Das Angebot tönt verlockend: «Sparen Sie bei Medikamenten», verheisst der Titel des Schreibens, das die Krankenkasse ÖKK kürzlich an Versicherte verschickt hat. Mit Broschüre und Wettbewerb (Hauptgewinn: ein «Stressless-Sessel») wirbt der Krankenversicherer für die Online-Apotheke «Zur Rose». Die Medikamente würden «sicher und einfach nach Hause geliefert». Und: ÖKK-Kunden profitieren von Rabatten bis zu 10 Prozent. Wer mit einem Dauerrezept einkauft, erhält obendrauf eine Migros-Geschenkkarte. Wert: 50 Franken.

«Der Migros-Einkaufsgutschein ist ein Willkommens-Geschenk an unsere Kunden», teilt «Zur Rose»-Sprecherin Pascale Ineichen auf Anfrage mit. Ein Geschenk, das nicht überall willkommen ist. «Das Vorgehen solcher Krankenkassen ist für uns Apotheker ein Affront, weil er dem Anspruch, Patienten optimal zu versorgen, diametral widerspricht», sagt Stephanie Balliana-Rohrer, Sprecherin des Schweizerischen Apothekerverbands Pharmasuisse, auf Anfrage. Dabei wüssten die Krankenkassen, dass die Betreuung durch Apotheker die Therapietreue ihrer Versicherten verbessern könnte. «Therapietreue Patienten kosten die Versicherer und damit die Allgemeinheit viermal weniger als solche, die beispielsweise ihre Medikamente nicht in der richtigen Dosis, nicht im richtigen Intervall oder gar nicht einnehmen.»

Am offensiven Werben von Krankenkassen stört sich Lukas Korner, Präsident des Aargauischen Apothekerverbands. Korner erzählt von Kunden seines Geschäfts in Gränichen, die sich verpflichtet fühlten, Medikamente online zu kaufen. Von verunsicherten Kunden berichtet auch FDP-Grossrätin Martina Sigg, die in Schinznach-Dorf eine Apotheke führt: «Einige Leute sind besorgt, weil sie die Kosten nicht unnötig in die Höhe treiben wollen.»

FDP-Grossrätin Martina Sigg berät eine Kundin in ihrer Apotheke. (Archiv)

FDP-Grossrätin Martina Sigg berät eine Kundin in ihrer Apotheke. (Archiv)

Ein Viertel der Apotheken in Gefahr

Die Krankenkasse ÖKK erklärt ihren Aufruf damit, dass sie darauf habe hinweisen wollen, wie die Versicherten mit dem Medikamentenbezug bei einer Versandapotheke sparen können. Sprecher Bruno Schatz: «Es geht uns im Fall der Kommunikation zur Versandapotheke ‹Zur Rose› darum, eine Alternative aufzuzeigen.» Die ÖKK pflege mit der Online-Apotheke eine Kooperation. Für die gegenseitigen Kommunikationsdienstleistungen fliesse indes kein Geld.

«Zur Rose»-Sprecherin Pascale Ineichen sagt, Versandapotheken würden dabei helfen, die Gesundheitskosten zu senken. Nach eigenen Angaben sind die rezeptpflichtigen Medikamente bei der Onlineapotheke durchschnittlich 12 Prozent günstiger. Apotheker Lukas Korner zweifelt daran, dass sich auf diese Weise Geld sparen lasse. Nicht alles sei online günstiger, ausserdem sei bei einer Versandapotheke die Gefahr grösser, dass Medikamente weiter verschickt würden, obwohl die Patienten diese schon längst nicht mehr einnehmen würden.

Fest steht: Der Druck auf die Apotheker steigt, die Online-Konkurrenz holt auf. Rund jedes zehnte verschreibungspflichtige Medikament wird mittlerweile über Versandapotheken verkauft. Ein Markt mit Wachstumspotenzial; das Ostschweizer Unternehmen schreibt in seinem Geschäftsbericht: «Die Kundenentwicklung war auch 2016 erfreulich: Knapp 30'000 Neukunden bestellten bei ‹Zur Rose›.» Eine Prognose zum Marktpotenzial will Sprecherin Pascale Ineichen nicht wagen, sagt aber: «Wir glauben, dass die Digitalisierung nicht aufzuhalten ist, auch nicht im Gesundheitswesen.»

Jede vierte Apotheke womöglich vor dem Aus

Eine Entwicklung, die Martina Sigg Sorgen macht. Die Apothekerin und FDP-Grossrätin aus Schinznach-Dorf sagt: «Wir spüren die Konkurrenz. Schon jetzt wissen wir von vielen Personen, die online bestellen, statt bei uns vorbeizukommen. Diese Entwicklung wird zunehmen, das ist klar.» Und auch der oberste Aargauer Apotheker hat schon Kunden verloren. Der Preisdruck werde kaum sinken. Auch deshalb rechnet Lukas Korner damit, dass schweizweit innerhalb der nächsten zehn Jahre knapp ein Viertel der Apotheken wird schliessen müssen. Und die Konkurrenzsituation könnte sich auch ausserhalb der
digitalen Welt verschärfen: Erst vergangene Woche hat «Zur Rose» in Bern eine erste sogenannte Shop-in-Shop-Apotheke in einer Migros-Filiale eröffnet. Ein Pilotprojekt, das bei Erfolg auf weitere Stand-orte in der Schweiz ausgeweitet wird.