Aargau in Zahlen

Arme, Junge, Chefärzte: Pfändungen haben massiv zugenommen

Die Zahl der Pfändungen im Kanton Aargau hat sich seit 1991 fast verdreifacht. (Symbolbild)

Die Zahl der Pfändungen im Kanton Aargau hat sich seit 1991 fast verdreifacht. (Symbolbild)

In den letzten zwanzig Jahren haben die Pfändungen im Aargau massiv zugenommen. Das liegt auch daran, dass Betreibungen heute leichter möglich sind. Betroffen von Pfändungen sind vermehrt junge Leute. Der häufigste Grund sind unbezahlte Steuern.

Fast verdreifacht hat sich die Zahl der Pfändungen seit 1991 im Kanton Aargau. Ein Blick auf die Statistik zeigt: Im 2013 waren es 99'411. Am meisten gepfändet wurde im Bezirk Baden mit 20'749 Pfändungen im letzten Jahr. Dahinter folgt Zofingen und Brugg mit je rund 12'500 Pfändungen.

Reto Hochuli ist seit zwanzig Jahren Betreibungsbeamter und heute Leiter des Betreibungsamtes in Buchs. Er sagt: «Ich höre die unterschiedlichsten Geschichten von den unterschiedlichsten Menschen.» Da gäbe es die Working Poor, die sich verschulden und in einem Teufelskreis stecken, Chefärzte, die nach einer Scheidung hohe Lebenskosten zu bezahlen haben oder junge Leute, die auf Kredit leben.

Die Zunahme der Pfändungen habe nicht nur mit der Zunahme der Wohnbevölkerung zu tun. Heute lebe man anders als früher. Wer Geld habe, gebe es aus. «Die Konsumgesellschaft hat sich verändert. Es ist Wahnsinn, heute kann man sogar Ferien auf Raten abbezahlen.» Vor allem viele junge Leute würden vermehrt gepfändet. Er schätzt, dass sie 30 bis 35 Prozent aller Gepfändeten im Kanton Aargau ausmachen. «Junge Leute schliessen Leasing-Verträge ab, können die Steuern nicht mehr bezahlen und schon ist es passiert.»

Hohe Krankenkassenkosten

Unbezahlte Steuern sind der häufigste Grund für Pfändungen. Auf Rang zwei ist das Nichtbezahlen der Krankenkasse. Hochuli sagt, die Krankenkasse habe die Inkasso-Unternehmen abgelöst, die lange Zeit ebenfalls hoch auf der Liste für Pfändungsgründe gestanden habe. «Dass heute die Krankenkassenkosten nach oben explodieren, treibt vor allem arme Leute in die Schuldenfalle.» Schon eine hohe Zahnarztrechnung könne ausreichen, um die Finanzen aus den Fugen zu bringen.

Pfändungen im Kanton Aargau 2013

Pfändungen im Kanton Aargau 2013

Betreibungsinspektor Martin Gianutt sieht noch andere Gründe für die steigende Zahl der Pfändungen. Er sagt, früher seien mehr Betreibungen abgeschrieben worden. Heute sei es mit den Computersystemen einfacher, eine Person zu betreiben und zu pfänden. «Früher hat sich der Aufwand nicht gelohnt, wegen zwanzig nicht bezahlten Franken jemanden zu betreiben. Heute braucht es dazu nur einen Klick im Internet.»

Gianutt sieht, dass die Schuldner gleichgültiger geworden sind. Die allermeisten Personen hätten nicht nur eine Pfändung sondern gleich mehrere am Hals. «Sie können sich nur schwer aus den Schulden stemmen und das Sparen fällt ihnen schwer.»

Es gibt nicht nur mehr Pfändungen sondern es gibt auch mehr Pfändungen, die abgeschrieben werden müssen, sogenannte «fruchtlose Pfändungen». Im letzten Jahr gab es bei 21 133 Pfändungen nichts zu holen, weil der Schuldner nichts besitzt, das pfändbar wäre.

Betreibungsbeamter Reto Hochuli sagt, in den allermeisten Fällen werde der Lohn gepfändet. «Nur selten müssen wir zu einer Person nach Hause ausrücken, um zu schauen, was es wir mitnehmen könnten.» Solche Heimbesuche seien eine sehr unangenehme Sache, wenn man sehe, wie diese Leute lebten.

Im Vergleich mit den anderen Kantonen steht der Aargau auf dem fünftobersten Platz. Die allermeisten Pfändungen gibt es im Kanton Zürich mit 190 240 Pfändungen im Jahr 2013. Darauf folgen Waadt, Bern, Genf und der Aargau.

Meistgesehen

Artboard 1