Wochenkommentar
Aargau in den Schlagzeilen – Vorbei sind Zeiten als Durchschnittskanton

Das Selbstvertrauen des Aargaus ist erstarkt – und gibt wegen Aktionen zu Asylbewerbern und Sozialhilfeempfängern landesweit zu reden gibt. Der Aargau tickt auch anders als andere, schreibt az-Chefredaktor Christian Dorer in seinem Wochenkommentar.

Christian Dorer
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Aargauer Aktionen zu den Themen Asyl und Sozialhilfe sorgten landesweit für Aufsehen.

Aargauer Aktionen zu den Themen Asyl und Sozialhilfe sorgten landesweit für Aufsehen.

AZ-Archiv

Der Aargau steht derzeit oft landesweit in den Schlagzeilen. Grund dafür sind kuriose Aktionen. Neustes Beispiel: Der Gemeinderat Riniken bittet Hausbesitzer, sie mögen keine Wohnungen an Sozialhilfebezüger vermieten, denn diese belasteten das Budget stark.

Oberwil-Lieli kauft leerstehende Häuser auf und lässt sie abreissen, damit ja keine Flüchtlinge einziehen. In Aarburg gehört das wöchentliche Protestgrillen gegen die Unterbringung von Flüchtlingen inzwischen zum festen Programm des kleinstädtischen Lebens; selbst der reformierte Pfarrer macht mit, weil er findet: «Liebe deinen nächsten wie dich selbst – das heisst doch auch, dass man sich selber nicht vergessen darf.» Der Zürcher «Tages-Anzeiger» widmete dem Aargau kürzlich eine Seite und fragte: «Tickt dieser Kanton anders als andere?»

Christian Dorer «Der Aargau hat sich vom soliden Durchschnitt zu einem der innovativsten Kantone entwickelt.»

Christian Dorer «Der Aargau hat sich vom soliden Durchschnitt zu einem der innovativsten Kantone entwickelt.»

Aargauer Zeitung

Die Antwort lautet: ja. Vorbei sind die Zeiten als Durchschnittskanton, vorbei die Zeiten, als eidgenössische Abstimmungen oft so herauskamen wie im Aargau. Heute stimmt der Aargau konservativer als der Landesdurchschnitt. Das kann man je nach persönlicher Einstellung begrüssen oder bedauern, fest steht: Damit verbunden ist ein deutlich selbstbewussterer Auftritt.

Lange Zeit diente der Aargau vor allem als Abfallkübel der Nation. Hier baute man Atomkraftwerke, lagerte Abfälle, führte die Hauptverkehrsadern durch, liess Flugzeuge drüberfliegen – und nahm den Aargau sonst kaum zur Kenntnis.

Der Aargau ist in der Schweiz das, was die Schweiz in Europa

Heute wehrt sich der Aargau gegen Lasten, die ihm aufgebürdet werden. Heute fällt der Aargau in der Schweiz auf – so, wie die Schweiz heute in Europa auffällt. Damit ist der Aargau in der Schweiz das, was die Schweiz in der EU ist: ein eigenständiges, etwas widerborstiges Gebilde, das gern nach seinen eigenen Regeln funktionieren will; ein Gebilde, auf das die anderen gleichermassen bewundernd wie genervt blicken.

Oft wird gesagt, die EU müsse sich der Schweiz anpassen, also demokratischer und föderalistischer werden. In der Schweiz könnte es gut sein, dass sich das Land dem Aargau anpassen wird. Er ist bereits nach rechts gerutscht – vieles deutet darauf hin, dass die Schweiz in den nächsten Wahlen ebenfalls nach rechts rutschen wird.

Die EU verurteilt das Ja der Schweiz zur Masseneinwanderungsinitiative («Rosinenpickerei»), in der europäischen Bevölkerung hingegen gibt es Sympathien dafür. Die offizielle Schweiz verurteilt den Aarburger Widerstand gegen Flüchtlinge («Beschämend!»), zumindest in gewissen Teilen der Bevölkerung geniesst die Aktion Sympathien.

Das erstarkte Selbstbewusstsein des Aargaus, die grössere Aufmerksamkeit, die er erfährt: Das ist nicht Zufall, das hat gute Gründe. Der wichtigste: Der Aargau hat sich vom soliden Durchschnitt zu einem der innovativsten Kantone entwickelt. Im UBS-Index zur Wettbewerbsfähigkeit steht er auf Rang 4. Im CS-Index zur Standortqualität hat er sich auf Rang 3 vorgearbeitet. Standard & Poors gibt dem Aargau eine AAA-Wertung, was Zugang zu günstigeren Zinsen bietet.

In den letzten Jahren hat der Aargau eine Milliarde Franken Schulden abgebaut, er wächst überdurchschnittlich stark, weil er attraktiv ist. So erhält er auch in Bern mehr Gewicht mit einem 16. Nationalratssitz ab 2015. Er ist ein bedeutender Fachhochschul-Standort geworden.

Und mit seiner Hightech-Initiative will er das Terrain für Zukunftsbranchen verbessern, damit mehr Hochqualifizierte kommen, die für mehr Steuereinnahmen sorgen. Damit sinkt die Abhängigkeit vom Finanzausgleich weiter – der Aargau erhält Jahr für Jahr weniger, ebenfalls ein Zeichen für Prosperität.

Der Aargau bringt Top-Persönlichkeiten hervor

Der Aargau hat seine Langeweile und seine Biederkeit längst abgestreift. Das zeigt sich nur schon an seiner Regierung: Darin sitzen fünf Persönlichkeiten, die man sich fast alle auch anderswo in Top-Positionen vorstellen könnte, flankiert vom innovativsten Staatsschreiber der Schweiz.

Der Aargau bringt erstaunlich viele Persönlichkeiten von Format hervor, er könnte den Bundesrat beinahe alleine besetzen, falls es sein müsste: Pascale Bruderer und Urs Hofmann für die SP, Philipp Müller und Christine Egerszegi für die FDP, die CVP-Bundesrätin ist bereits Aargauerin, und falls die Grünen Anspruch auf einen Sitz hätten – Regierungsrätin Susanne Hochuli wäre die Favoritin.

Auch wichtige Wirtschaftsführer sind Aargauer: Der Neuenhofer Peter Voser leitete bis vor kurzem den 450-Milliarden-Dollar-Konzern Shell. Der Brugger Reto Francioni führt die Deutsche Börse, der Wettinger Herbert Bolliger die Migros. Der Würenloser Hansueli Loosli präsidiert die Swisscom. In welchem Kanton gibt es das sonst?

Die az hat Persönlichkeiten gefragt, warum der Aargau anders tickt. Der frühere Kulturchef Hans Ulrich Glarner sagt: «In einem Kanton, der sich in kurzer Zeit aus bescheidenen Verhältnissen hochgearbeitet hat, ist die Verlustangst möglicherweise grösser als andernorts.» Wenn diese Angst zum Festklammern am Alten und zur Blockade führt: schade. Wenn sie zu Selbstvertrauen und aussergewöhnlichen Leistungen führt: umso besser.