Ungeziefer
Aargau: Moschusbock sorgt im Kanton für Verwirrung

Der asiatische Laubholzbockkäfer sorgte jüngst in mehreren Kantonen für besorgniserregende Schlagzeilen. Aargau Hobbygärtner wollen dem asiatischen Laubholzbockkäfer zu Leibe rücken. Doch sie töten den Falschen.

Sabina Galbiati
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Aus China zugewandert: der asiatische Laubholzbockkäfer

Aus China zugewandert: der asiatische Laubholzbockkäfer

Zur Verfügung gestellt

Im Aargau bekommt der Asiat plötzlich Konkurrenz vom Moschusbock. Allein in den letzten Tagen erreichten die Abteilung Wald des Kantons Aargau vier Päckchen per A-Post. Deren Inhalt: jeweils ein toter Moschusbock. Dieser gehört jedoch zu den einheimischen Käferarten. Die Käfer wurden aus den Gemeinden Magden, Waltenschwil, Oberentfelden sowie Hendschiken zugeschickt und allesamt mit dem gefürchteten Exoten aus China verwechselt. Auch in Zofingen will jemand den Schädling aus Asien gesehen haben. Doch auch hier stellte sich bald heraus, dass es sich um eine einheimische Bockart handelt.

100 einheimischen Bockkäferarten

«Inzwischen halten Laien jedes Insekt mit langen Fühlern für den berühmt berüchtigten Laubholzbockkäfer», sagt Beat Forster von der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf. Mit über 100 einheimischen Bockkäferarten ist es für Gartenbesitzer oder Parkbesucher äusserst schwierig, den Exoten aus China von den heimischen Arten zu unterscheiden. Da jedoch der eidgenössische Pflanzenschutzdienst für die asiatische Bockkäferart eine Meldepflicht eingeführt hat, kommt so mancher Gartenbesitzer in Bedrängnis: «Man zwingt die Leute auch auf eine Gratwanderung, wenn sie als Laien plötzlich all die Käfer unterscheiden sollen, weil es Pflicht ist, den Schädling zu melden», kritisiert Marcel Murri, Leiter der Sektionskoordination und Ökologie der Abteilung Wald im Kanton Aargau.

Eindringling ohne Pfupf

Zwar sei man froh um die Aufmerksamkeit in der Bevölkerung, versichert Murri. Weil der Fremdling gesunde Laubbäume befällt und sich exponentiell vermehrt, könnte er in wenigen Jahren zu einer echten Bedrohung für die Waldwirtschaft werden. «Doch sind die klimatischen Bedingungen in Nordeuropa nicht so optimal wie in China oder Italien, was den asiatischen Laubholzbockkäfer hier zulande sehr träge macht». Er vermehrt sich nur im Zweijahreszyklus. Ist er erst einmal geschlüpft, fliegt er lediglich einige Hundert Meter, um sich auf einem möglichst freistehenden und sonnenbeschienenen Baum wieder einzunisten. «Wir müssen in dem Sinne auch nicht übermorgen schon mit einer Invasion rechnen», beruhigt Murri.

Ganz anders schätzt Martin Erb von der Baumpflegefirma Tilia AG in Frick die möglichen Konsequenzen ein: Beispiele aus Österreich, Italien oder Kanada zeigen uns sehr gut, wie gefährlich der Schädling werden kann. «Die Österreicher haben gut 8 Jahre gebraucht, bis sie den Laubholzbockkäfer wieder losgeworden sind und es ist noch nicht sicher, dass er wirklich ausgerottet wurde». Besorgniserregend sei vor allem, dass er gesunde Laubbäume angreift und keine natürlichen Feinde hat.

Ähnlich argumentiert Beat Forster vom WSL: «Sogar in China, wo das Insekt ursprünglich herkommt, hat man teilweise grosse Probleme und muss Waldstücke zwangsroden.» Ganz so dramatisch schätzen die Förster die Situation für die Schweiz allerdings noch nicht ein. Bei unserem derzeitigen Klima werde sich dieser asiatische Käfer in den Wäldern kaum wohlfühlen, lautet die vorläufige Prognose.

Bittere Ironie

Der asiatische Laubholzbockkäfer kam nicht zufällig bis in die Schweiz. Die Zwangsrodungen in China führten zu Zwangsnutzungen des befallenen Holzes und so nahm das Unheil seinen Weg nach Europa. Man fertigte aus dem billigen Holz Transportpaletten an und belud sie mit chinesischem Granit. Die Fracht erreichte schliesslich per Schiff über den Rhein Birsfelden im Kanton Baselland, wo man feststellte: Im unbehandelten Holz der Paletten schiffte man auch den gefürchteten Schädling ein.

Martin Erb reagiert auf die Thematik verärgert. «Der Eidgenössische Pflanzenschutzdienst hat bereits vor gut fünf Jahren auf die Problematik hingewiesen, doch die Politik hat die Warnung verschlafen». Dass man auch die zahlreichen Fallbeispiele aus anderen Ländern ernster hätte nehmen müssen, mag seine Richtigkeit haben, doch verweist Beat Forster auf ein allgemeineres Problem der Globalisierung. «Bei den riesigen Frachtmengen, die heute auf der ganzen Welt im Umlauf sind, braucht es nur ein oder zwei Prozent, die nicht sorgfältig geprüft worden sind und schon ist das Unglück passiert.» Im Fall des Chinagranits hätten die Paletten unbedingt mit Gas behandelt werden müssen, «oder man hätte das befallene Holz gar nicht als Verpackungsmaterial verwenden dürfen», insistiert Martin Erb.

Zukunft ungewiss

Angesichts der vielen Verwechslungen mit dem einheimischen Moschusbockkäfer dürfte der reisefreudige Exot aus China zunehmend auch für diesen eine Bedrohung darstellen, sollten noch mehr A-Postpäckchen aus Aargauer Gemeinden mit toten Moschusböcken beim WSL eintreffen.

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