Für die Aargauer Ärzteschaft gilt ein gesetzliches Selbstdispensationsverbot. Demnach sind Medikamente in der Apotheke zu beziehen, die Ärzte dürfen ihren Patientinnen und Patienten Medikamente nur im Notfall abgeben respektive diese unmittelbar anwenden.

Ausnahmegenehmigungen gibt es für Ärzte dort, wo die nächste Apotheke zu weit weg ist. Die Ärzte wollen dieses Verbot jetzt mit einer Initiative (vgl. Box) abschaffen. Der Aargauische Ärzteverband eröffnete gestern in Aarau mit einer Medienkonferenz den Abstimmungskampf zum 22. September, an dem über ihre und eine Gegeninitiative der Apotheker entschieden wird.

Sorge um Arzt-Grundversorgung

Hausärzte haben grosse Nachwuchsprobleme. Es komme ihm vor wie ein Fussballklub ohne Nachwuchsförderung, sagt Hans-Ulrich Iselin, Präsident des Aargauischen Ärzteverbandes. Er sorgt sich, dass die Grundversorgung zusammenbrechen könnte.

Ein Beleg für die schwache politische Lobby der Ärzte ist für ihn die Behandlung des neuen Gesundheitsgesetzes im Grossen Rat. Da seien fast alle Anliegen der Ärzte «vom Tisch gewischt worden». Dies hat laut Iselin besonders bei den niedergelassenen Ärzten zu grosser Frustration geführt.

Jetzt wollen die Ärzte das Selbstdispensationsverbot kippen. Demnach soll es ihnen laut Ärzteverband künftig freigestellt sein, «ob sie ihren Patientinnen und Patienten Medikamente in der Arztpraxis abgeben oder ob sie ihre Kunden weiterhin mit dem Rezept in die Apotheke schicken wollen».

Die Patienten sollen künftig «frei entscheiden können, ob sie ihre Medikamente direkt beim Arzt beziehen wollen».

Eine solche Regelung gelte in 17 der 19 Deutschschweizer Kantone, argumentieren die Ärzte. Dies führe auch nicht zu einem Apothekensterben. Das zeige sich im Kanton Zürich. Das ist auch die Auffassung des Aarauer Arztes Jürg Lareida vom Initiativkomitee:

«Apotheker, die es gut machen, überleben.» Er bereut, dass sich die Aargauer Ärzte vor Jahrzehnten bei der Medikamentenabgabe freiwillig immer mehr zurückgezogen haben. Das sei «durch immer schärfere Gesetze bestraft worden». Früher habe ein Landarzt problemlos eine Privatapotheke führen können. Lareida: «Heute ist dieser auf den Goodwill der Apotheker angewiesen. Das ist sehr, sehr stossend.»

«Geld nicht primäre Triebfeder»

Geld sei nicht die primäre Triebfeder für die Initiative, weist Lareida einen Hauptvorwurf der Apotheker zurück. Man wolle aber kein «unsinniges Monopol einer Berufsgruppe» mehr, das die Patienten bevormunde.

Die Selbstdispensation reduziere die Gesundheitskosten und bringe direkten Medikamentenzugang gerade für ältere und gebrechliche Patienten. Das sieht Mitinitiantin Doris Fischer-Taeschler, Geschäftsführerin der Diabetes-Gesellschaft, genauso.

Gerade nicht mehr so mobile Patienten seien auf eine gute (Ärzte-)Grundversorgung angewiesen: «Auch Hausarztpraxen auf dem Land sollen überleben.» Deshalb kämpfen die Ärzte für ein Ja zu ihrer Initiative «zur Wahlfreiheit beim Medikamentenbezug» und für ein Nein zur Apotheker-Gegeninitiative, die das geltende Selbstdispensationsverbot gar in der Verfassung verankern will.