Interview
Aargauer Ammänner-Präsidentin Renate Gautschy: «Es hat sich vieles zum Besseren getan»

Eine neue Untersuchung über die Entschädigung für Gemeindeammänner und Gemeinderäte zeigt jetzt: Die Unterschiede wurden kleiner, sind aber immer noch sehr gross. Wir haben Gemeindeammänner-Präsidentin Renate Gautschy zu den Ergebnissen der neuen Lohnuntersuchung befragt.

Mathias Küng
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Renate Gautschy ist Ammänner-Präsidentin im Aargau.

Renate Gautschy ist Ammänner-Präsidentin im Aargau.

cm Bild: Severin Bigler

Frau Gautschy, als Ihre Vereinigung eine erste Umfrage machte, knarrte es gehörig im Gebälk. Warum machten Sie jetzt nochmals eine?

Renate Gautschy: Ja, es rumpelte wirklich fest, als wir die Entschädigungsempfehlungen herausgaben. Das war aber auch zu erwarten, das wussten wir. Wir haben sie trotzdem gemacht, damals im Zusammenhang mit der Studie zum Milizsystem. Jetzt haben wir im Auftrag des GAV-Vorstandes gehandelt, wir wollten sehen, wie wir mit der nebenberuflichen Entschädigung unterwegs sind, auch weil uns das Milizsystem am Herzen liegt. Dazu gehört auch eine verhältnismässige Entschädigung. Es ist nur ein Teil davon, das Milizsystem stärken zu können, das ist uns bewusst.

Hat sich denn seit damals wirklich etwas bewegt?

Oh ja. Unsere damalige Umfrage mit den Empfehlungen hat sehr viel ausgelöst. Die neusten Resultate haben uns positiv überrascht. Das gilt auch für die grosse Anzahl von Gemeinden, die mitgemacht haben, wofür wir herzlich danken. Dank ihnen können wir in der Studie ein repräsentatives Bild der Entschädigungen für Gemeindeammänner, Vizeammänner und Gemeinderäte zeichnen.

Was hat Sie denn am meisten positiv überrascht?

Es hat sich vieles zum Besseren getan. So ist seit der letzten Umfrage die minimale Jahresentschädigung für einen Gemeinderat bei den teilnehmenden Gemeinden von 1000 Franken auf 5000 Franken im Jahr gestiegen.

Für so eine verantwortungsvolle Tätigkeit ist das nicht opulent.

Ein Gemeinderatsamt bleibt ein Ehrenamt. Das ist auch richtig so. Doch nicht nur die tiefste Entschädigung ist angehoben worden, auch sonst gab es erstaunlich viele massvolle Anpassungen. Anpassungen müssen jeweils gut begründet werden können. Wenn man das kann, ist die Bevölkerung bereit, die Entschädigung anzuheben. Damit zeigt sie ihre Wertschätzung für die Arbeit unserer rund 1000 Gemeinderätinnen und Gemeinderäte beziehungsweise Gemeindeammänner. Der Aargau hebt aber nicht ab. Er bleibt trotz verbesserter Entschädigungen der ‹ehrenamtlichste› Kanton der Schweiz.

Was sind denn Begründungen, um die Entschädigung aufzustocken?

Etwa wenn eine Gemeinde einwohnermässig spürbar wächst, die Aufgaben entsprechend zunehmen, (auch aufgrund von Gesetzesanpassungen) grosse Infrastrukturausbauten geplant werden müssen, oder wenn es viele neue Arbeitsplätze gibt, was auch zusätzliches Engagement der Gemeinde verlangt. Dafür haben die Bürgerinnen und Bürger Verständnis, das sehen sie. Wer aber einfach so eine Erhöhung beantragt, hat schlechte Karten.

Steigt jetzt die Bereitschaft wieder, für so ein Amt zu kandidieren?

Geld steht dabei für niemand im Vordergrund. Wer kandidiert, tut dies, weil er oder sie sich fürs Gemeinwohl einsetzen will, nicht der Entschädigung wegen. Dass diese angehoben wurde, ist trotzdem richtig und wichtig, weil nicht nur Gemeindeammänner, sondern auch viel Gemeinderäte dafür ihr Berufspensum reduzieren oder anders organisieren müssen. Für junge Familien mit Kindern ist die Organisation für ein Gemeinderatsamt beruflich und finanziell oft sehr schwierig.

Machen die Arbeitgeber eigentlich jeweils mit, auch internationale Konzerne?

Wir stellen bei KMU und auch bei grossen Konzernen viel Verständnis für unser Milizsystem fest. Da hapert es kaum je. Zumal, weil ein Gemeinderatsamt sehr vielfältig und anspruchsvoll ist. Was man da etwa führungsmässig lernt oder lernen kann, nützt einem oft auch im Beruf. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Ich möchte aber nicht beschönigen, wir leben in einer sehr komplexen Berufswelt, diese Situation ermöglicht nicht immer ein Nebenamt.

Sie machten die Umfrage mit Blick auf die Gemeindewahlen 2021. Hoffen Sie, dass sich jetzt auch mehr Junge begeistern lassen?

Ich verstehe es, wenn die Zeit für viele Junge noch nicht da ist. Wenn man jung ist, steckt man noch in der Ausbildung, baut eine Familie auf, und ist mitten in der Karriereplanung. Leider haben in dieser Legislatur aus solchen Gründen auch junge Leute ihr Amt zurückgegeben. Ich hoffe trotzdem sehr, dass sich viele junge Frauen und Männer melden. Die ehrenamtliche Entschädigung ist nicht ausschlaggebend. Die «mögliche Zeit» oder eben «unmögliche Zeit» steht im Vordergrund.

Nimmt die Zahl der Gemeinden weiter zu, die von Pensionären geleitet werden, weil sie Zeit haben?

Nein, dieser Trend akzentuiert sich nicht weiter. Aber es ist so, dass viele sagen, jetzt hätten sie Zeit. Wir sind froh um Leute mit viel Lebenserfahrung. Aber es braucht eine gute Altersdurchmischung auch in der Gemeindepolitik, so fliessen alle Interessen ein. Ich bin sehr gespannt, und hoffe, dass sich nächstes Jahr auch wieder mehr Frauen für das Gemeindeammannamt zur Verfügung stellen: Trauen Sie sich!