Ecke steht der Mostfritz, mit dem sie am Vortag mit ihren Gottenkindern die Äpfel gepresst hat. Ein Stück Normalität, das gelegen kommt nach den anstrengenden Monaten, in denen vieles anders lief als gewohnt. «Wenn ich zurück bin, merke ich erst, wie streng der Einsatz war. Hier ist das Leben viel stabiler, dort geht alles ständig auf und ab», sagt Markwalder und zeichnet mit dem Zeigefinger eine Zickzacklinie in die Luft. In einem Newsletter an Familie und Freunde schreibt sie jeden Monat auf, was sie beschäftigt, ärgert, freut. Das hilft ihr dabei, die vielen Eindrücke zu verarbeiten. «Ein wenig abladen», wie sie es nennt. Denn was sie erlebt, ist nicht immer leicht zu ertragen. Mirjam Markwalder erzählt von Gesprächen mit Flüchtlingen, für die Krankheiten nicht das drängendste Problem sind. «Das fährt mir besonders ein. Wie schlecht muss es jemandem gehen, dass die Gesundheit nicht mehr das Wichtigste ist?», fragt sie. Ihren Job könne nur machen, wer physisch und psychisch gefestigt ist.

Dazu kommt die Gefahr. MSF-Mitarbeiter sind in den meisten Krisenregionen der Welt tätig und immer wieder auch selbst unter Beschuss geraten – 14 von ihnen starben etwa im letzten Jahr bei einem Luftangriff in Afghanistan. Mirjam Markwalder arbeitete vor einiger Zeit im Südsudan, erlebte dort, wie innert zweier Wochen 60 000 Menschen vor dem Krieg flohen und hörte die Schiessereien und Bombenangriffe in der Nähe. Dennoch sagt Markwalder: «Angst habe ich nie.» Weil sie so viel Arbeit habe, könne sie die Gefahr gut ausblenden. Das fällt Markwalders Eltern schwerer. Zumindest zu Beginn ihrer Karriere bei der Hilfsorganisation hätten sie Mühe gehabt, wenn ihre Tochter zum nächsten Einsatz flog. «Sie mussten lernen, damit umzugehen.» Von sich selbst sagt die Würenloserin, für sie sei es kein Problem, alles hinter sich zu lassen und zum nächsten Einsatz zu fliegen. Sie schnippt mit dem Finger: «Schnitt und man ist dort.»

Erst Berge, dann Beirut

Seit ihrem ersten Einsatz vor acht Jahren in Niger war Mirjam Markwalder in Guinea, Südsudan, im Kongo, in Kamerun und bis vor kurzem im Libanon. Ihr Ziel stand für Mirjam Markwalder schon früh fest: im Ausland arbeiten für eine Hilfsorganisation. Dazu beigetragen haben die Geschichten, die ein Cousin ihrer Mutter zu Hause erzählte – ein ehemaliger Generaldirektor des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Nach der Ausbildung zur Pflegefachfrau besuchte sie die Hebammenschule in Zürich, absolvierte Tropenkurse in Basel und arbeitete einige Jahre in der Pflege, bevor sie sich bei Médecins Sans Frontières in Genf meldete.

Bis Ende Jahr hat Mirjam Markwalder nun Ferien, die sie in Würenlos und in den Bergen verbringen wird. Danach will sie in Beirut Arabisch lernen und irgendwann wieder in den Einsatz, wohin, weiss sie noch nicht. «Solange ich Freude daran habe, werde ich weitermachen.»